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Der eigene Kosmos des Maserati-Harry

Zeuge belastet im Prozess den einstigen Chef der Treberhilfe Hans-Harald E. massiv

Peter Kirschey berichtet aus Berliner Gerichtssälen
Peter Kirschey berichtet aus Berliner Gerichtssälen

Hans-Harald E., bei Freund und Feind auch als »Maserati-Harry« bekannt, ackert wie ein Wilder. Er schreibt Blatt um Blatt, nickt heftig bei Zustimmung und schüttelt genervt den Kopf, wenn der Zeuge etwas Missliebiges sagt. Der einstige Chef der Berliner Treberhilfe, einer gemeinnützigen GmbH zur Unterstützung Obdachloser und Familien in Not, ist der Steuerhinterziehung angeklagt. Mehr als 600 000 Euro sollen dem Fiskus durch kleinere und größere Schummeleien des Hans-Harald E. entgangen sein. Am Freitag sagte der Mann als Zeuge aus, der als Beamter die Ermittlungen gegen E. leitete.

Ein Dienstwagen »Maserati«, der während einer Privatfahrt bei Burg im Spreewald geblitzt wurde, war der Auslöser der Affäre, die bundesweit den extravaganten Lebensstil des Ex-Treberhilfe-Bosses an die Öffentlichkeit brachte. 120 000 Euro hatte das Fahrzeug gekostet, hinzu kamen jedoch 30 000 Euro Zusatzeinrichtungen. Somit lag der damalige Wert tatsächlich bei rund 150 000 Euro. Hätte dies die Finanzbehörde gewusst, hätte sie E. aufgefordert, sich ein billigeres Dienstfahrzeug zuzulegen. Denn der Kaufpreis des Wagens machte immerhin ein Drittel des erwirtschafteten Gewinns der Treberhilfe aus, der aber wegen der Gemeinnützigkeit des Unternehmens nicht versteuert worden war. Und der Maserati war nicht das einzige Fahrzeug des Chefs: Ein weiterer Nobel-Dienstwagen war ein Lexus, angeschafft für etwa 32 000 Euro, der dann gegen einen 105 000 Euro teuren BMW X5 »ausgewechselt« wurde. Alle Fahrzeuge wurden nach Aussagen des Chefermittlers Uwe-Gerd B. privat genutzt. Nebenbei hatte E. auch noch zwei private Edelkarossen zu laufen, einen Mercedes und einen Jaguar. Zur Treberhilfe-Flotte gehörten für leitende Mitarbeiter weitere BMW. Natürlich fuhr E. oft nicht selbst, er ließ fahren. »Maserati-Harry« ließ es so richtig krachen in seinem Sozialkonzern. Als eine Villa am See im Besitz der Treberhilfe im brandenburgischen Caputh ausgebaut wurde, hatte sich E. ganz in der Nähe in Hotels eingemietet, um überflüssigerweise die Bauarbeiten zu beaufsichtigen – natürlich auf Kosten der Treberhilfe und damit des Steuerzahlers.

Hans-Harald E. lebte in einem eigenen Kosmos, wo die Gesetze des Anstands und der Moral einfach nicht mehr galten. So beorderte er beispielsweise, wie es die Unterlagen des Ermittlers belegen, eine Treberhilfe-Mitarbeiterin zur Müritz, um dem Meister bei der Überführung seiner privaten Motorjacht zur Seite zu stehen. Die Aktion sah so aus, dass der Chauffeur des Herrn E. die Angestellte aus Berlin abholte, zur jeweiligen Schleuse beorderte, wo sich das Boot gerade befand. Die Frau assistierte beim Durchschleusen und fuhr dann wieder direkt nach Berlin. Am folgenden Tag ließ sie sich zur nächsten Schleuse kutschieren, um dem Boss durch die Tore zu helfen. Das wiederholte sich zwei, drei Mal – alles Leistungen, die auf das ohnehin üppige Gehalt von 300 000 Euro im Jahr aufgeschlagen wurden, ohne sie der Steuer zu melden.

Hans-Harald E. hält sich nach wie vor für unschuldig und will dies dem Gericht beweisen. Viel Zeit bleibt nicht, noch schweigt er. Nach zwei weiteren Verhandlungstagen soll das Urteil am 30. September gesprochen werden.

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