Vom Verstummen des Marsyas

Der Dresdner Maler Henri Deparade stellt neueste Arbeiten in Berlin vor

Seismographisch entstehen seine Gestalten aus inneren Erschütterungen - unsichere Erscheinungen ohne anatomische Prägnanz und physiognomische Deutlichkeit, Erscheinungen, die wohl aus informellem Umfeld Farbe und Kontur gewinnen. Wir haben es bei diesem Dresdner Künstler, der als Professor für künstlerische Gestaltung im Studiengang Architektur an der dortigen Hochschule für Wirtschaft und Technik wirkt, gleichsam mit abstrakten Bildern zu tun, die »gegenständlich« sind. Die Gestalten - Henri Deparade gebraucht das Wort vom »Herausschälen« aus der Bildfläche - können in Formen übergehen und Formen in gegenständliche, figurative Assoziationen. Gestische Schwünge, hingeschriebene malerische Passagen von mitunter kulinarischer Delikatesse sind den gegenständlichen Formen als Bildelemente völlig gleichberechtigt. Rückgewinnung von Wirklichkeit aus der Fiktion - das hat Deparade als sein Anliegen bezeichnet. Nicht wiederholbare Beliebigkeit, sondern »sinnliche Organisation von Sinn«, wie er es nennt.

Eigentlich bedürfen Deparades Arbeiten des abtastenden, über die ganze Fläche schweifenden Blickes, des Assoziationsvermögens des Betrachters. Ihr imaginärer Erfahrungsraum - auch Träume können Erfahrungen sein - verbindet Erlebtes mit Gelesenem, Historisches mit Mythischem, sie legen Archetypisches, also kollektiv Unbewusstes, frei und aktualisieren es bzw. machen es in Traum, Fantasie, Vision oder im Symbol bewusst: Die schuldlos-schuldige Medea und Jason und den Argonautenstoff; Pandora, die »Allbeschenkte«, die Zeus als »schönes Übel« zu den Menschen schickte, oder der titanische Kronos, der seine Kinder verschlang, um sich die Herrschaft über die Götter zu erhalten, und dessen Herrschaftszeit dennoch als glückselige Zeit, als Goldenes Zeitalter galt. Marsyas, der im Übermut Apoll zum musikalischen Wettbewerb herausgefordert hat, und den der Gott nun zur Strafe aufhängt und ihm bei lebendigem Leibe die Haut abziehen lässt.

Immer geht es Deparade um die Doppeldeutigkeit der Form, die assoziative Streuung. Die eine Figur kann der anderen nicht entfliehen. Die eine ist die Projektion der anderen. Diese Verbindung, wenngleich lustvoll inszeniert, wird nicht immer lustvoll erlebt. Die Maske, die Larve regiert die Welt - eine lächerliche, körperlose Chimäre mit gierigen körperlichen Bedürfnissen, streitlustig und aufdringlich. Die Insel der Aphrodite ist nicht nur in heiteres Licht getaucht. Das Argonautenschiff nicht nur ein Glück verheißendes Lebensschiff. Man kann wie der unsterblich gewordene Odysseus mit der Nymphe Kalipso im Paradies der unendlichen Jetztzeit weilen - Essen, Lieben, Schlafen, wieder und wieder -, aber wer hält schon ewiges Glück aus?

Ist das nur Wahn der Lust eines Sterblichen - Marsyas -, sich im Werk über Vergängliches erheben zu können? Kann die Schindung des Marsyas nicht auch als ein Symbol der Katharsis verstanden werden, d.h. die irdische Hülle müsse unter Schmerzen abgestreift werden, um zu einer höheren Erkenntnisform zu gelangen? Handelt es sich hier um den schmerzhaften Sieg des Realitäts- über das Lustprinzip? Wird hier die Frage der Differenz zwischen dionysischer und apollinischer Erkenntnis, zwischen wilder und gesitteter Kunst, zwischen Natur und Kunst angesprochen oder kann der Wettstreit zwischen Apoll und Marsyas als Auseinandersetzung zwischen Zivilisation und vermeintlichem Barbarentum oder Ost und West überhaupt gedeutet werden?

Deparades Arbeiten illustrieren keinen Sachverhalt, der sich exakt in Worte fassen ließe. Doch regen sie in hohem Maße unsere Fantasie an, das gedankliche Durchspielen von Nicht-Wirklichem und Möglichem, das Sichtbarmachen von irrealen Einfällen. Das Spiel mit Themen und Motiven, mit Worten und Zitaten, das Spiel mit der Kunstgeschichte, die Spiele mit sich selbst.

Bis 13. Oktober, Galerie cubus-m, Pohlstr. 75, Mi.-Fr. 14-19 Uhr, Sa. 11-19 Uhr

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