Hirtenhäuser für Kolonisten in der »Grünen Aue«

Vor 237 Jahren entstand in Grünau ein Fachwerkbau, von dem nur ein Viertel im Originalzustand erhalten blieb

  • Von Volkmar Draeger
  • Lesedauer: 4 Min.
Eine »Katastrophe für Grünau« sei der fortschreitende Verfall des Gesellschaftshauses, schimpft Eberhard Liebsch. Noch bis zur Wendezeit fanden dort in gepflegter Atmosphäre rauschende Bälle statt. Heute ist auf verrostetem Schild die Verlockung »Nachtbar« kaum mehr zu lesen. Im einstigen Tanzsaal hängt die blätternde Farbe wie Flechten kranker Haut von der Wand, bröselt der Stuck herunter, zerbröckelt selbst die Rosette. Im Trakt nebenan wirbt ein Schriftzug, weiß auf blau, für »Freizeit '85«, derweil die Glastüren bereits zerschlagen sind, Gestrüpp die Außenstufen sprengt und Blech viele Fenster undurchsichtig macht. Ein Anlegehäuschen außerhalb des wüsten Geländes weist in krakliger Schrift Schuld zu: »Berlin West killt den Rest«. Es habe mehrere Investoren für das marode Gesellschaftshaus gegeben, berichtet Liebsch. Das Objekt gehöre der Treuhand-Nachfolgebehörde, und die habe an das Wassergrundstück unangemessen hohe Kaufpreiserwartungen, präzisiert Matthias Dunger vom Landesdenkmalamt: »Wir konnten gerade noch den Totalabriss verhindern. Sinnvolle Teillösungen tragen wir mit.« Wenigstens fänden nach wie vor Regattarennen auf der angrenzenden Dahme statt, freut sich Liebsch, so die Weltmeisterschaften im asiatisch inspirierten Drachenbootrennen »auf schön verzierten Booten«. Und die ortsansässigen Klubs, fügt er an, »produzieren noch immer sehr gute Sportler«. Eberhard Liebsch steht als Geschäftsführer der eigenen Firma vor, die im Einzelhandel republikweit Haushaltwaren wie Glas, Porzellan und Geschenkartikel vertreibt. Seit anderthalb Jahren sitzt die Geschäftsverwaltung in der Regattastraße 152. Hinterm bauchigen Balkongeländer des Zweigeschossers kann er relativ gelassen auf Gesellschaftshaus und Dahme blicken. Denn sein Firmendomizil ist frisch restauriert, außen spätklassizistisch, innen nüchtern modern. Das Haus steht auf geschichtsträchtigem Boden. Ab 1747 erließ Friedrich II. immer wieder Edikte zur Binnenkolonisation entvölkerter, kriegszerstörter Gebiete. Sie warben Bewohner anderer Lande mit günstigen Bedingungen nach Preußen. So erhielten 1749 vier Familien aus der Pfalz Gehöft, Land und Wiese in einem zu Köpenick zählenden, am Dahmeufer gelegenen neuen Dorf namens »Grüne Aue«. 1750 kam ein Hirtenhaus hinzu, das später eine Schule wurde, 1768 siedelten sich vier Tagelöhnerfamilien aus Böhmen an. Für sie, wohl abgedankte Soldaten, entstand ein einstöckiger, strohgedeckter Fachwerkbau, der jeder Kolonistenfamilie Stube, Stall/Kammer sowie, gemeinschaftlich genutzt, Flur und eine zentrale Küche bot. Fast 100 Jahre scheint dieser im Volksmund als Hirtenhaus bezeichnete Bau gestanden zu haben. Mitte der 1870er brach ein Zimmermann das ihm gehörende vordere Hausviertel ab und errichtete auf der freien Fläche unter Einbeziehung des Vorgartens »in neuestem und elegantem Style« ein massives Wohnhaus - jenes, in dem heute die Firma Liebsch ihre Verwaltungsaufgaben erledigt. Das hinten gelegene Viertel des Fachwerkbaus verfiel, wurde schließlich abgerissen. An den klassizistischen »Neubau« von 1875 schmiegt sich für den Betrachter linkerseits nahtlos die zweite Hälfte des einstigen Fachwerkhauses als Regattastraße 154 an. Im Originalzustand verblieb unter dem inzwischen mit Blechschindeln gedeckten Satteldach und hinter den verputzten Außenwänden wiederum nur das von der Straße abgewandte Hausviertel. Dieser derzeit als Abstellraum genutzte, unzugängliche Hausrest mit seinen überlieferten Balken und Lehmfeldern gehört zu den wenigen erhaltenen Bauteilen eines solchen Hauses. Lediglich von der Rückseite her lässt sich an der Struktur der rohen Ziegel, wie Ausbesserungen nach dem Abbruch sie hinterließen, der Grundriss des originalen Fachwerkbaus noch erahnen. Als historisches Denkmal bildet das Relikt ein Beispiel für die Wohn- und Lebensverhältnisse der bäuerlichen Bevölkerung bis ins 19. Jahrhundert. Ab den 1830ern folgten gesuchte Handwerker wie Stellmacher, Maurer und Zimmerleute den ersten Kolonisten. So stieg die Einwohnerzahl Grünaus von 69 im Jahr 1772 auf 138 um 1858. Als 1866 sowohl die Berlin-Görlitzer Eisenbahn eine Haltestation als auch die Berlin-Köpenicker Dampfschifffahrts-Gesellschaft eine Anlegestelle errichteten, begann der Aufstieg Grünaus zum beliebten Ausflugsziel, ab 1875 dann zum begehrten Berliner Villenvorort. Die 1880 gebaute Regattastrecke auf der Dahme trug den Namen des einstigen Dorfes in die Welt des Wassersports: durch Segel- und Ruderwettkämpfe und den Bau zahlreicher Bootshäuser und Schiffswerften. Dem »anständigen Restaurant«, das 1858 die Frau des Kolonisten Jäger in einem kleinen Häuschen eingerichtet hatte, eiferten rasch viele weitere Gaststätten nach. Womit wir wieder beim leidigen Thema Gesellschaftshaus und damit in der Gegenwart angelangt wären.

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