»Warum sollte ich nicht darüber reden?«

Eine ungewöhnliche Frau und ihr Leben, das sie ein »ganz gewöhnliches« nennt

  • Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: ca. 11.0 Min.
Meine Lehrerin war bei der Gestapo. Gewiss, nur als »Tippmamsell« und nur für kurze Zeit. Aber ich muss mit diesem harten Satz beginnen, damit klar ist: Es ist mein Problem, dass ich es mir nicht vorstellen kann - und wie ist es mit meinen geschichtlichen Vorstellungen überhaupt bestellt? Für sie ist es »ein ganz gewöhnliches Leben«.
Es ist ja dieselbe Frau auf beiden Fotos. Einmal 25, dann 88 Jahre alt. Da geht sie mit ihrer Urenkelin einen der Wege um Wickersorf.
Wickersdorf: Die Internatsoberschule dort war ihr Lebenswerk. Lisl Urban: eine Lehrerin, wie ich keine zweite kannte. - Das mögen viele sagen, die seit 1954 mit ihr zusammen waren. Bis heute ist sie mit Schülern im Kontakt. Einige von ihnen, vor allem aber ihre Enkel, haben sie ermutigt, ihre Erinnerungen aufzuschreiben, haben ihr das Manuskript auf Diskette gebracht, und einer hat sogar in die eigene Tasche gegriffen und den heute vielerorts üblichen »Druckkostenzuschuss« bezahlt. Weil se ihn einst auch unterstützte: 20 Mark im Monat, denn seine Mutter konnte ihm nichts geben
Ich habe Lisl Urban 1964 kennengelernt. Eine kleine Frau mit wettergegerbter Haut. Bis in den Spätherbst ging sie ohne Strümpfe. Ihr Haar wie selbst geschnitten. Ihre Kleidung vor allem bequem. Sie war nicht verheiratet. Anfangs glaubten wir, dass sie keine Kinder hätte, denn die »Urbse« schien ganz und gar für die Schule da zu sein. Noch spät abends konnte man sie treffen. »Wo kommt ihr denn her?« »Spazieren.« »Mit nassen Haaren?« »Wir waren auch baden.« »Seid also beim Becken unten über den Zaun gestiegen Na, nun aber schnell ins Bett, bevor jemand anders euch sieht.«
Das war das Besondere an ihr, dass sie - als Erzieherin für die Mädchen des Internats zuständig - zwar mahnte, aber zugleich Verbündete war. Als ob es nichts gäbe, was sie nicht verstehen könnte. Und wenn sie im Unterricht neben einem Schüler stehen blieb, der so gar kein Talent zum Zeichnen hatte, betrachtete sie das »Werk«, überlegte und sagte dann etwas wie »Aber immerhin, was für ein entschiedener Strich!«
Lisl Urban - die Kunstlehrerin. Sie liebte Goya, van Gogh, die Kollwitz. Aber sollte der Dadaismus in den 60er Jahren wirklich so ausführlich zum Lehrplan in DDR-Schulen gehört haben? Sie tat, was sie für richtig hielt. Welche Ermutigung damals, wo alles so geregelt schien. »Ich hab mir gedacht, ich könnte ein Theaterstück schreiben«, sagte ich als 16-Jährige zu ihr. Und sie: »Na, unbedingt, das führen wir auf.«. Den Zeichensaal schloss sie nicht ab und ließ auch alle Schränke dort offen. Nimm dir Farben, Pastellkreiden, Rötel- oder Kohlestifte, Zeichenkarton, Leinen, Linolschnittmesser, wann immer du Lust hast. Sonntagnachmittag: Ich schneide mir ein Stück Stoff zu, male Ranken mit schwarzer und roter Textilfarbe, und plötzlich steht sie neben mir: »Jaaa, das hat etwas Japanisches, finde ich.«
Sie konnte loben wie kein anderer. Sie war im Inneren frei. Ins Berlin von Tucholsky und Kollwitz oder ins Worpswede von Vogeler und Modersohn-Becker hätte sie gepasst. Doch wir, gefühlsmäßig ausgelastet im Internats-Beziehungsdschungel, wussten von ihr nicht mehr, als dass sie mit ihrer alten Mutter in einem kleinen Haus am Rande des Dorfes wohnte. Irgendwann sickerte durch, dass sie eine Tochter hatte. Als ich schon an der Universität war, nahm sie deren drei Säuglinge zu sich und zog sie groß. Hätten wir gefragt, sie hätte vielleicht erzählt, wie alles wirklich war. »Warum sollte ich denn damals nicht darüber reden«, meint sie heute. Ihre Enkel kannten schon längst viele Einzelheiten, wundern sich nicht über ihr Erinnerungsbuch.
Lisbeth Edith Urban: 1914 geboren, lese ich, war also Tochter des »Ohrringelkönigs« von Gablonz. Gediegener Wohlstand. Zur Taufe kam der Pfarrer ins Haus. Böhmisches Kindermädchen, böhmische Köchin, aber Tschechisch blieb fremde Sprache. Erst später, in höchster Not würde sie Aber dazu am Schluss. Dieser erste Teil des Buches bis 1933 ist - grandioser Einfall - in dritter Person geschrieben. Es wird über das Mädchen Li berichtet. Von ihrer Zeit zwischen zwei Kriegen, die bei allen Wirren - Tod, Trennung der Eltern, drohender Konkurs - doch goldig schien im Vergleich zu dem, was später kam. Entsprechend der Ton des Erzählens. Man erlebt mit, welchen Genuss es für die Autorin bedeutete, noch einmal das Kind sein zu dürfen, das in der Werkstatt des Vaters mit Glitzersteinen spielte (die »Urbse« mit Strassgeschmeide, unvorstellbar!) und mit den Nachbarsjungen Fritzl und Fredi durch den Wald stromerte. Eines Tages sahen sie dort einen Mann hängen. »Stumm stehen sie, staunen und schauen. Sie nehmen alles genau wahr: den Strick um Hals und Ast, die schlaff hängenden Arme und Beine, die kleine Tabakspfeife in der Anzugstasche Kein Grauen überfällt die Kinder. Sie stehen und warten, bis andere Leute kommen. Still gehen sie dann weg, sie bewahren ihr Geheimnis «
Was allein schon verblüfft, ist die Fülle an erinnerten Einzelheiten. (Sie hat wirklich ein erstaunliches Langzeitgedächtnis, sagt Enkelin Ulrike.) Es schreiben ja heutzutage viele ihre Erinnerungen auf - meist aus dem Bedürfnis nach Selbstbestätigung. Es wird erklärt, bewertet, Bilanz gezogen, selbst wenn Fehler eingestanden werden, klopft sich der Mensch noch auf die Schulter. Bei Lisl Urban findet sich derartiges kaum. Vorgänge werden geschildert, so genau wie möglich, aus dem Erleben von einst heraus. Deshalb geht der Text so unter die Haut, weil man das Fragen, Beurteilen selbst übernehmen muss. Der Autorin genügt die Rückschau als solche: Festhalten, was war, ohne Rücksicht darauf, was andere denken könnten
Argloses Bekennen. Utopie eines Zustands, den es auch heute nicht gibt: Jeder könne alles sagen, ohne ungünstige Folgen für sich selbst. Mit solcher Freimütigkeit zu DDR-Zeiten den falschen Leuten gegenüber wäre sie vom Lehrdienst suspendiert worden. Da genügte in Wickersdorf doch schon viel weniger, um ein Fass aufzumachen. Bis heute liegt es mir auf dem Gewissen: Ein jüngerer Schüler wurde des Internats verwiesen - meinetwegen. Er hatte einen Sketch geschrieben, und ich war unsicher, ob wir ihn im Schülertheater aufführen sollten. Mein ungutes Gefühl konnte ich nicht begründen. Vielleicht irrte ich mich ja ... Gerade Kandidatin der SED geworden, glaubte ich den Worten meines Parteisekretärs, ich könne mir bei ihm in allen Dingen Rat holen. Ich vertraute, aber er machte eine ideologische Kampfsache daraus. - Auch eine Lehre fürs Leben.
Und Lisl Urban? Sie versuchte wohl zu begütigen. Wie immer. Doch sie vermied, zumal als Nicht-Genossin (das kommunistische Ideal im Herzen), die offene Konfrontation zur Leitung der Schule. Und ich? Fühlte mich miserabel, sprach einige Lehrer einzeln an, redete mit jenem Schüler, trat aber bei dem Fahnenappell, als es mitgeteilt wurde, nicht vor und nannte die Entscheidung falsch.
Und wie würdest du dich verhalten, wenn du nachts hörst, dass sie deinen Nachbarn holen kommen. Rennst du raus? Wie können wir richten über Menschen in einer Zeit, die wir nicht erlebt haben?
In Lisl Urbans Kreisen hatte niemand Verbindung zum Widerstand, keinen kannte sie, der sich entschloss, aus der Heimat fortzugehen. Sie wollte ein richtiges, ein gutes Leben - dass es im Falschen war, zunehmend spürte sie es, aber sie war schon mitten drin im Getriebe. Der »Deutsche Gruß« - erst wunderte sie sich, was das überhaupt war, aber 1936 zu Besuch bei der Olympiade in Berlin hat sie auch den Arm erhoben. Es machten ja alle so. Und als die Deutschen gekommen waren, das Sudentenland zu »befreien« - knapp und wahrhaftig die Seiten zur Sudentenfrage -, als plötzlich fast jeder biedere Bürger Uniformträger sein wollte (nur der Vater zierte sich), fand sie nichts dabei, als ihr Heinz eines Tages in schwarzer Uniform vor ihr stand. Als Jurastudenten hatte sie ihn geheiratet, nun war er zur Spionageabwehr nach Kolín beordert. Da reist sie ihm aus Prag hinterher, nimmt in seiner Dienststelle diese Arbeit an.
Die elegante Blonde mit Zigarette auf dem Bild - das ist sie zusammen mit Heinz. Die Lachende im Vordergrund ist Sabine Fuchs, die Frau eines anderen Gestapo-Manns, der Mann neben ihr ist ein deutscher Fabrikant, der die jüdische Zuckerfabrik in Kolín »übernommen« hat. Irgendwie gruslig, finde ich. Ist das Bild aufgenommen vor oder nach dem Verhör, bei dem sie als Protokollführerin einspringen musste?
Eine höfliche Befragung, Zigaretten wurden angeboten. Ein tschechischer Leutnant verteidigte sein Recht auf Widerstand, und ein junger Jude deklamierte den neugierigen Offizieren seine Gebete. Aber sie weiß: Die Mitglieder der tschechischen Widerstandsgruppe werden nach Prag gebracht. »Der Tod, er steht neben mir, und ich vermag ihm nicht zu wehren. "Nervöse Erschöpfung", sagt der Arzt, aber es ist nur, dass ich nicht mehr ein noch aus weiß «
Im Prager Gefängnis Pankratz wird sie wenig später ihren Mann besuchen - in einer Zelle. Warum er verhaftet wurde, wird sie nie erfahren. Hing es wirklich mit nicht zurückgegebenen 100 Kronen zusammen? Als Heinz wieder frei ist, nicht mehr bei der Gestapo, sondern bei einer Versicherung tätig, sieht sie auf einem der grell gelben Plakate in Prag unter den Namen von Erschossenen zwei, die sie kennt. Mit den Foltas war Heinz doch befreundet gewesen ...
Manches gibt es, was sich für sie nicht ganz aufklären lässt. Wer hat den Vater angezeigt? Mit dem Parteiabzeichen am Revers folgte er der Vorladung zur Gestapo und kehrte zurück. Die Tochter hatte er auch bei der NSDAP anmelden wollen, aber er es wohl »vergessen«. Und in ihrer Umgebung dachten alle, sie gehöre dazu. Wie kam die Lebedame Sonja, Cousine von Heinz Mutter, in eine Baracke nach Ravensbrück? Als Besitzerin von Schloss und Park Veselikov hatte sie sich doch gerade noch ein jüdisches Gut unter den Nagel gerissen. Und viele andere Details, die dir sagen: Es war im Einzelnen immer noch ein bisschen anders, als du es in der Schule lerntest.
Als ich geboren wurde, war der Spuk erst fünf Jahre vorbei, und schon war, was ich davon erfuhr, gefiltert, leicht fasslich aufbereitet. Und selbst das wird mir beim Lesen dieses Buches klar: Wäre da nicht etwas mit Macht unterdrückt worden, es hätte immer weiter gebrodelt. Wie nach Versailles. Hinnehmen, was nach dem Krieg an Unrecht geschah. Oder-Neiße-Friedensgrenze und Basta.
Aber was heißt Auseinandersetzung mit den Wurzeln des Nazismus? Ist es getan mit Verurteilung der Verbrechen und Etablierung einer neuen Machtstruktur? Müsste antifaschistische Erziehung nicht damit beginnen, die Widerstandsfähigkeit des Ich zu stärken, Menschlichkeit, Gewissen, Sensibilität gegenüber Ungerechtigkeit?
Lisl Urban wird sich von ihrem Mann scheiden lassen, der nie ganz offen zu ihr war, wird sich in einen anderen verlieben, weil sie einen »Schutzmantel« braucht. Doch den wird ihr der Kampfflieger Hans nicht geben. Als sie frei ist, ihn zu heiraten, ist er wie erstarrt. »Ausgelaugt von all dem Töten«?
Und wieder die Sehnsucht nach der großen, wilden Liebe. Und wieder ein Mann - »Katzenaugen, ich mag sie« -, von ihm will sie ein Kind. Eike, auch er einst Jurastudent, dann bei der »Schutzstaffel des Führers«, ist nun Hauptmann bei der Polizei in Warschau. Sie fährt ihn besuchen und wird, weil sie es will, von einem Offizier durchs Getto geführt. Was sie sieht, macht sie bang. Gerüchte von Vernichtungslagern hat sie gehört. »Aber was soll ich tun? Angst habe ich, etwas zu tun, immer diese verzehrende Angst: Sie spucken dich an, sie rasieren dir die Haare ab, sie sperren dich ein ... Ich will nicht frieren, ich will nicht sterben - ich will leben!« - Dabei wäre sie fast nach Warschau zu Eike gezogen, in eine Wohnung im Polizeiquartier. Die Umzugskisten waren gepackt, als sie die Mitteilung erhält, der Hauptmann sei verhaftet und zum Tode verurteilt wegen verbotenen Verkehrs mit Polen und Juden.
Später würde sie erfahren, dass sich höhere Offiziere für ihn eingesetzt haben und er frei gelassen ist. Aber der kleine behinderte Junge aus der Nachbarschaft wurde abgeholt und kam nicht mehr zurück. Erwin, ein entfernter Verwandter, soll zur Widerstandsgruppe »Rote Kapelle« Verbindung aufgenommen haben. »Aber was wusste man schon von deren Idealen?« Die Hinrichtungen entsetzen sie. Der Sohn von Ilse und Hans Coppi, im Gefängnis geboren, sollte einmal zu Lisl Urbans besonders treuen Schülern zählen
Vorigen Sommer wars, kurz vor ihrem 91. Geburtstag, da saßen wir zusammen in ihrem Garten in Berlin-Woltersdorf. Sie erzählte mir, wie sie vor kurzem mal wieder über 15 Kilometer allein durch den Thüringer Wald gewandert ist. »Hast du keine Angst?«, fragte ich. Sie: »Wieso? - Ach, Irmsche, da denk ich dran: Soll ich dir einen Eimer holen, damit du deine Füße kühlen kannst?« Und ich füllte ihr auch eine Schüssel. So saßen wir nebeneinander, die Beine im Wasser. Um uns herum ein Blühen und Summen. »Hast du manchmal Angst«, fragte ich, »Angst vor dem Sterben«? Ein Moment Stille, dann sie: »Naja, Gott, eigentlich nicht.« Aber einmal habe sie Angst gehabt. Das sei schon nach dem Krieg gewesen. Und sie erzählte mir diese verrückte Geschichte, wie eines Nachts fünf Männer vor ihrer Tür gestanden haben. Zwei bewaffnete Tschechen und drei Russen. Befohlen hätten sie ihr, dass sie ihr Kind zu ihrer Mutter ins Zimmer brächte und mit ihnen nach oben komme. Und im Schlafzimmer hätte sie plötzlich Tschechisch gekonnt, was sie nie von sich vermutet hätte. Geredet und geredet hätte sie um ihr Leben. Und nichts sei ihr geschehen. Ja, der tschechische Kommissar hätte ihr sogar später heimlich Lebensmittelkarten gebracht: Für das Kind. »Er hätte erschossen werden können deshalb.«
Diese Geschichte wird im zweiten Teil von Lisl Urbans Erinnerungen stehen, der vielleicht noch für dieses Jahr zum Druck vorbereitet wird.

Lisl Urban: Ein ganz gewöhnliches Leben. Erstes Buch. Dingsda-Verlag. 160 S., brosch., 13 EUR
Am 18. 3. liest Lisl Urban in der Galerie des...

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