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Antisemitische Entgleisungen

Unglaubliche Äußerungen eines SPD-Mannes Von Peter Kirschey

Die Einweihung einer Gedenkstätte hat den Vorsitzenden des SPD-Arbeitskreises ehemaliger politischer Häftlinge der SBZ/ DDR, Hans-Joachim Helwig-Wilson, zu einer unglaublichen Entgleisung getrieben.

Am Sonnabend wird in Hohenschönhausen die Stätte DenkOrt der Öffentlichkeit übergeben, mit der an die Toten des Internierungslagers des sowjetischen Innenministeriums zwischen Mai 1945 und Oktober 1946 erinnert wird. Die Gedenkstätte wurde aus 25 000 Feldsteinen gestaltet, die die 3000 Opfer symbolisieren sollen, die in dem »Speziallager Nr 3« getötet und an Ort und Stelle verscharrt wurden. Besucher des DenkOrtes können mit eigenen Steinen an der Gestaltung teilnehmen. Es ist eine jüdische

Tradition, an Gräbern und Gedenkstätten kleine Steine niederzulegen.

Diese Form der steinernen Mahnung brachte den SPD-Mann, der selbst in Hohenschönhausen inhaftiert war, in Wut: Er sei empört, daß statt der »Gedenkstätte für die Opfer der sowjetkommunistischen Gewaltherrschaft, die eine würdige Ruhestätte verdient haben, eine Art jüdischer Friedhof« entstanden sei. »Bei den Opfern handelt es sich jedoch nicht um Juden, sondern vielfach um aufrichtige Demokraten, um viele unschuldige Menschen«, schrieb er in einem offenen Brief an den Regierenden Bürgermeister Diepgen. Diese Geschmacklosigkeit rief eine breite Protestfront auf den Plan. SPD-Fraktionssprecher Peter Stadtmüller nannte »einige Aussagen verheerend und verletzend«, SPD-Fraktionschef Klaus Böger erklärte, »solche Äußerungen sind eine Katastrophe«. Erschüttert über die Differenzierung zwischen Juden und De-

mokraten zeigte sich auch der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, Andreas Nachama. Nun bemüht sich die SPD um Schadensbegrenzung, wurde ihr Landesvorsitzender Detlef Dzembritzki in die Spur geschickt, um den Mann zur Rücknahme seiner Äußerungen zu bewegen. Die Tatsache, daß Bürgermeisterin Bärbel Grygier (PDS) die Gedenkrede halten sollte, dürfte Helwig-Wilson um den Schlaf gebracht haben, vermutet man im Bezirksamt. Hier hat der Zufall ausgeholfen: Grygier fällt krankheitsbedingt aus, ihre Rolle übernimmt ihr Stellvertreter Michael Szulczewski (CDU).

Nach damaliger Lesart in der sowjetischen Besatzungszone gehörten zu den Internierten des Lagers Nr 3, die von ihren sowjetischen Bewachern gequält und gefoltert wurden, Kriegsverbrecher, Nazi-Aktivisten, Spione und Diversanten gegen die UdSSR. Eingesperrt und getötet wurden nicht nur Mitglieder von SA, SS, NSDAP, Angehörige der Wehrmacht und des Volkssturms, sondern auch Sozialdemokraten und Kommunisten, die mit dem stalinistischen Kurs nicht einverstanden waren, oder Bürger, die Opfer einer Denunziation wurden. Einer der Gefangenen war der Schauspieler Heinrich George. Das Lager wurde später vom MfS zum zentralen Untersuchungsgefängnis ausgebaut

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