Zwölf Kommunarden im Lande der Urus

Im Salento betreiben Ex-Berliner und Italiener seit zehn Jahren Öko-Landwirtschaft

  • Von Jens Herrmann
  • Lesedauer: ca. 5.5 Min.

Tief im Süden Italiens, wo der Absatz des Stiefels beginnt, haben Deutsche und Italiener die Kommune Urupia gegründet. Deren Wein wird inzwischen auch in Berlin ausgeschenkt.

»Urus sind ganz liebevolle Zeitgenossen, solange man sie mit Respekt behandelt«, erklärt Rolf. »Wenn man ihnen aber ungebührlich gegenübertritt, können sie auch garstig werden.« Im Land dieser Kobolde, dem süditalienischen Salento, lebt der 58-jährige Ex-Berliner seit nunmehr zehn Jahren. Zwölf Italiener und Deutsche, ganz vom Schlage der Urus, taten sich damals zusammen, um ihre Utopie von einem selbstbestimmten Leben in dieser ländlichen Region umzusetzen. Sie gründeten die Landkommune Urupia inmitten von Olivenhainen und Weinbergen 30 Kilometer östlich der Hafenstadt Tarent.
Die Gruppe hatte sich in einem libertären politischen Umfeld kennen gelernt und ihre gemeinsame Zuneigung für das Salento entdeckt. Viele kannten Land und Leute seit langem. Die italienischen Mitbegründer wuchsen fast alle hier auf. Lange hatten sie davon geträumt, in ihre Heimat zurückzukehren und sich dort eine eigene Basis zu schaffen.
Rolf hatte damals schon reiche Erfahrungen in Berliner Alternativprojekten gesammelt. Er arbeitete in einem Taxi- und einem Bäckereikollektiv, wohnte in WGs. Selbstorganisiert und gleichberechtigt Dinge ins Rollen zu bringen, das war nichts Neues für ihn. »Ich hatte damals genug von der Großstadt«, erzählt der einstige Kreuzberger. Er und seine Mitstreiterin Antje sitzen zur Siesta auf der Urupia-Terrasse - hier ist es auch im November noch angenehm warm. »Berlin hatte sich so stark verändert, dass es einfach nicht mehr meine Stadt war«, ergänzt Antje, die auch von Anfang an dabei ist. »Zudem hatte ich regelrecht Sehnsucht, die Hände in die Erde zu stecken«, erinnert sich die ehemalige Lehrerin und Gewerkschafterin.
An die 600 Objekte haben sie sich damals angeschaut. »Letztlich entschieden wir uns für den hässlichsten Hof - aus Kostengründen«, meint Rolf schmunzelnd. »Aber daraus haben wir eine Menge gemacht«, sagt Antje. »Das war ja alles eine Art Wüste mit einem Rohbau drauf.« Vom Dach des weiß getünchten Haupthauses hat man einen schönen Blick über die 27 Hektar von Urupia. Und man kann schnell die Unterschiede zwischen dem Gemeinschaftsprojekt und den Nachbarn sehen: Während auf dem Land der Kommune üppiges Grün sprießt, wirken die Nachbargrundstücke kahl und verbrannt. Sie werden mit Pflanzenschutzmitteln und Unkrautvernichtungschemikalien behandelt. In Urupia sind diese tabu. Hier wird seit nunmehr zehn Jahren biologische Landwirtschaft betrieben. 15 000 Liter Wein und 6000 Liter Olivenöl produziert die Kommune jährlich nach strengen ökologischen Kriterien. Bio-Landwirtschaft war hier zuvor kaum bekannt.

Es geht auch ohne Bankkredite
Als Urupia anfing, war das ganze Projekt für die Nachbarn eher befremdlich. »Aber sie begegneten uns mit Respekt«, erinnert sich Rolf. »Inzwischen haben die Leute gesehen, dass es geht und welch gute Ergebnisse man so erzielen kann.« Dabei sollte die Landwirtschaft ursprünglich nur der Selbstversorgung dienen. Es gab Ideen, ein Tagungshaus einzurichten, Bildungsveranstaltungen anzubieten und eine Tischlerei aufzubauen. Doch recht bald stellte sich ökonomischer Druck ein. Schnell wurde klar, dass die einzige konkrete und naheliegende Einnahmequelle die Landwirtschaft war.
»Bereits im ersten Jahr haben wir die Trauben von den alten Weinstöcken abgeerntet und daraus den ersten Wein gemacht«, erzählt Rolf. »Wir konnten damals in der Gründungsphase auf eine dichte solidarische Vernetzung in der libertären Szene Deutschlands und Italiens bauen und diese in Informationsveranstaltungen noch verbreitern. Ohne sie hätten wir das nötige Startkapital zur Gründung der Kommune wohl nicht zusammenbekommen«, meint Antje. Einer der Kommune-Grundsätze ist es bis heute, keine Bankkredite aufzunehmen und sich eine autonome ökonomische Basis zu schaffen, die nicht von öffentlichen Mitteln abhängig ist.
Trotzdem hat die Gemeinschaft viel investiert. So wurden die Wein- und Olivenölverarbeitung modernisiert, ein Weinkeller angelegt und eine neue Bäckerei gebaut. Auch hier half das gewachsene Solidarumfeld mit Privatdarlehen und tatkräftiger Unterstützung sowie dem Kauf der Produkte aus Urupia. Seit einigen Jahren wird der Wein der Urupia-Genossenschaft »La Petrosa« beispielsweise im Berliner »Café Morgenrot« in der Kastanienallee ausgeschenkt, und der Kreuzberger Bioladen »Kraut und Rüben« bietet Olivenöl mit den »Urus« auf dem Etikett an.
Zudem ist es gelungen, immer mehr Gemüse zur Eigenversorgung anzubauen. Das hilft, die Ausgaben zu senken. Geld ist in Urupia auch heute noch knapp. Die Kommunardinnen und Kommunarden würden sich jedoch nicht als arm bezeichnen. Vielmehr sind die heute zwölf Erwachsenen und zwei Kinder recht zufrieden. »Die direkte Kooperation mit der Natur und die selbstbestimmte Arbeit führen zu einem bewussteren Leben, und außerdem ist die Ernährung mit selbstgezogenen Lebensmitteln der wahre Luxus«, findet Antje. Im Zeitalter des Neoliberalismus werde alles zur Ware. Industrielle Nahrungsmittelproduktion, Gentechnologie, globale Klima- und Umweltzerstörung sowie ein immer tieferen Graben zwischen Arm und Reich - dem will Urupia ihre Werte entgegensetzen.
Auf Karrierestreben und Individualisierung hat man mit dem Leben in der Kommune eine gemeinschaftliche Antwort gefunden. Wer in Urupia einsteigt und Kommunarde wird, bringt sein oder ihr Eigentum in die Gemeinschaft ein und wirtschaftet fortan aus einer gemeinsamen Kasse. Alle wichtigen Entscheidungen werden gemeinsam gefällt - im Konsens und ohne Abstimmungen. »Über Geld wurde bei uns noch nie gestritten«, erzählt Antje.
Zu tun gibt es stets viel - oft zu viel. Ökologische Landwirtschaft ist arbeitsintensiv, und Arbeit wird durch den steigenden Preisdruck immer schlechter bezahlt, klagt Rolf. »Ohne die Hilfe vieler hätten wir all die Arbeit der letzten Jahre gar nicht bewältigen können.«

Gäste sind stets gern gesehen
Immer seien einige Gäste auf dem Hof. Für sie wurde eigens ein kleiner Campingplatz angelegt. Kommune soll für sie real erlebbar sein. Das ist Konzept und nennt sich »Offene Kommune«. Besucher sind besonders gern gesehen, wenn sie längere Zeit bleiben wollen. Sie werden in den Alltag integriert. Die gemeinsame Arbeit gehört ebenso dazu wie das Essen und Trinken am gleichen Tisch. Wenn im Hochsommer jedoch bis zu 40 Personen auf dem Hof sind, trifft die Offenheit auf Kapazitätsgrenzen. Eine vorherige Terminabsprache ist also obligatorisch.
Eines dieser Erlebnisse ist es auch, wenn Carlotta eine Schulklasse auf dem Hof begrüßt. Die werdende Mutter ist vor drei Jahren in die Gemeinschaft eingestiegen und kann sich nun darüber freuen, dass nach anfänglichen Berührungsängsten inzwischen zahlreiche Lehrerinnen und Lehrer aus der Region mit ihren Schülern kommen, um sich zeigen zu lassen, wie Brot gebacken wird, wie Wein entsteht oder welche Kräuter vor Ort zu finden sind.
Zum zehnjährigen Jubiläum haben sich die Urupianer einen weiteren Traum erfüllt: den Ausbau der lange geplanten »Kulturscheune«. Sie konnte in diesem Herbst endlich eröffnet werden. Eine Theatergruppe ist entstanden. Erste Auftritte hatten sie bereits bei Festen und während politischer Aktionen. Eine Entwicklung, auf die alle stolz sind, denn so kommen sie dem Ziel, Landwirtschaft, Kultur und politisches Engagement in ihrem Alltag zu verbinden, einen weiteren Schritt näher.

Wer mehr von Urupia wissen oder ihre Produkte kaufen will, hat morgen ab 16 Uhr beim alljährlichen Informationsabend der Kommune im Familiengarten, Oranienstr...

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