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Kann der Bauch denken?

Neurowissenschaftler behaupten: In der Leibesmitte befindet sich ein »zweites Gehirn«

Quizshows haben in Deutschland seit Jahren Konjunktur. Da die Kandidaten mit den gestellten Fragen jedoch häufig überfordert sind, müssen sie notgedrungen raten. Oder, wie sie selbst sagen, »aus dem Bauch heraus« entscheiden. Viele tun dies mit erstaunlichem Erfolg. Zufall? Oder kann der Bauch wahrhaftig denken? Tatsache ist: Jeder Mensch trifft pro Tag etwa 100000 Entscheidungen, von denen nur rund zehn Prozent bewusst erfolgen. Alles andere, was wir tun oder lassen, geschieht spontan, gleichsam automatisch, ohne dass wir vorher viel darüber nachdenken. Und das ist auch gut so. Denn ein Autofahrer, der jeden Handgriff zunächst im Kopf durchspielen würde, wäre im Falle einer gefährlichen Situation im Straßenverkehr kaum in der Lage, effektiv zu reagieren. Der Münchner Psychologe und Psychodiagnostiker Burkhard G. Busch sieht Entscheidungen immer dann als bauchgesteuert an, wenn diesen kein bewusster Informationserwerb vorausgeht. »Je weniger wir von etwas tatsächlich wissen, umso frecher, oberflächlicher und schneller entscheidet der Bauch«, betont er in einem Ratgeber zum Thema Bauchdenken, in dem es überdies heißt: »Der Kopf kommt letztendlich gegen den Bauch nicht an.« Diese Erfahrung mussten laut Busch auch zahlreiche historische Persönlichkeiten machen. Ernest Hemingway zum Beispiel, der in seinen vier Ehen immer wieder auf die gleichen Fehler verfiel und mit 61 überraschend Selbstmord beging. Oder der Norweger Thor Heyerdahl, der gegen alle Vernunft mit einem Papyrusboot von Afrika nach Südamerika segelte, um zu beweisen, dass dies bereits den alten Ägyptern möglich war. Man könnte natürlich auch sagen, dass Hemingway und Heyerdahl schlicht ihrer Intuition gefolgt sind - einer Art innerer Eingebung, die aus den unbewussten Tiefen des Gehirns kommt. In dieser Auffassung liege jedoch nur die halbe Wahrheit, meint Busch, der ausgehend von »brandneuen wissenschaftlichen Erkenntnissen« die These vertritt, dass vornehmlich der Bauch das intuitive Denken steuere. In der Tat haben Neurowissenschaftler vor einigen Jahren herausgefunden, dass der Magen-Darm-Trakt kein passives Röhrensystem ist, das nur simplen Reflexen gehorcht. Vielmehr ist die gesamte Region von der Speiseröhre bis zum Enddarm mit einem komplexen Nervengeflecht überzogen, das ähnlich wie das Rückenmark aus rund 100 Millionen Neuronen besteht. Dieses so genannte enterische Nervensystem (ENS) arbeitet völlig autonom, das heißt, es wird nicht wie etwa das Herz oder die Nieren vom Kopf aus gesteuert. Manche Wissenschaftler sprechen sogar von einem »zweiten Gehirn« im Bauch, das in seinen Funktionsprinzipien und Wirkstoffgrundlagen dem Gehirn im Kopf durchaus ähnlich sei. Wie aber arbeitet dieses Bauchgehirn? Denkt und fühlt es? Kann es Erinnerungen speichern und Entscheidungen beeinflussen? Busch meint: Ja. »Die rein emotionalen, rein intuitiven Entscheidungen trifft der Bauch weitgehend allein.« Nehmen wir an, jemand wagt auf einer Landstraße trotz Dunkelheit und Nässe ein riskantes Überholmanöver. Dabei verliert der Kopf, wie es scheint, für kurze Zeit die Kontrolle über den Körper und übernimmt erst dann wieder die Regie, wenn das Manöver geglückt ist oder der Wagen im Straßengraben liegt. Für Busch steht fest: Immer dann, wenn wir nur einen kleinen kognitiven Entscheidungsspielraum haben oder die Dinge rational nicht mehr in den Griff bekommen, entscheidet der Bauch. Obwohl es für eine solche Behauptung bislang keine handfesten Belege gibt, tendieren andere Forscher nicht minder zu der Auffassung, dass Gehirn und Verdauungssystem viel enger aneinander gekoppelt sind als gemeinhin vermutet. So wissen wir heute, dass erheblich mehr Nervenbahnen vom Bauch zum Gehirn führen als umgekehrt. Die dabei übertragenen Botschaften nehmen wir allerdings nicht bewusst wahr. Denn sie gelangen überwiegend ins Limbische System, wo sich die Gefühlszentrale unseres Körpers befindet. Das erklärt, warum wir tiefen Seelenschmerz und romantisches Liebesglück bevorzugt in der Leibesmitte spüren. Wir haben dann entweder ein flaues Gefühl im Magen oder Schmetterlinge im Bauch, wie es landläufig heißt. »Das enterische Nervensystem verfügt sogar über eine Art Gedächtnis«, betont der Münchner Humanbiologe Michael Schemann, der im Darm die selben Substanzen entdeckt hat, die auch im Gehirn an der Erinnerungsbildung mitwirken: »Diesem Bauchgedächtnis vor allem ist es zuzuschreiben, dass Menschen, die als Säuglinge regelmäßig unter Darmkoliken leiden, später einen Reizdarm entwickeln.« Denken im strengen Sinne könne der Bauch allerdings nicht, so der Forscher weiter. Er widerspricht damit ausdrücklich der von Busch vertretenen These, wonach Bauchentscheidungen auf »moralischen Bewertungen« beruhten und den Entscheidungen im Kopf in gewisser Weise analog seien. Der Mensch denkt, und daran ändern auch die neuen Erkenntnisse nichts, mit dem Gehirn, das zugleich seine Intuition steuert. Will sagen: Jemand, der meint, aus dem Bauch heraus zu entscheiden, entscheidet in Wirklichkeit aus dem Limbischen System heraus, das unsere Triebe und Affekte ebenso verwaltet wie unseren emotionalen Erfahrungsschatz. Informationen aus dem Magen-Darm-Trakt gelangen aber auch in die vordere Hirnrinde, in den so genannten präfrontalen Cortex, und werden dort ebenfalls für die Entscheidungsfindung genutzt. Betrachten wir ein Beispiel: Jemand meistert mit viel Glück und Geschick eine gefährliche Situation, obwohl er sich dabei, wie der Volksmund sagt, vor Angst fast in die Hose gemacht hätte. Davon erfährt natürlich auch das Gehirn und speichert diese Erfahrung, die stark emotional eingefärbt ist, im vorderen Rindenbereich. Jedes Mal nun, wenn der Betreffende in eine ähnlich prekäre Lage gerät, analysiert er diese nicht rational, sondern vertraut lieber seiner Intuition, die unter vergleichbaren Umständen schon einmal erfolgreich war. Das heißt: Wir reagieren auf emotionale Herausforderungen überwiegend mit bewährten Handlungsstrategien. Je stärker dabei die Gefühle sind, die uns begleiten, desto mehr wird unser Denken vom Limbischen System und der vorderen Hirnrinde beherrscht, die beide wegen ihrer engen Verbindung zur unteren Körperhälfte am ehesten das repräsentieren, was man volkstümlich »Bauchhirn« nennt. Dass Wissenschaftler heute mehr denn je die Kommunikation zwischen Bauch und Kopf erforschen, hat seinen Grund zuletzt in einigen »harten« medizinischen Fakten. So wurden die gleichen Gewebeschäden, die bei Alzheimer- und Parkinson-Patienten im Gehirn auftreten, auch im Darm gefunden. Hier hoffen Ärzte künftig auf bessere Frühdiagnosen. Außerdem beeinflussen Mittel gegen Depressionen sowie andere Psychopharmaka nachweislich die Funktion des enterischen Nervensystems, das zwar nicht denken, uns aber vielleicht dazu anstoßen kann, in affektiven Situationen schnell und routiniert zu handeln. Burkhard G. Busch: Denken mit dem Bauch. Intuitiv das Richtige tun. Kösel Verlag München, 239 S., 19, 95 Euro

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