BFC Dynamo greift nach den Sternen

DFB entscheidet heute, ob DDR-Fußballtitel genau so viel Wert wie West-Meisterschaften besitzen

  • Von Matthias Koch
  • Lesedauer: ca. 3.5 Min.
DDR-Rekordmeister BFC Dynamo hat aus wirtschaftlichen Gründen keine Lizenz für die Regionalliga beantragt und dennoch kürzlich Post vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) aus Frankfurt (Main) bekommen. Dem inzwischen wieder in die viertklassige Oberliga Nord des Nordostdeutschen Fußballverbandes aufgestiegenen Traditionsverein wurde von DFB-Chefjustiziar Götz Eilers mitgeteilt, dass sein Antrag in der DFB-Präsidiumssitzung am 18. März verhandelt wird. Das Anliegen der Berliner ist pikant. Sie wollen - wie Bayern München - drei kleine Sterne auf dem Trikot tragen dürfen. Die Deutsche Fußball-Liga (DFL) hat derartige Meistersymbole vor Beginn der laufenden 42. Bundesligasaison eingeführt. Einen Stern für den Gewinn von drei Meisterschaften erhielten Bremen, Hamburg und Dortmund. Zwei Sterne, die fünf Erfolge voraussetzen, konnte sich Mönchengladbach anheften. Mit drei Sternen auf der Brust stolziert der 18fache Rekordmeister FC Bayern durch die Bundesliga und Europa. Zehn Titel sind dafür mindestens erforderlich. Die DFL beschränkte die Vergabe der Sterne allerdings nur auf Gewinne von Meisterschaften seit Einführung der Bundesliga 1963. Somit gingen beispielsweise Nürnberg (vorher 8 Titel) oder Schalke (7) leer aus. Gleiches gilt für die Ost-Vereine. Die zehn Championate des BFC Dynamo ließ die erst in diesem Jahrtausend gegründete DFL genauso unberücksichtigt wie die Erfolge von Dynamo Dresden (8), Vorwärts Berlin/Frankfurt Oder (6), Wismut Karl-Marx-Stadt/Aue (4), Magdeburg und Jena (je 3). Der inzwischen untergegangene VfB Leipzig holte seine drei Meisterschaften vor dem 1. Weltkrieg. Vielleicht will den Stern nun Lok Leipzig tragen. Während die unberücksichtigten Vereine die offenkundige Abwertung ihrer Meisterschaften akzeptierten, wuchs beim BFC die Begehrlichkeit. Am 8. August vergangenen Jahres, drei Tage nach der DFL-Pressemeldung, informierte Dynamo unter der Überschrift »Der BFC Dynamo greift nach den Sternen« die Öffentlichkeit über das Vorhaben, DFL und DFB zu kontaktieren. »Gleiches Recht für alle und das gilt sicherlich auch für den zehnmaligen DDR-Meister BFC Dynamo. Der nationale Fußballverband der ehemaligen DDR, der DFV, trat seinerzeit dem großen Bundesbruder DFB bei. Und jener DFB übernahm nahtlos alle nationalen Statistiken, Länderspiele und Torschützen. So erscheint es nur logisch, die sportliche Anerkennung auch im Bereich der seinerzeitigen Landesmeister fortzusetzen«, hieß es in einer Presseinformation. Während die DFL relativ rasch erklärte, nicht zuständig zu sein, ließ der DFB lange nichts von sich hören. Im Januar beauftragten die Hauptstädter deshalb eine Rechtsanwaltskanzlei in Berlin-Mitte. Die schrieb einen netten Brief nach Frankfurt (Main). Im Februar sah sich deshalb wohl auch der DFB genötigt, dem Verein zu antworten. Man darf gespannt sein, wie die DFB-Spitze in der Sitzung, die heute um 10 Uhr beginnt, entscheidet. Kritiker aus dem DFB-Umfeld weisen auf politisch beeinflusste DDR-Meisterschaften hin. Der BFC mit seinem »Trägerbetrieb« Staatssicherheit im Rücken wurde nachweislich bevorteilt - beispielsweise durch Einflussname »Unparteiischer«, bei der Rekrutierung von Talenten oder durch das ständige Trainingslager in Uckley. Da ähnliche Privilegien aber auch manche andere Ostklubs genossen, käme der DFB bei einer Sternverweigerung in Erklärungsnot. »Wir haben den Verband nicht unter Druck gesetzt. Wir warten die Entscheidung des DFB ab und werden uns dann äußern«, meint BFC-Präsident Mario Kaufmann. Positive Nachricht aus Frankfurt wünschen sich die Stars der großen Dynamo-Elf, die zwischen 1979 und 1988 zehn Titel in Serie holte. Sie äußerten sich gegenüber ND. »Man darf keinen Unterschied zwischen Bundesliga und DDR-Oberliga machen. Ich bin zehn Mal Meister geworden. Mir wurde nichts geschenkt. Die Sache mit den Schiedsrichtern kann ich nicht mehr hören«, sagt zähneknirschend Torhüterlegende Bodo Rudwaleit (47 Jahre), für den Verein immer noch als Torwarttrainer tätig. »Das wäre eine gute Sache. Der DFV ist damals dem DFB einverleibt worden, unsere Titel müssten also zählen. Sowohl die Bundesrepublik als auch die DDR waren souverän, hatten ihren Meister«, findet der damalige Erfolgscoach Jürgen Bogs (58). Der frühere Mittelfeldspieler und jetzige BFC-Trainer Christian Backs (42) sieht die Sache locker: »Wenn wir die Sterne bekommen, haben wir sie. Ansonsten geht die Welt auch nicht unter.« Zustimmung erhielt der BFC übrigens sogar vom einstigen Dauerrivalen Dynamo Dresden. »Ich bin dafür, dass die DDR-Vereine die Sterne bekommen. Wenn der DFB meint, die Titel im Osten seien weniger wert, könnten diese ja ein anderes Aussehen haben«, pflichtet Dresdens Trainer Christoph Franke solidarisch bei. Die Sterne würde sich der BFC über Nacht anheften, heißt es aus dem Sportforum - möglicherweise gar in ein neues Emblem einbringen. Der Verein, der Ende 2004 nach drei Jahren ein Insolvenzverfahren abschließen konnte, besitzt keine Rechte zur kommerziellen Nutzung des alten Logos. Es ging in den Wendewirren »verloren«, als der Verein FC Berlin hieß. Mit dem Eigentümer, der zu den Berliner Hells Angels ge...

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