Gandhis deutscher Mitstreiter
Der DDR-Diplomat Herbert Fischer, ein großer Freund Indiens, ist tot
Der Gandhi-Mitstreiter Herbert Fischer war schon zu Lebzeiten eine Legende, und dies in Indien ebenso wie in unseren Breiten. Am Wochenende ist der 91-jährige frühere DDR-Botschafter in Berlin gestorben.
Als Herbert Fischer vor fast genau 70 Jahren auf der Jahreskonferenz des Allindischen Kongresses in Faizpur Mahatma Gandhi zum ersten Mal begegnete, ahnte er wohl nicht, dass sein Name von nun an mit dem des indischen Freiheitshelden verbunden sein würde. Der am 10. April 1914 in Herrnhut in einer Handwerkerfamilie geborene deutsche Pädagoge und Diplomat kam schon als Schüler mit Lebensreformern, Vegetariern, Pazifisten und Sozialisten in Kontakt - Begegnungen, die ihn früh prägten. In Nazi-Deutschland sah Fischer bereits 1933 keinen Platz mehr für sich und emigrierte. Als ihn in Barcelona eine Einladung Gandhis erreichte, machte er sich auf die große Reise seines Lebens: per Fahrrad, Bus und Kahn gelangte er auf wundersame Weise nach Indien, wo ihn Gandhi in seinem Ashram in Wardha sogleich mit dem Aufbau einer starken Dorfökonomie zur Überwindung der Armut betraute. In jener Zeit unterhielt sich Fischer - tief beeindruckt von dem einfachen, naturnahen Leben und der großen Bescheidenheit Gandhis - fast jeden Tag lange mit »Bapu« (Vater), wie der Mahatma von den Seinen zärtlich genannt wird. Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde Fischer, der unterdessen die Jamaikanerin Lucille geheiratet hatte, von der britischen Kolonialmacht interniert und 1946 nach Deutschland abgeschoben. Im heimatlichen Sachsen gestaltete er u.a. als Oberschuldirektor das neue Staatswesen auf dem Boden der sowjetischen Besatzungszone mit - bis ein Treffen mit einer indischen Friedensdelegation seinem Leben erneut eine Wendung gab. Ab 1958 wirkte Fischer am Ganges als DDR-Diplomat - wobei ihm seine persönliche Bekanntschaft mit fast allen Größen des neuen Indien sehr zustatten kam. 1972 wurde er erster DDR-Botschafter in Delhi. Herbert Fischer nimmt eine gewisse Sonderstellung in der DDR-Diplomatie ein. Anders als so mancher seiner Kollegen war er mit tausend Fasern seinem Gastland verbunden, hütete sich vor Dogmen und blieb - ob als Botschafter oder später als allseits anerkannter Indienexperte - stets zurückhaltend und bescheiden. Kam er als Pensionär nach Indien, war für ihn auch beim Regierungschef immer ein Termin frei. Wenn Fischer allerdings nicht die Gnade der frühen Geburt gehabt hätte, wäre er 1990 ebenso abgewickelt worden wie die anderen DDR-Diplomaten, unter ihnen sein in Indien geborener Sohn Karl, der in die Fußstapfen seines Vaters getreten war. Diese totale Abwicklung, so sagte er mir einmal, hätten viele Inder nicht verstanden. Gandhis Mitstreiter hat auch in den letzten Jahren ungeachtet seines hohen Alters mit zahlreichen Vorträgen und Publikationen für ersprießliche, freundschaftliche Verbindungen zu seinem einstigen Gastland geworben; die Deutsch-Indische Gesellschaft ernannte ihn zu ihrem Ehrenmitglied. Nachdem er bereits 1982 eine viel beachtete Gandhistudie veröffentlichte, erschien 2002 sein lebendiges Erinnerungsbuch »Unterwegs zu Gandhi«. Ein Jahr später verlieh ihm Indiens Regierung den Orden Padma Bushan, mit dem nur sehr selten Ausländer geehrt werden. Mit Herbert Fischer ist ein aufrechter Humanist, ein liebenswerter, warmherziger Mensch von uns gegangen. Und während Gandhis eindringliche Botschaft der Gewaltfreiheit und der religiösen Toleranz selbst in Indien verblasst, ...Zum Weiterlesen gibt es folgende Möglichkeiten:
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