Brennende Tiger

Die Schlacht am Kursker Bogen 1943 - Spione hatten vorab gewarnt

Es ist der 12. Juli 1943. Hauptmann Skripins T-34 ist getroffen, er selbst schwer verwundet. Eine Granate hat soeben die Seitenwand seines Panzers durchschlagen. Seine Soldaten ziehen den Offizier aus dem Fahrzeug und bringen ihn in einen Erdtrichter in Deckung. Ein »Tiger« der Wehrmacht rollt direkt auf sie zu. Tankist Nikolajew springt in den rauchenden T-34, wirft den Motor an und rast dem Feind entgegen. Der »Tiger« stoppt, wittert die Gefahr. Aber es ist zu spät. Der T-34 rammt in voller Fahrt den deutschen Panzer. Eine Detonation lässt den Boden erbeben.

Nach der Niederlage von Stalingrad war es der Wehrmacht im Frühjahr 1943 gelungen, die Front zu stabilisieren. Die folgenden Monate nutzten beide Seiten zur Vorbereitung der unvermeidlichen Entscheidungsschlacht. »Der Angriff im Frontbogen von Kursk soll schnell und durchschlagend gelingen!«, beschwor Hitler seine Generäle. Erich von Manstein entwarf einen Plan, der den Tarnnamen »Zitadelle« erhielt. Er gedachte, die sowjetischen Truppen mit schweren Panzerkräften von Norden und Süden in die Zange zu nehmen und zu vernichten. Der Generalfeldmarschall wollte schon im April oder Mai angreifen. Doch Hitler hatte Angst vor einem weiteren Fehlschlag. Der Diktator setzte auf den Einsatz der neuen, sich noch in der Erprobungsphase befindenden Panzer »Panther« und »Tiger«. Alles in allem boten die Okkupanten 900 000 Soldaten, 2700 Panzer, 2000 Flugzeuge und mehr als 10 000 Geschützen aller Kaliber auf.

Die Rote Armee war durch einen kommunistischen Spionagering in der Schweiz sowie einen sowjetischen Agenten im britischen Entschlüsselungszentrum in Bletchey Park detailgetreu über das Datum des Beginns der deutschen Offensive sowie die Stärke der deutschen Truppen informiert. Die zahlenmäßig überlegenen russischen Soldaten verschanzten sich in tief gestaffelten Verteidigungsstellungen. Stalin wollte sogleich angreifen lassen, Marschall Shukow konnte ihn aber von seiner Strategie überzeugen, um Kursk herum erst eine unüberwindliche Verteidigungslinie aufzubauen.

Als die Deutschen sich dann am Morgen des 5. Juli für ihren Angriff bereit machten, erwartete sie eine Überraschung: Um 2.30 Uhr eröffnete die sowjetische Artillerie das Feuer. Die völlig überrumpelten deutschen Generäle änderten aber ihre Angriffspläne nicht. Um 4.30 Uhr begann das Unternehmen »Zitadelle«. Die 9. Panzerarmee unter Generaloberst Walter Model setzte sich in Bewegung. Sie wurde von einem Abwehrfeuer empfangen, wie es die Wehrmacht noch nie erlebt hatte. Panzer und Infanteristen wurden regelrecht festgenagelt. Im Süden ging der deutsche Angriff dagegen besser voran. Hier waren die sowjetischen Truppen schwächer konzentriert. Die 4. Panzerarmee unter Generaloberst Hoth mit den SS-Divisionen »Totenkopf«, »Das Reich«, und »Leibstandarte Adolf Hitler« kam 30 Kilometer voran. Doch dann wurden auch sie durch erbitterte Gegenstöße sowjetischer Reserveverbände zum Stehen gebracht.

Am 12. Juli sollte es zur Entscheidungsschlacht kommen. Zwei gewaltige Panzerheere standen sich nahe der Ortschaft Prochorowka gegenüber: 800 sowjetische und 600 deutsche Tanks. Die größte Panzerschlacht des Zweiten Weltkrieges stand bevor. Um 8.30 Uhr gab General Rotmistrow das Codewort für den sowjetischen Angriff aus: »Stahl! Stahl!« (in Russisch: Stalin). Die den deutschen Panzern an Feuerkraft unterlegenen T-34 versuchten so dicht wie möglich an die »Panther« und »Tiger« zu gelangen. Auf kurze Entfernung konnten ihre Granaten deren stärkere Panzerung durchbrechen. Das folgende Gemetzel war fürchterlich. Viele Besatzungen verbrannten bei lebendigem Leib in ihren stählernen Kolossen oder wurden von den einschlagenden Granaten zerfetzt.

Am 13. Juli erteilte Hitler den Befehl zum Abbruch des Unternehmens. Die Verluste der Deutschen betrugen rund 50 000 Mann. Die Wehrmacht hatte mehr als die Hälfte ihrer Panzer verloren. Sowjetische Zeitungen titelten: »Die Tiger brennen«. Die Rote Armee hatte mindestens 70 000 Tote zu beklagen. Die Gegend um Kursk/Orel bot ein schreckliches Bild. Im Umkreis von 50 Kilometern waren die Felder niedergewalzt, übersät mit Panzerwracks. Meilenweit verpestete der Geruch unbegrabener Leichen die Luft. Für den heißen, blutigen Sommer '43 bei Kursk prägte Ilja Ehrenburg den Begriff »tiefer Krieg«.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
Mehr aus: