Gedenken auf dem Bürgersteig

Schüler erinnern mit Sprühfarbe an die Deportationen vom Güterbahnhof Moabit

  • Malene Gürgen
  • Lesedauer: 3 Min.
Im Rahmen der Aktion »Ihr letzter Weg« machen Schüler die Strecke sichtbar, auf der Juden zu den Zügen in die Konzentrationslager gebracht wurden.

So ganz leicht ist das nicht. Die Schablone kann verrutschen, und wenn die gelbe Farbe aus zu großer Nähe aufgesprüht wird, verläuft der Stern zu einem unförmigen Klecks. »Mann, pass doch mal besser auf, das soll doch gut aussehen«, empört sich Hakdan. Der Fünfzehnjährige und seine Mitschüler aus der neunten Klasse der Hedwig-Dohm-Oberschule in Berlin-Moabit sind heute mit einer besonderen Aufgabe in ihrem Kiez unterwegs: Überall, wo die ziemlich wilde, aber auch ziemlich engagierte Schülergruppe vorbeizieht, hinterlassen sie eine Spur von aufgesprühten Davidssternen und dem Schriftzug »Ihr letzter Weg« auf dem Bürgersteig. Damit markieren sie die Strecke, auf der ab 1941 gut 30 000 Juden aus der Sammelstelle in der Synagoge Levetzowstraße von den Nazis zum Güterbahnhof Moabit gebracht wurden, von wo die Deportationszüge in die Konzentrationslager fuhren. Alles unter den Augen der Anwohner, die später nichts gewusst haben wollten - diese Geschichte soll die Aktion sichtbar machen.

Im Projektunterricht haben die Schüler zuvor das »Tagebuch der Anne Frank« gelesen und sich mit dem Thema Judenverfolgung beschäftigt, berichtet Klassenlehrerin Susanne Rieger. »Wir haben uns immer gefragt, was wäre, wenn so etwas heute passieren würde«, sagt Schülerin Melisa. »Es ist in unserer Klasse nicht so einfach, dass die Leute ernst über ein Thema reden«, sagt ihre Freundin Sundos, die dabei selbst ziemlich ernst auf ihre Mitschüler blickt, die die Sprühdosen gerade lieber auf einander als auf den Boden richten. Aber auch wenn nicht alle Farbe dort landet, wo sie hingehört, und mit der Zeit nicht nur der Weg, sondern auch die meisten Schüler immer gelber werden - spannend finden sie die Aktion schon. »Dass das hier direkt passiert ist, in diesen Straßen, das sollen alle wissen«, sagt der 14-jährige Riad. Auch Hakdan findet die Aktion »sinnvoll«, und Melisa erkennt: »das soll uns dazu inspirieren, darüber nachzudenken«.

Susanne Torka von der Initiative »Sie waren Nachbarn - Holocaustopfer aus Moabit« hat die Schule für die Aktion gewonnen. Seit zwei Jahren setzen sie und ihre Mitstreiter sich im Bezirk für ein sichtbares Gedenken an die vielen Tausend vom Güterbahnhof aus Deportierten ein. Am Wochenende hatte die Initiative bereits selbst den ersten Teil des Wegs markiert. »Da ist ernsthaft die Polizei aufgetaucht und hat die Personalien von zwei von uns aufgenommen«, sagt Susanne Torka. Die Schüler überbieten sich daraufhin mit Heldengeschichten, was sie im Falle eines erneuten Polizeieinsatzes alles sagen und vor allem tun würden - an diesem Vormittag gibt es aber keine Begegnung mit den Beamten.

Die Wegmarkierung ist ein Teil der Aktionstage »Ihr letzter Weg«, die noch bis zum 9. November, dem Jahrestag der Reichspogromnacht, in Moabit stattfinden. Organisiert von der »Wir waren Nachbarn«-Initiative und eingebettet in das Aktionsjahr »Zerstörte Vielfalt« finden Lesungen, Konzerte und Theateraufführen statt, außerdem erinnern Plakate, auf denen Aufnahmen aus der Nazizeit mit heutigen Straßenansichten aus Moabit zusammengestellt sind, an die Deportationen. Es gehe der Initiative »auch immer darum, die Ausgrenzung, die damals stattgefunden hat, in Bezug zu heute stattfindender Ausgrenzung von Bevölkerungsgruppen zu setzen«, sagt Susanne Torka.

Mittlerweile klappt das mit dem Sprühen besser, die Sterne und Schriftzüge sind gut zu erkennen. Die Gruppe ist an den ehemaligen Gleisen des Güterbahnhofs angekommen, von denen heute nur noch ein kleiner Rest erhalten ist. Vielleicht soll es hier einmal ein richtiges Mahnmal geben - Susanne Torka und ihre Initiative setzen sich auch dafür ein. Erst mal liest Sundos den Text vor, der dort auf einer Gedenktafel steht und von den Deportationen berichtet - und für einen kurzen Moment ist es, zum ersten Mal an diesem Tag, tatsächlich ganz still in der Gruppe. Dann entdeckt jemand Farbe an seinem Schuh.

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