Stolpersteine zeigen Naziproblem

In Zossen wird an einen jüdischen Anwalt erinnert - und die Polizei muss aufpassen

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 4 Min.

Vor der Stubenrauchstraße 4 in Zossen verlegte der Künstler Gunter Demnig am Freitag einen Stolperstein für den jüdischen Rechtsanwalt Werner Dalen, ermordet 1942 im Ghetto Litzmannstadt. Gegenüber hält sich ein Polizist bereit. Als zuvor am Hochbergweg und in der Morgensternstraße in Berlin-Lichterfelde Stolpersteine für Dalens Brüder Fritz und Kurd eingelassen worden sind, war eine solche Vorsichtsmaßnahme nicht notwendig.

Doch Zossen hat ein Problem mit Rechtsextremisten. Das stellte sich im Jahr 2008 heraus. Als seinerzeit in der Stadt der erste Stolperstein für ein Opfer des Faschismus verlegt wurde, stürmte der Hauseigentümer aus seinem Internetcafé und wurde handgreiflich. Er entpuppte sich dann als Holocaustleugner und sogenannter Reichsbürger.

Seitdem gab es immer wieder Vorfälle: Hakenkreuzschmierereien, Drohungen gegen die Bürgerinitiative »Zossen zeigt Gesicht«, dazu Demolierung der Haustür und des Briefkastens eines Mitglieds, Störung des Holocaustgedenkens und als Höhepunkt der Brandanschlag, bei dem das Haus der Demokratie zerstört wurde. Auch die zwischenzeitlich sechs Stolpersteine sind immer mal wieder beschmiert worden. Für Hinweise, die zur Ergreifung der Täter führen, die den Briefkasten und die Haustür zerstörten, setzte die Polizei am Freitag 5000 Euro Belohnung aus.

Carsten Preuß, Vorsitzender der rot-roten Fraktion im Stadtparlament und Mitglied von »Zossen zeigt Gesicht«, kann nur hoffen, dass der am Freitag verlegte Stein sauber bleibt.

Die Probleme von Zossen erwiesen sich noch einmal ziemlich deutlich, bevor Demnig, Preuß und etliche Zuschauer an der Stubenrauchstraße 4 eintrafen. Ein Mitarbeiter des kommunalen Wegebaus hatte den Gehweg schon vorbereitet: ein Loch gebuddelt, die Stelle mit Kegeln gesichert und Werkzeug bereitgelegt. Da fuhr ein Bewohner vor und holte Einkäufe aus dem Kofferraum. Hier müsste kein Gedenkstein liegen, das sei Geldverschwendung, beschwerte sich der Mann ungefragt. Die Leute sollten lieber für was Besseres spenden, meinte er. Das Geschimpfe gipfelte in der Bemerkung: »Wen interessiert das, ob hier mal ein jüdischer Rechtsanwalt gewohnt hat?« Auf den Hinweis, dieser Anwalt sei schließlich von den Nazis umgebracht worden, reagierte der Anwohner, indem er gleichgültig abwinkte: »Es sind so viele gestorben.« Dann verschwand er im Hauseingang.

Werner Dalens Brüder Fritz und Kurd waren ebenfalls Rechtsanwälte. Ihnen gehörten Villen in Lichterfelde, während Robert in dem schmucklosen Viergeschosser in Zossen lediglich zur Miete wohnte. Vielleicht genügte ihm das. Er war unverheiratet und kinderlos. Er hätte sich mehr leisten können. Denn sein Vermögen belief sich zuletzt auf 20 000 Reichsmark. Das war damals eine nicht unbeträchtliche Summe. Carsten Preuß weiß dies aus den Akten, die den Raub des Geldes durch das Naziregime dokumentieren.

Werners Vater Robert Davidson war 1866 vom Judentum zum evangelischen Glauben übergetreten und hatte 1904 den Familiennamen in Dalen geändert. Die Mutter wurde gleich getauft und christlich erzogen. Werners jüngster Bruder Ernst kam als Flieger im Ersten Weltkrieg ums Leben. Doch dergleichen interessierte die Nazis bekanntlich wenig. Für sie blieben Menschen wie die Dalens Juden. Sie wurden verfolgt und ausgeraubt. Um die Verschleppung nicht ertragen zu müssen, begingen Fritz und Kurd Selbstmord. Werner Dalen wurde ins Ghetto deportiert. An der Stubenrauchstraße hat er nachweislich von 1932 bis 1939 gelebt. Seine Kanzlei befand sich in der Berliner Straße 11.

Michael Müller-Stüler, ein entfernter Verwandter, kam aus Hamburg zur Verlegung der Stolpersteine. »Ich habe die drei Herren nicht gekannt«, erzählt er. Es waren Vettern seines Großvaters mütterlicherseits. Auf ihr Schicksal ist Müller-Stüler gestoßen, als er die Geschichte der großen Familie erforschte. »Mir lag daran, ein Andenken an diese drei Menschen zu hinterlassen, die entsetzlich gelitten und ihr Leben verloren haben«, sagt er. »Die Idee der Stolpersteine finde ich ideal.«

Ein Stolperstein kostet 120 Euro. Die Bürgerinitiative »Zossen zeigt Gesicht« bezahlt das. Allerdings hat Müller-Stüler jetzt darum gebeten, die Summe übernehmen zu dürfen. Für ihn wäre das ein guter Abschluss seiner Nachforschungen.

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