Werbung

Vorübergehend abgeseilt

Die Pappel wurde geräumt, aber die Proteste gegen die A 100 gehen weiter

  • Von Robert D. Meyer
  • Lesedauer: 3 Min.

Die seit zwei Wochen andauernde Besetzung eines Baumes in der Neuköllner Grenzallee aus Protest gegen den geplanten Weiterbau der Stadtautobahn wurde von den Aktivisten des »Aktionsbündnis A 100 stoppen!« und Umweltschützern Robin Wood ausgesetzt. Man wolle sich Raum für neue Protestformen schaffen, erklärt Bündnissprecher Tobias Trommer. Die Entscheidung dazu sei diese Woche auf einem Planungstreffen von rund 30 Aktivisten gefallen.

Die Besetzung der Pappel sei zunächst ohnehin nur symbolischer Natur gewesen, da »derzeit keine akute Fällung bevorsteht«, sagt Trommer. Eine auf dem Baum angebrachte hölzerne Plattform sowie mehrere Protestbanner bleiben allerdings weiterhin vor Ort. Auch die Baumbesetzung gehe weiter, nur eben nicht mehr rund um die Uhr.

»Der Protest wird fortgesetzt«, versichert Trommer. Zuletzt wurden weitere Banner zwischen den Bäumen gespannt, die Resonanz der Bevölkerung auf die Protestaktion sei sehr positiv. »Es ist uns gelungen, einen neuen sozialen Ort für den Widerstand gegen die A 100 zu schaffen«, resümiert Alex Gerschner von Robin Wood. Zuletzt kamen wiederholt Klassen einer Grundschule aus Treptow vorbei, um sich über die Baumbesetzung und die Gründe dafür zu informieren. »Auch Kinder und ihre Eltern haben ein großes Interesse am Erhalt der Natur«, erklärt Trommer.

Zwar rückt der für das Frühjahr angekündigte erste Spatenstich des 16. Bauabschnitts der sechsspurigen Trasse immer näher, doch die Umweltschützer und stadtpolitischen Aktivisten gehen weiterhin davon aus, dass sich der umstrittene 3,2 Kilometer lange Teilbereich noch verhindern lässt. Je weiter die Vorbereitungen jedoch fortschreiten, umso schwieriger werde dieses Unterfangen.

Wann konkret gebaut werde, steht nach Aussagen der Gruppe noch nicht genau fest. Einige Hürden hätten die Behörden noch zu nehmen. So sei das Privatgelände, auf dem sich Aktivisten derzeit mit ihrer Mahnwache und dem Infostand eingerichtet haben, bisher nicht enteignet worden, obwohl die Stadtautobahn genau an dieser Stelle entlang führen soll. Zudem stehe die Kündigung einiger Gärten noch aus, andere Kolonien wurden dagegen bereits von einem Bagger abgerissen.

Rückt der bisher noch unbekannte Termin für die Fällung der insgesamt 450 Bäume näher, werde sich insbesondere der Anwohnerprotest noch deutlich verstärken, ist sich Trommer sicher. Eine erneute dauerhafte Baumbesetzung schloss er gegenüber »nd« ebenfalls nicht aus. Derzeit befindet sich die Gruppe noch in den Vorbereitungen weiterer Aktionen. Dazu lädt sie Interessierte jeden Sonntagnachmittag zur Protest-Pappel.

Statt die bisher veranschlagten Baukosten von 475 Millionen Euro in eine Autobahn zu stecken, fordern die Aktivisten einen Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs. Denkbar, so Trommer, wäre etwa eine Optimierung der Ringbahn durch zusätzliche Wagen und mehr Züge. Durch den Bau mehrspuriger Straßen förderten Bund und Senat dagegen nur eine Minderheit, behaupten die A 100-Gegner. Zumindest die Zahlen sprechen dafür. Während laut einer Erhebung der Universität Duisburg-Essen aus dem vergangenen Jahr deutschlandweit auf 1000 Einwohner 472 Automobile kommen, sind es in der Hauptstadt dagegen gerade einmal 289 Pkw. Der Individualverkehr ist, so die Forscher, in deutschen Großstädten seit Jahren rückläufig.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung