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großen Flut

Regierung will die Entwaldung stoppen Von Wolfgang Pomrehn, Hongkong

Die schwerste Jangtse-Flut seit 1954 hat auch das Zuhause dieses Jungen in Jiayu (Provinz Hubei) ruiniert

Foto: Reuters

Insgesamt waren in Zentralchina, der Inneren Mongolei und der Mandschurei 233 Millionen Menschen direkt oder indirekt vom Hochwasser betroffen. Vertreter der Vereinten Nationen riefen die internationale Gemeinschaft Ende September zu Hilfszahlungen auf: 139 Millionen US-Dollar würden benötigt, um wenigstens jenen 5,8 Millionen Menschen zu helfen, die durch die Fluten obdachlos geworden sind. Vor allem im Nordosten des Landes ist der Winter näh.

UN-Helfer berichteten, daß Mitte September noch immer 2,9 Millionen auf den Deichen entlang des Changjiang (Jangtse) kampierten. Bisher seien keine Seuchen ausgebrochen, so Kerstin Leitner, Koordinatorin der UN-Hilfe, gegenüber Hongkonger Zeitungen. Das könne sich jedoch jederzeit ändern, wenn nicht bald für sauberes Trinkwasser gesorgt werde.

Keinen Zweifel gibt es mittlerweile mehr daran, daß die Schwere der Katastrophe auch auf Sünden an der Umwelt zurückzuführen ist. Unkontrollierte Entwaldung hat in den letzten Jahrzehnten die Bodenerosion beschleunigt und die Flußbetten versanden lassen. 400 000 Hektar Wald sollen jährlich illegalem Einschlag zum Opfer gefallen sein. Zudem wurden natürliche Überflutungsräume eingedeicht und Seen trockengelegt, die zuvor als »Überlaufbecken« gedient hatten. Jetzt hat die Regierung in Peking angekündigt, konsequent gegen die Entwaldung vorzugehen. Am Oberlauf des Jangtse und des, Gelben Flusses sollen Einschlagverbote erlassen werden, ein ehrgeiziges Aufforstungsprogramm ist entworfen. Die Frage nach den ökonomischen Alternativen für die betroffenen Regionen, für die legale oder illegale Forstwirtschaft bisher eine wichtige Einnahmequelle war, ist damit noch nicht beantwortet. Ebensowenig die, wie der Holzhunger der schnell wachsenden Industrie gestillt werden soll.

In Chinas südlicher Wohlstandsprovinz Guangdong hat man unterdessen Angst, die Obdach- und Arbeitslosen der Katastrophengebiete könnten sich auf den Weg in die aufstrebenden Küstenre-

gionen machen und das Millionenheer der Wanderarbeiter vergrößern. Schon jetzt können Beschränkungen der Freizügigkeit und Polizeimaßnahmen arme Bauern und Arbeitslose aus dem Landesinneren kaum davon abhalten, ihr Glück in Hafenstädten wie Guangzhou (Kanton) zu suchen. In den letzten Monaten habe es bereits einen Anstieg der Arbeitsuchenden aus anderen Provinzen gegeben, berichtet ein Beamter der Provinzregierung. Da Guangdong aber bereits mit 100 000 »eigenen« Arbeitslosen fertig zu werden habe (bei einem Wirt-

Schaftswachstum von über 10 Prozent), gebe es wenig Möglichkeiten, zusätzliche Arbeitskräfte unterzubringen. Örtliche Behörden seien angewiesen worden, Einheimische zu bevorzugen.

In Peking ist man indes zuversichtlich, daß sich die ökonomischen Schäden des Hochwassers in Grenzen halten werden. Finanzminister Xiang Huaicheng bekräftigte am Wochenende in Washington auf der Jahrestagung von Weltbank und Internationalem Währungsfonds (IWF), daß

sein Land das 8-Prozent-Wachstumsziel trotz der Naturkatastrophe erreichen werde. Zu diesem Zweck wolle man die Summe der staatlichen Kredite ausweiten und Staatsanleihen in Höhe von 13 Milliarden US-Dollar zur Finanzierung von Infrastrukturmaßnahmen aufnehmen. Eine IWF-Studie hatte letzte Woche allerdings nur ein Wirtschaftswachstum von 5,5 Prozent für 1998 vorhergesagt. Diesen Pessimismus teilt man in Peking nicht. Zeng Peiyan, Minister für Planung und Entwicklung, bezifferte den Einfluß der Überschwemmungen auf das Bruttoinlandsprodukt auf minus 0,5 Prozent. Fachleute hätten den Effekt zuvor zwar höher eingeschätzt, räumte Zeng gegenüber der Presse ein, aber unter Berücksichtigung der notwendigen Reparaturmaßnahmen ließe sich das Wachstumsziel doch noch erreichen. Notwendig sei freilich, daß entsprechende Projekte in der Katastrophenregion zügig angegangen werden. Unfreiwillig stellt Zeng damit allerdings den Wert dieser Art volkswirtschaftlicher Rechnungsführung in Frage,

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