Guevara, Bunke, Castro und Allende

Sanfte Revolution in Hollywood? - Walter Salles Roadmovie »Die Reise des jungen Che« und was sich sonst noch rechnet

  • Eberhard Panitz
  • Lesedauer: 9 Min.
Schon vor Jahr und Tag, Jahrzehnte nach seiner Ermordung in den Anden durch bolivianische Ranger und CIA-Agenten, wurde der Arzt, marxistisch gebildete Revolutionär und einstige kubanische Wirtschaftsminister Che Guevara von der westlichen Mode- und Medienwelt zur Kultfigur und zum Pop-Star erklärt. Da kam es nicht mehr so sehr auf Einzelheiten und Wirkliches an, gleich gar nicht um klar umrissene politische Ziele und Kämpfe - ein Poster und ein T-Shirt mit dem retuschierten Konterfei irrlichterten weltweit. »Che ist der erste (und letzte) Linke, der zum Pop-Star wurde, ein Übermensch wie John F. Kennedy, wie Humphrey Bogart oder Micky Maus, wie Jesus oder Tarzan. Er sah gut aus, er kämpfte für das Gute, er schoß gut, er war mutig und er wurde ermordet -er hatte alles, was einen Menschen unsterblich macht«, schrieb der »Spiegel« zu dessen dreißigstem Todesjahr. In den emsig gefertigten Filmen, Theaterstücken und sogar Musicals sei er Stück für Stück zu einem »Heiligen« geworden, der Zigarre rauchte und viele Frauen hatte - »so stark und so edel, daß die Leute vom "Mythos" zu sprechen begannen, was sie immer dann tun, wenn sie nicht mehr genau wissen, weshalb ein allseits verehrter Mensch verehrt wird.«

Nun ist wieder ein Che-Film da, weitere werden angekündigt. Der »Spiegel« ist erneut sehr rührig und widmet ihm das Titelblatt seines monatlichen »Kulturspiegels«, nennt ihn jetzt freundlich den »sanften Rebellen«, aber macht zugleich dingfest, dass mit dieser »Reise des jungen Che« so etwas wie eine »Revolution im Hollywood-Kino« angeführt werde. Robert Redford, der Produzent dieses Filmes, erklärt: »Nichts hält einen Mythos so frisch wie ein früher Tod«, also plant man gleich das nächste Che-Spektakel, diesmal direkt Ende und Tod in Bolivien: »Franka Potente soll Guevaras Gefährtin Tamara Bunke spielen, die Anfang der sechziger Jahre aus der DDR nach Kuba ging und wenige Wochen vor Che ebenfalls in Bolivien starb.« Vor drei Jahren hatte ich davon schon durch Alexander Osang gehört, der aus Hollywood in »Spiegel«-Diensten kam und auch bei Nadja Bunke, Tamaras Mutter, vorfühlte, wie sie über das »Roadmovie« - den Motorradfilm - und einen weiteren, nämlich »romantischen Film« eines anderen Produzenten dächte: Che Guevara und Tamara. »Sie trifft ihn, und es wirft sie um. Da stehen all diese Parteibürokraten in ihren billigen Anzügen, und plötzlich kommen die Kubaner an, sie stecken in Kampfuniformen, sie haben Bärte, Barette und rauchen Zigarren. Wenig später geht sie nach Kuba, da passiert es. Sie trifft Che wieder, und er bittet sie, mit ihm die Revolution in die Welt zu tragen. Sie geht ins beschissene Bolivien, heiratet zum Schein einen einheimischen Jungen, sie hat inzwischen schon drei oder vier Identitäten und wartet auf Che. Zwei Jahre lang ganz allein. Eine junge Revolutionärin zwischen all diesen rechten Bolivianern. Dann kommt Che, geht in den Dschungel, verrennt sich. Und im Finale entscheidet sich diese Mata Hari, diese aufregende, außerordentliche Frau, an seiner Seite zu sterben.« Allerdings war laut Osang im »Spiegel« (11. 3. 2002) damals noch Kati Witt als »Mata Hari« im Gespräch, jetzt müssen wir wohl demnächst mit »Lola rennt« im Dschungel rechnen.
Und es kommt noch mehr auf uns zu: Salvador Allende und die deutsche Kommunistin Olga Benario, die an der Seite des »Ritters der Hoffnung« Luiz Carlos Prestes, des brasilianischer KP-Chefs, im südamerikanischen Freiheitskampf focht - allesamt einst Todfeinde der USA, sind heutigentags zu Superhelden im Hollywood-Kino avanciert. Hatte man jahrzehntelang die schändlichsten Militärregimes und Terrorgruppen mit Dollarmillionen bedacht, so fließen heute reichlich Gelder in die Filme über jene Revolutionäre, die früher von diesen Regimen oder den allseits präsenten US-Diensten gejagt und niedergemetzelt wurden. Wer sich über diese »Wende« der Leinwandidole wundert, mag sich wundern. »Vielleicht hat dies mit der aktuellen aggressiven Außenpolitik der USA zu tun, vielleicht auch mit der Erkenntnis ihres Scheiterns, die längst nicht mehr allein bei den demokratisch orientierten Intellektuellen des Landes zum Comon Sense gehört«, mutmaßt der neueste »Kulturspiegel«. »Jedenfalls scheint es für Hollywood geboten, sich nun mit den Verwüstungen zu beschäftigen, welche die Weltmacht jahrzehntelang im Süden des eigenen Kontinents angerichtet hat. Warum, so lautet die Frage, werden wir selbst von unseren Nachbarn so gehaßt?«

Auch eines noch lebenden Revolutionshelden aus der nächsten Nachbarschaft - keineswegs jung an Jahren - hat man sich angenommen: Fidel Castro. Zwar hatte Robert Redford erklärt, dass Castro deshalb »nie die kultische Verehrung« zuteil werden könne wie Che - mehr als hundert Attentate und Terroranschläge auf ihn waren ja missglückt. Oliver Stone, der Regisseur weltberühmter Filme wie »Platoon«, »John F. Kennedy«, »Natural Born Killers«, sah keinen Grund, deshalb dem leibhaftigen Idol nicht mit der Kamera bis in die Staatskarosse zu folgen und eine Dokumentation zu schaffen, die als »filmisches Denkmal« manchem missfällt. Man kennt ja die jüngsten Hasstiraden gegen den 78-Jährigen nach dem Sturz und seinen schweren Knie- und Armverletzungen in Santa Clara, als ihn sogleich die spanische EU-Kommissarin in aller Öffentlichkeit den baldigen Tod wünschte. Und ein hoher Beamter des USA-Außenministeriums kaltschnäuzig salbaderte: »Wir warten seit Jahren auf Castros Sturz, aber so hätten wir uns das nicht vorgestellt.« Zur selben Zeit, da einige Helden des südamerikanischen Befreiungskampfes zu mehr oder minder überzeugenden Hollywooder Filmhelden mutieren, meldet sich Aleida Guevara, die dreiundvierzigjährige Tochter Ches, mit ganz anderen als cineastischen Gedanken und Bedenken zu Wort. Sie wurde erst zehn Jahre nach jener legendären »Reise des jungen Che« durch den südlichen Kontinent geboren, von der er selbst sagte, dass dieses Durchqueren des »riesigen Amerika« ihn viel stärker verändert habe, als er zuerst geglaubt habe. »Ich wußte in dem Moment, da der große Spiritus rector den gewaltigen Schnitt macht, der die gesamte Menschheit in nur zwei antagonistische Parteien teilt, werde ich mit dem Volk sein«, schrieb er auf den letzten Seiten seines Reisetagebuchs. Aleida Guevara äußerte sich jetzt über die zunehmende Bedrohung des kubanischen Volkes durch das Bush-Amerika. Überall in Florida gebe es Schilder, Plakate und Autoaufkleber mit der Losung: »Heute Irak und morgen Kuba!« Kaum ein Tag vergehe, wo nicht Politiker und der Gouverneur Floridas selbst zum Sturz des Castro-Systems aufrufen würden. Eine »Kommission zur Unterstützung eines freien Kuba« sei gegründet worden, Millionen Dollars stünden dafür und besonders für Radio- und Fernsehpropaganda zur Verfügung. »Wenn die Drohungen nicht so ernst wären, würde ich sie einfach komisch finden«, erklärte Ches Tochter auf einer Reise in London. Vielleicht hatte sie dort gerade den beschwingten »Motorcycle Diaries«-Film über ihren jugendlichen Vater gesehen, immerhin finanziert und inspiriert von derzeitigen US-Amerikanern, möglicherweise sogar von solchen aus Florida.

Ein guter, kluger Freund sagte mir, als wir darüber sprachen und rätselten: »In dieser Welt macht man trotz alledem manche gute Sache und gewiß auch manch guten Film nur wegen Geld - wie alles Schlechte auch.« Die neuesten Nachrichten aus Havanna scheinen dem nicht zu widersprechen.


Eberhard Panitz schrieb u.a. Erzählungen über die kubanische Revolution: »Cristobal und die Insel«, die »Tamara-Bunke«-Biografie und »Comandante Che« (Spotless Verlag), zuletzt »Cuba mi amor« (Edition Ost, noch lieferbar).
Filmvorführung »Die Reise des jungen Che« (The Motorcycl Diaries) am 30. 10., 20Uhr im Kino Balázs (Karl-Liebknecht-Straße 8, Haus Ungarn) mit anschließender Podiumdiskussion: Christiane Barckhausen, Eberhard Panitz; Moderation: Martin Ling (Neues Deutschland).


Sie sind wie große Jungs,
die noch Träume haben und diese auch unbedingt wahr werden lassen wollen. Entsprechend furios ist denn auch die Abreise nach dem Abschied vom großbürgerlichen Zuhause. Aus den Armen der Mama geht es auf der legendären, aber schon arg betagten Norton 500 hinaus auf die Straßen von Buenos Aires und von dort in die Weiten Lateinamerikas - schon an der ersten Kreuzung droht prompt der Zusammenstoß mit einem Linienbus. Keine Frage, hier sind zwei echte Draufgänger unterwegs, die sich noch viel vorgenommen haben für ihr weiteres Leben. Der Ältere der beiden ist der Biochemiker Alberto Granado, sein Begleiter für die nächsten Monate ist der 23-jährige Ernesto Guevara, der kurz vor dem Medizin-Examen steht.
Was die Freunde auf ihrem entbehrungsreichen Trip per altersschwachem Motorrad, zu Fuß, auf Amazonas-Dampfern oder klapprigen Lastkraftwagen von Argentinien über Chile, Peru und Kolumbien bis nach Venezuela erlebten, ist überliefert. Che Guevara hat die Erlebnisse im Tagebuch seiner ersten großen Reise (»Mi primer Gran Viaje«) festgehalten, sein Gefährte Alberto Granada zeichnete seine Eindrücke als Erzählung in »Con el Che in Sudamérica« fest. Die Bilder zu diesem legendären Abenteuer des Jahres 1952 nachzuliefern, hat sich nun Walter Salles vorgenommen. Als »Die Reise des jungen Che« kommen die »Motorcycle Diaries« (Diarios de Motocicleta) - so der Originaltitel der internationalen Großproduktion unter der Ägide von Robert Redford - nach dem Kassenerfolg in Brasilien nun auch in unsere Kinos.
Auf der großen Leinwand, auf die dieses Road Movie fraglos auch hingehört, hinterlässt die opulente Hommage an Ernesto Guevara und an dessen Lateinamerika allerdings einen eher zwiespältigen Eindruck. Dabei hat Regisseur Salles, spätestens seit seinem »Goldenen Bären« für »Central Station« auch hier zu Lande geschätzt, alle Chancen, der Geschichte (Drehbuch: José Rivera) kräftige Farbtupfer zu verleihen. Gedreht wurde an zahlreichen Originalschauplätzen, aufwändig und liebevoll sind die Details gestaltet. Weit weniger Sorgfalt hingegen hat Salles auf Atmosphäre und Dramaturgie gelegt, die hier - bis zum etwas überraschendend lustlos-abrupten Ende - weitgehend der Chronologie der Ereignisse folgt.
Was mit dem Abstand von gut fünf Jahrzehnten fehlt, ist allerdings ein Gespür für das Lebensgefühl der 50er Jahre. Angefangen von der Musik bis über die Darstellung der gesellschaftlichen Verhältnisse atmet diese »Reise des jungen Che« eher den Charme des Pittoresken. Das gilt gleichermaßen für die Zeichnung der Moralvorstellungen in der Provinz, die hier einfach nicht der Realität der frühen 50er entspricht. Rätselhaft bleibt im Übrigen auch die spätere Wandlung Guevaras zur revolutionären Ikone. Denn bei Salles sind auch das Elend der Arbeiter in der Atacama-Wüste oder der flüchtige Blick auf die Inka-Stätten in Machu Picchu kaum mehr als dekorative Metapher. Sein Publikum wird das verfilmte Reise-Tagebuch dennoch finden, zumal die Hauptdarsteller - der mexikanische Jungstar Gael García Bernal (Che) und Rodrigo de la Serna (Alberto) - als Abenteurer auf großer Tour durchaus überzeugen.
Rainer Braun
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