Der starre Wahn

DT-Kammerspiele: Peter Wittenberg zeigt »Antigone«

  • Von Gunnar Decker
  • Lesedauer: ca. 3.5 Min.
Was macht Macht mit Menschen? Macht sie taub, sie hören nichts mehr. Das ist so geblieben, mit der Taubheit der Herrschenden - seit Sophokles »Antigone« vor 2443 Jahren in Athen uraufgeführt wurde. Und nun schlägt uns, auch außerhalb des Theaters, wieder einmal die Stunde der Klassiker - der bitter ernsten Fragen. Peter Wittenberg, zuletzt in Berlin am Gorki-Theater mit Lars Noréns »Dämonen« zu sehen, verließ sich ganz auf die Stärke des Textes - und tat gut daran. Wittenberg lässt sich nicht durch Äußerlichkeiten von den zentralen Fragen abbringen. Weder der Versuchung zu falscher Historisierung noch zu vordergründiger Aktualisierung erliegt er. Ausgangspunkt des Geschehens ist der Brudermord der Söhne des Ödipus, die sich gegenseitig im Kampf um die Macht in Theben töten. Kreon, der neue Herrscher, lässt nur Eteokles, den Verteidiger der Stadt, bestatten und befiehlt, den Putschisten Polyneikes zum Zeichen seiner Ehrlosigkeit unbestattet zu lassen. Die Schwester Antigone sieht darin einen ihr unerträglichen Frevel. Verbrechen, Unrecht und Strafe, das alles sind für sie Angelegenheit der Lebenden; den Toten aber gebührt Frieden, unabhängig von ihren früheren Taten. Darum setzt sie sich über das Verbot Kreons hinweg und bestattet Polyneikes. Sie reizt damit Kreon so, dass er sie als Gesetzesbrecherin ebenfalls zum Tode verurteilt. Kreon, hier im zivilen Abendanzug, steckt doch ganz in der Haut eines absolutistischen Herrschers. Da holt ihn niemand heraus, das ist sein Schicksal. Durch Antigones moralische Emphase provoziert, wandelt er sich zum Despoten, der alle ins Verderben reißt. Kreon krankt daran, dass es ihm an der Größe fehlt, Gnade zu üben. Das Programmheft zeigt Fotos von Hinrichtungszellen in den USA, und ich denke an Thomas Mann, der aus Anlass der Waldheimer Prozesse an Walter Ulbricht die inständige Bitte richtete, die im Halbstundentakt zum Tode Verurteilten zu begnadigen. Denn: »Unbegnadet ist der starre Wahn«. Was heißt: indem er sich als unfähig erweist, Gnade zu üben, ist er auch unbegnadet - er richtet sich in seinem Starrsinn selbst. Der Widerstreit zwischen Kreon und Antigone führte immer schon zu den aufregendsten intellektuellen Selbstverständigungsdebatten. Hegel sah hier »öffentliches Recht« und »innere Familienliebe« gleichrangig aufeindertreffen (mit Sympathiepunkten fürs öffentliche Staats-Recht). Und jemand, von dem man es so nicht erwartet hätte, stellte sich entschieden auf die Seite Antigones: Goethe. »Kreon handelt keineswegs aus Staatstugend, sondern aus Haß gegen den Toten.« Antigone verteidigt als machtlose Einzelne, um den Preis ihrer Existenz, das sittliche Gesetz: »Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da.« Aber diese bekennende Liebe produziert den Hass der lieblos Herrschenden. Es zeichnet Peter Wittenbergs Inszenierung aus, dass all diese Überlegungen nichts nachträglich von außen Herangetragenes sind, sondern sinnfällig auf der Bühne der DT-Kammerspiele verhandelt werden. Auch Wittenbergs Entscheidung, die handelnden Personen aus der Anonymität des Chores hervor- und wieder in sie zurücktreten zu lassen, hat etwas Bezwingendes. Der Chor, das ist die gemeinsame Hintergrund-Stimme derer, die im Vordergrund so erbittert gegeneinander streiten - im idealen Zustand ihrer durch Versöhnung erworbenen Klugheit. Es sind zwei der »alten« Schauspieler, die hier Maßstäbe setzen: Dieter Mann als ein Kreon, der niedrige Gesinnung überzeugend-beredt vor sich selbst verbirgt, bis es zu spät zur Umkehr ist. Und Jutta Wachowiak, die als unkorrumpierbarer Seher Teiresias die Machthybris Kreons bezwingt. In diesem dramatischen Kampf um die wahre Perspektive auf menschliches Handeln zwischen Kreon und Teiresias knüpfen Mann und Wachowiak an ganz große und auch auf der Bühne des Deutschen Theaters selten zu erlebende Darstellerleistungen früherer Jahre an. Da haben es die Jungen schwer, zumal auch Simone von Zglinicki als Kreons Frau Eurydike bereits durch bloße Anwesenheit eine Präsenz erreicht, von der Inka Friedrich als Antigone, Beata Lehmann als Ismene und David Rott als Kreons Sohn Haimon noch entfernt sind. So gerät Inka Friedrichs Antigone eindeutig zu sehr zum zickigen Ich-will-das-eben-so-Girlie. Doch vermögen diese Unzulänglichkeiten aus Unreife der Inszenierung nicht wirklich zu schaden, da man allen die maximale Bereitschaft, bis an die eigenen Grenzen zu gehen, glaubt. Hoffen wir also auf Künftiges. Und der junge Andreas Bisowski, vom Gorki-Theater kommend, beweist bereits jetzt mit seiner Rolle als Wächter, dass er nicht nur das Zeug zum großen Komödianten (ohnehin) hat, sondern jeder Figur etwas unverwechselbar Eigen...

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