Sprache kapituliert

»Seven Attempted Escapes from Silence« an der Staatsoper Berlin

  • Von Martin Hatzius
  • Lesedauer: ca. 3.0 Min.
Sprache hat es in der Oper nicht leicht. Ihre alleinige Deutungshoheit wird durch das kommentierende Eingreifen der Musik untergraben, Bühne und Kostüme irritieren den Verstand des Publikums, der Regisseur legt sich den Text für seine Auslegung zurecht und die Darsteller singen zwar meist kunstvoll und schön, aber selten verständlich. Zudem werden fremdsprachige Libretti nur ausnahmsweise übersetzt. All das stört Opernfreunde kaum. Denn sie kennen ja die Stoffe, wissen wenigstens halbwegs, worum es geht. In den Repertoirewerken. Es war aber nicht die »Zauberflöte«, sondern eine Uraufführung, mit der die Berliner Staatsoper am Mittwoch in die neue Spielzeit gegangen ist. Kein Mensch wusste folglich so recht, was ihn erwartete. Nur so viel war klar: Im Auftrag des Hauses hat der 28-jährige US-amerikanische Schriftsteller Jonathan Safran Foer ein Libretto in sieben Kapiteln verfasst. Genannt hat er es »Seven Attempted Escapes from Silence« (Sieben Fluchtversuche vor der Stille). Sieben Komponisten haben diese Texte vertont und sieben Regisseure bzw. Regieteams haben sieben Kurzopern daraus gemacht, die nun zusammen einen Abend füllen. Ausgangsgedanke des Unterfangens sei »die Suche nach einer geeigneten experimentellen Darstellungsform« gewesen, schreibt Dramaturg András Siebold im Programmheft, »die typische Vorurteile gegenüber zeitgenössischem Musiktheater beseitigt und die Möglichkeit einer unkomplizierten Vermittelbarkeit von zeitgenössischer Musik beweist.« Ganz so unkompliziert vermittelte sich das, was auf der improvisierten Bühne des Staatsopern-Magazins zu sehen und zu hören war, freilich nicht. Autor Jonathan Safran Foer hat es den Komponisten mit seinem Text aber auch nicht leicht gemacht. Sein Thema: Sprachlosigkeit. Sein Ziel: »ein Libretto ohne Worte« zu schreiben. Im Fokus von Foers sieben Szenen steht eine Zwangsgemeinschaft halb menschlicher, halb entmenschlichter Wesen, die nicht sprechen können (oder wollen?), wohl aber Gefühle und Bedürfnisse mit Tönen, Lauten, mit Musik artikulieren. Ihr Bestreben ist die Flucht aus einem Raum, in dem sie nicht freiwillig sind: ein Gefängnis? Ein Krankenhaus? Ein Zoo? Oder tatsächlich: das kahle Requisitenlager einer Oper? Weil es ganz ohne Worte nicht geht, besteht Foers Libretto aus Bühnenanweisungen, die allerdings von den Regisseuren (Alex & Liane, Juan Dominguez, Katarzyna Kozyra, Xavier Le Roy, Peter Mussbach, Eszter Salamon und Sjoerd Vreugdenhil) so nicht umgesetzt werden. Und aus den fragenden, nicht wissenden Kommentaren einer so genannten »Authority«: »They dont speak./ Is it a defect of the brain?/ Is it willful?/ Is it true it began as political?« Lyrisch sind diese Verse, nicht erzählend und nicht dramatisch. Haltlos und ohne Handlung. »Empty of meaning, but full of significance«, wie Foer meint: bedeutungslos, aber voll von Bedeutsamkeit. Kann ein solcher Stoff in der Oper bestehen? Es kostete Überwindung, sich auf das Experiment der Staatsoper einzulassen. Rational war dem Geschehen kaum zu folgen, die wenigen artikulierten Worte (denen selbst mit Englischkenntnissen schwer zu folgen war) wurden vom Sog der Musik und der Szene verschlungen. Wenn man aber den Sinnen das Feld überließ, entfaltete sich bald das beklemmende Gefühl verzweifelter Ausweglosigkeit. Flucht - egal wovor - ist unmöglich. Doch »Escape is a way of life here«. Sehnend nach einem Leben jenseits der Mauern, in denen wir feststecken, suchen wir vergeblich das Weite. Und merken nicht, dass die Flucht selbst das Leben ist. Die jungen Komponisten (Karim Haddad, Bernhard Lang, Cathy Milliken, José Maria Sánchez-Verdú, Annette Schmucki, Miroslav Srnka und Larisa Vrhunc) nutzten mit wenigen Instrumentalisten die Klangmöglichkeiten des von Containern und Gerüsten geprägten Magazinraums: Aus dem kleinen Graben vor der Bühne krochen in engen Intervallen die sehnenden Laute von Streichern, und von den stählernen Emporen drängten Bläser ihre Töne hinab auf die Bühne und in den Zuschauerraum. Wie unterschiedlich die Komponisten die festgelegte Anzahl an Instrumenten einsetzten und den Rahmen füllten, den ihnen Libretto und Umgebung setzte, zeugte von der Ausdrucksfähigkeit der Musik, die diejenige der Sprache um ein Vielfaches übersteigt. Der Applaus, der sich erst zögerlich, dann eneregischer seinen Weg bahnte, galt denn auch in erster Linie dem Dirigenten Max Renne und seinem Ensemble. Die Standing Ovations allerdings waren nicht der Begeisterung geschuldet, sondern den harten Sitzpritsc...

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