Weiners Traum

Das Literarisches Marionettentheater beweist, dass in Esslingen die Poesie nicht flöten ging

Zuerst nehme ich das Oval seines Gesichts wahr, zarte Augenbrauen, für einen Mann. Andreas Weiner kommt mir einen Schritt entgegen. Gleichzeitig betreten zwei Frauen hinter mir das Foyer. Jetzt ist es voll. Sie werden begrüßt und gehen nach links, ins Gewölbe, hinein ins Theaterchen. Weiner bietet an, meine Tasche zu verstauen. Danke nein, ich lehne sie an die Mauer und mich platzsparend daneben. 25 Plätze zähle ich, dazu drei im Fenstersturz, für mich wird später ein Klappstuhl aufgestellt. Die Frauen erzeugen ein heiteres schwäbisches Gemurmel. Sie sind die Selbsthilfegruppe nach Krebs, »Taminos Traum« und das ausverkaufte Haus gehören heute ihnen. Immer noch eine kommt, ich gebe auf, meine Tasche verschwindet unter einem Sitzpolster im Foyer. Los geht es, wenn alle da sind. Bis dahin erläutert mir Herr Stadtelberger, der seine Frau begleitet, Thierses antischwäbische Stammtischparolen, drückt sich aber viel höflicher aus. Ich nehme mir vor, auf den Akzent der Marionetten zu achten.

Esslingen am Neckar war einst freie Reichsstadt, von den Staufern begünstigt, heute ist es ein Industriestandort. Auf 92 000 Einwohner kommen über 50 000 Beschäftigte, viele davon im produzierenden Gewerbe. Im Ortsteil Mettingen betreibt Daimler Gießereien, fertigt Achsen und Getriebe. Die Homepage der Stadt berichtet stolz von über 150 Patenten für innovative Antriebstechnik, die allein das expandierende Unternehmen Festo jedes Jahr anmeldet. Das Neckartal riecht nach Metallverarbeitung, aber an seinen Hängen gedeihen Trauben. Ein Teil davon wird bei Kessler verarbeitet, in der ältesten Sektkellerei Deutschlands. Und der mittelalterliche Kern des Städtchens ist oft Kulisse für touristische Events.

An solchen Orten geht die Poesie gern flöten. Hier ist sie nicht weit gegangen. Sie flötet in der Landolinsgasse 1. Andreas Weiner berichtet, ehe die Vorstellung beginnt, von der Geschichte des Hauses. Bevor das zweijochige gotische Kreuzrippengewölbe zum Marionettentheater wurde, war es bewohnt, der heutige Zuschauerraum war Wohnzimmer, wo die Bühne ist, wurde geschlafen. Man lebte bescheiden, doch in Mauern von der Wende des 14. zum 15. Jahrhundert.

Das Gebäude war eines von 13 Zunfthäusern der Stadt, ein Brand vernichtete 1701 alle bis auf zwei. Kann sein, dass wir in der einstigen Hauskapelle sitzen, das weiß auch Weiner nicht. Er verschwindet jetzt hinter der schwarzen Guckkastenbühne. Der von aprikosenfarbnen Wölkchen und Flugbahnen aus digitalem Code bedeckte Himmel weicht bemalten Türen. Eine ziemlich große Marionette erscheint, ein Bein rot, das andere weiß bestrumpft: Emanuel Schikaneder. »Komm hier entlang!« ruft er Mozart zu, der ihm zögernd folgt. »Taminos Traum« erweist sich als Paraphrase der »Zauberflöte«, in der der Komponist als Tamino, der Textdichter als Papageno auftreten. Schikaneder trägt statt eines Huts die Feder im Haar, was ihn als Dichter, Vogelfänger und lustigen Vogel ausweist. Bald wird er »Constanze« aus dem Souffleurkasten rufen und ihr die Rolle der Pamina zuweisen.

Es ist so still, dass man die Füße der Marionetten leise quietschen hört. Ihre Kostüme sind zeitlos elegant, die Gesichter oval, reduziert, ohne abstrakt zu sein, die Augen schräg geschnittene Öffnungen ohne Iris und Pupille. Einmal hat Weiner versucht, mit einem Stecknadelkopf einen Lichtreflex in den Augen zu erzeugen, doch schon das war ihm zu konkret. »Ich kann mir meine Akteure selbst schaffen«, sagt er. Nicht, dass sie immer täten, was er will, nicht einmal die, die er eigenhändig führt. Für die komplexe Koordination von Füßen, Händen und Kopf der Figuren benötigt man Behutsamkeit und, da die Arme mit den Spielkreuzen weit in die Bühne hinein gestreckt werden, gute Muskeln an Oberarm und Rücken. Ich darf es nach der Vorstellung einmal mit Herrn Schikaneder probieren. Jede nicht ganz bedachte Bewegung setzt sich sofort um in unkontrollierten Schwung.

Meistens sind es klassische Stücke, die Weiner bearbeitet. So fand er auch den Namen für das Theater: LIMA, Literarisches Marionettentheater. Wie er selbst dazu kam, ist eine lange Geschichte, die er gern ganz erzählen würde, obwohl sie 1883 beginnt. Ich steige 1985 ein. Da war Wilhelm Preetorius, ein vielseitiger Künstler und Schauspieler, seit einem Jahr im Ruhestand und betrieb in der Landolinsgasse ein privates Marionettentheater. »Pree«, wie er allseits genannt wurde, warb nicht und nahm keinen Eintritt. Nur wem’s gefallen hatte, der legte am Ende einen Obolus auf einen Teller. Anmelden musste man sich, täglich zwischen 10 und 12 Uhr. 1985 war Weiner 25 Jahre alt, Zahntechniker und seines »ehrbaren Berufs« überdrüssig. Weil er während der Arbeit nicht telefonieren konnte, meldete ein Freund ihn an. Am Theaterabend wollte Pree ihn dann nicht einlassen, auf der Liste stand ja der Freundesname. Der bekannt befeuernde Effekt von Anfangsschwierigkeiten trat ein. Schon nach dem ersten Besuch wollte Weiner mitspielen, zunächst für ein Jahr. Befristungen mochte Pree schon gar nicht. Was schließlich nebenberuflich doch begann, führte dahin, dass Weiner die Zahntechnik an den Nagel hängte und 1991 das Theaterchen ganz übernahm. Es habe sich mit seinen Plänen, »besser: Nicht-Plänen«, sagt er, getroffen.

Wenn auch die Produktionen sich aus Kostengründen auf Dramen beschränken, die mehr als 70 Jahre alt, also »frei« sind, literarisch greifen sie nach den Sternen. Weiner verkleinert nicht einfach ins Puppenhafte, sondern ersinnt eine je eigene Geschichte und verschränkt sie mit der Vorlage. Wenn ein Stück ihn einfange, Bilder wecke, Gefühle, dann wachse auch das »Begehren, mich mit dem Stoff zu befassen«. Aus dem Urfaust entsteht so »Labyrinth Faust«, aus Romeo und Julia »Five Days«, aus dem »Sommernachtstraum« wird »Die Mondnacht«. Dabei kämpft er auch gegen Klischees. Bei seiner Adaption von Jewgenij Schwarz' »Drachen« lockte der Titel des politischen Stücks Eltern mit Kindern abends um acht ins LIMA. Wo ein Drache ist, dachten sie, muss auch Kindertheater sein.

Weiner ist Autodidakt. Bedauernd gibt er zu, sich zu wenig von Kollegen anzusehen: »Entweder machste oder lachste.« Er arbeite eben gleichzeitig mit den Kollegen, und das am liebsten wohl für immer. »Ich wüsste im Augenblick nicht, was ich anderes wollte. Und es bietet so große Freiheiten«, das, fügt er halb ironisch hinzu, liebten die Wassermänner: »Gell, Mozart?«, sagt er zu der Figur des Komponisten hinüber, der am gleichen Tag Geburtstag hat wie er selbst. Er könne hier »alles« sein, Darsteller, Regisseur, Gestalter. Eine universelle Veranlagung brauche man dafür, die Technisches einschließe. Er zeigt Fotos von der mobilen Bühne, die das LIMA auch einmal war. Für die Konstruktion, die man in jedem ausreichend großen Raum aufbauen konnte, brauchte er Mitstreiter. Heute braucht er sie für die baulichen Erneuerungen, die nach und nach realisiert werden. Außer ihm selbst arbeiten alle nebenberuflich oder projektbezogen, eigene Zeit und eigenes Herzblut bringen sie mit. Simon Lambert zum Beispiel, ein geschickter Einrichter, Möbeldesigner, Handwerker, habe vieles ehrenamtlich getan, und nicht nur er. Oder es werden äußerst knapp kalkulierte Preise in Rechnung gestellt. Dass am Schlussstein des Gewölbes denkmalschutzrelevante Bemalungsreste entdeckt wurden, kommentiert Weiner mit einem herzhaften: »Gott sei Dank nur da!«

Neben Eigenleistung steht eine Subvention der Stadt sowie eine, wenn auch befristete, des Landes. Es gibt einen Förderkreis, und die Volksbank Esslingen tritt als Sponsor auf. Das LIMA ist eine sehr kleine Herzkirsche auf der großen Torte, die sich mit Steuergeldern einer reichen Stadt finanzieren lässt. Doch Weiner ist vorsichtig. Die »Eventgesellschaft« strebe nach großen Dimensionen. Freilich, mit leiser Ironie statt lauter Witze, mit innerer Bewegung statt zur Schau gestellter Gefühle zieht man kein Massenpublikum an. Es kommt vor, dass alte Esslinger das LIMA entdecken, als habe es sich soeben in der Landolinsgasse materialisiert. Ausverkauft ist es dennoch oft.

Spiel du die Zauberflöte an, sie schütze uns auf unsrer Bahn», heißt es am Ende von «Taminos Traum». Ins Bild kommt die Welt, die wir erobern können: eine Mozartkugel. Es wird gelacht. Der Hintersinn ist politisch, auf die feine Art. Die Marionettenführer verbeugen sich. Ich versuche herauszuhören, wer dem Schikaneder seinen Wiener Akzent gegeben hat. Weiner selbst hat anhaltinische Wurzeln, wuchs aber im Westen auf. Vom allgegenwärtigen Dialekt fühlt er sich nicht verführt. «Wir brauchen das Schwäbische nicht, um akzeptiert zu sein.» Der Dialekt sei ein Stilmittel, wenn›s passt. Fausts Famulus Wagner in ‹«Labyrinth Faust» zum Beispiel, der spricht Hessisch.«

Das Schwäbische kommt sowieso von allein ins Gewölbe: »Nimmt›s einfach mal mit!‹«, spricht Frau Stadtelberger ihre Mitfrauen an. Sie ist auch im LIMA-Förderverein und reicht Anträge herum. 30 Euro koste die Mitgliedschaft im Jahr, was, bitte schön, sei das im Vergleich zu einer einzigen Karte für das große Musical-Theater im benachbarten Stuttgart! »So charmant ist Werbung selten«, meint Weiner, charmant. Die Marionetten kommen noch einmal aus dem Hintergrund der Bühne und scherzen mit uns. Erst jetzt sieht man, wie klein sie sind. Verblüffend, wie die Größenverhältnisse bei normaler Beleuchtung sich von der Illusion während des Spiels abheben. »Das Ganze«, sagt Weiner, »ist ein Spiel.« Spielt er denn gern? »Mit meinem Leben offensichtlich. Mit meiner Existenz.«

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