Der Wellenschlag des Lebens

Zum 100. Todestag von Carl Schurz - vom Revolutionär zum Republikaner und Bismarck-Bewunderer

  • Von Rosemarie Schuder
  • Lesedauer: ca. 6.5 Min.
Die Carl-Schurz-Straße ist das Herz von Spandau bei Berlin. Natürlich weiß jeder hier im bunt belebten Fußgängerbereich, warum diesem Mann, der am 2. März 1829 in Liblar bei Köln zur Welt kam und am 14. Mai 1906 in New York starb, die Ehre des Straßennamens zuteil wurde: Er, der Student und 1848er-Revolutionär, hat seinen Mentor und Professor, den Dichter Gottfried KinkeI, aus dem Zuchthaus Spandau befreit.
Bei meinem Streifzug durch die freundlich anmutende Stadt, sogar die einst gefürchtete Zitadelle ist zum Kinderspielplatz und zum Ort für Fledermausfeste geworden, erhielt ich einen Einblick von merkwürdiger Aktualität: In einer Besuchergruppe am Markt brach unvermutet der noch immer schwelende Ost-West-Gegensatz auf, jemand vertauschte beim Nennen der Carl-Schurz-Straße das SCH mit dem F. Ein empörter Einheimischer meinte, wer das sage, könne nur aus dem Osten kommen. Ich fragte mich, soll ich eingreifen und erklären, dass früher schon einmal jemand das Spiel mit diesen Buchstaben trieb, in einem Brief an seinen Freund Karl Marx. Also müsste ich zurückgehen bis zum Herbst 1847 mit den Träumereien im »Maikäfer-Bund«:

Spektakuläre Befreiungsaktion
Der Student der Philologie und Geschichte Carl Schurz war aufgenommen in den Kreis für Literatur und Musik in Bonn, den Johanna Kinkel, die Frau des Professors, ins Leben gerufen hatte. Der Traum, durch poetische Werke wie sein Lehrer berühmt zu werden, erfüllte sich für Schurz nicht. Er wurde vom politischen Geschehen ergriffen, nahm wie Kinkel 1849 am badisch-pfälzischen Aufstand teil und entkam nach der Niederlage in die Schweiz. Kinkel wurde verhaftet. Die »Berliner Abendpost« berichtete, wie der Dichter sich vor dem Kriegsgericht distanzierte vom »Schmutz und Schlamm, der sich, ich weiß es, leider zuletzt an diese Revolution gehängt hat«. Das Urteil hieß lebenslänglich Zuchthaus. Jetzt kam endlich der Ruhm zu Schurz, allerdings nicht durch die Poesie: Die Befreiung Kinkels aus dem Zuchthaus Spandau machte ihn zum »internationalen Helden«.
In seinen drei Bände umfassenden »Lebenserinnerungen« schilderte Schurz, wie er der Bitte von Frau Kinkel nachkam, ihren Mann zu retten. Im August 1850 reiste er unter dem Namen seines Vetters Heribert Jüssen nach Berlin. Er beschrieb den Ort des Geschehens: »Das Zuchthaus lag in der Mitte der Stadt - ein großes, kasernenartiges Gebäude, dessen kahle Wände von einem Tor und einer Menge Fensterluken durchbrochen waren -, auf allen vier Seiten von Straßen umgeben.« Die Jüdenstraße erschien ihm für den Weg in die Freiheit geeignet. Jetzt musste die Annäherung an Wachleute, die bestechlich sein könnten, geschehen und ein Pferdefuhrwerk mit Kutscher musste bereitstehen. Schurz hatte den sichersten Fluchtweg bis nach Rostock ausgeforscht, zu Schiff sollte es nach Schottland gehen. In der Nacht vom 5. auf den 6. November 1850 misslang der Fluchtversuch, der entscheidende Schlüssel fehlte. Wächter Brune wollte das Geld, das er dringend für seine Familie brauchte, schon zurückgeben. Doch er fand den Ausweg, der Gefangene sollte sich in der kommenden Nacht aus einer Dachluke abseilen. Schurz beschrieb den Augenblick der Rettung: »Und da stand er, lebendig auf seinen Füßen.« Brune kostete die Hilfe drei Jahre Gefängnis.
London wurde Ort der Zuflucht. Frau Kinkel war mit den Kindern nachgekommen. Jetzt begann im Londoner Kinkelkreis eine Träumerei über das Weiterführen der Revolution. Darüber schrieb Marx am 30. März 1852 aus London an Engels: Gottfried Christus Kinkel habe seine Anhänger, auch »studiosum Schurz«, nach Frankreich, Belgien, Deutschland und in die Schweiz ausgeschickt, um für eine »Revolutionsanleihe« zu werben. Mit diesen Geldern sollte, auch durch Unterstützung von Kreisen in Amerika, endlich die Revolution in Deutschland verwirklicht werden. »Fatal ist nur, dass diese Esel mit ihren renommistischen Umtrieben stets von neuem der Polizei Material liefern und die Lage unserer Freunde in Deutschland verschlechtern.«
Dann hatte Kinkel sich selbst auf die Reise nach Amerika gemacht. Über die »Kinkelianer« meinte Marx: »Das einzige, was sie noch einigermaßen zusammenhält, ist die Aussicht auf das erlösende Geld von Gottfried Christus Kinkel.« Marx berichtete Engels über einen Auftritt Kinkels während seiner Amerikareise in einem »Bourgeoiscircle« in Cincinnati, dort habe der Professor erklärt: »Marx und Engels seien keine Revolutionäre, wohl aber zwei Lumpen, die in London von den Arbeitern aus den Wirtshäusern herausgeworfen wurden.« Im Laufe der Zeit habe sich der Kinkelkreis gelichtet, schrieb Marx an Engels, man halte sich fern von »einem Kerl, mit dem man sich bloß blamieren könnte«.
In der gemeinsam von Marx und Engels im Juni 1852 verfassten Schrift »Die grossen Männer des Exils« taucht die Spandauer Befreiungsgeschichte auf, auch der Verweis, dass andere dafür verhaftet wurden. Die Verfasser spielten mit der Bezeichnung »Löwenherz«, der »im Grunde auch nicht viel mehr als ein Hasenfuß war«, und machten deutlich: »Der Löwenherz war nämlich Studiosus Schurz aus dem Maikäferverein, ein intrigantes Männlein von großer Ambition und geringen Leistungen«. Einige Seiten weiter hieß es jedoch über ihn, er sei »ein junger Mann ebenso liebenswürdig wie verwegen«. Sie erwähnten, dass Schurz beginne, sich von Kinkel zu trennen.

An der Seite von Abraham Lincoln
Für Schurz begann im September 1852 ein zweites Leben, als er mit seiner Frau Margarethe in New York eintraf. Er berichtete in seinen Erinnerungen: »Mit dem Mut jugendlicher Herzen begrüßten wir die Neue Welt.« Durch Briefe blieb er mit Kinkel verbunden. Doch er erfuhr erst aus der Zeitung, dass Johanna Kinkel sich im Jahr 1858 das Leben genommen hatte. Vor der Londoner Polizei musste Kinkel die Umstände angeben, ob es wirklich Selbstmord gewesen war. Schurz versuchte den Freund mit dem Wunschbild zu trösten, wenn sie jetzt zusammen wären, könnte er ihn »in den Wellenschlag des Lebens hineinführen, in welchem ich schwimme«. Er hatte sich der Republikanischen Partei angeschlossen in der Hoffnung, seinen Traum von Freiheit verwirklicht zu sehen.
Als Publizist und Redner für die Wahl von Abraham Lincoln zum Präsidenten machte er die Abschaffung der Sklaverei zu seiner Sache. Lincoln ernannte ihn nach seinem Wahlsieg 1860 zum Gesandten in Spanien. Der Wellenschlag seines Lebens trug Schurz zurück in die Reihen des Unionsheeres im Krieg gegen die Südstaaten. Marx hatte ihn nicht aus den Augen verloren, er schrieb in seinem Brief vom 6. Mai 1862 an Engels: »Schurz ist - Brigadiergeneral bei Frémont«. Und er setzte dazu drei Ausrufezeichen. Wegen »eigenmächtigen Verhaltens« im Bürgerkrieg verlor der Ingenieur John Charles Frémont sein Kommando. Schurz führte bis zum Ende des Krieges eine Division.
Vielleicht ist die Kenntnis über Marx und Engels im Osten wirklich weiter verbreitet, und was so bösartig erscheint - ich sagte es der Besuchergruppe -, bleibt ein Rückblick in eine Zeit, als auch Bismarck das in Mode gekommene Namenspiel übte. Zur Kennzeichnung des Abgeordneten Eduard Lasker genüge es, meinte der Kanzler, den ersten Buchstaben ans Ende zu setzen. Wilhelm Liebknecht nannte er Hausknecht. Jedenfalls trieb Engels in gleicher Weise seinen Spott mit Schurz, als die unterschiedlichen Sichtweisen über die politische Entwicklung immer deutlicher wurden. Im Brief an Marx vom 11. Februar 1868 erwähnte er den Besuch von Schurz bei Bismarck, dabei ersetzte er das Sch durch ein F. »Sogar der große Carl Schurz, Exstudiosus General F...« habe Bismarck versichert, Amerika werde sich nicht für Frankreich einsetzen, sollte es zu einem Krieg kommen.
In seinen Aufzeichnungen erinnerte sich Schurz an den Empfang bei Bismarck. Auf die Frage, was er »als amerikanischer Republikaner und als revolutionärer Achtundvierziger« jetzt über Deutschland denke, habe er geantwortet, »ein neubelebter nationaler Ehrgeiz« sei wohl aufgekommen. Launig meinte der Kanzler im Gespräch, gern würde er sich von seinem Gast in Spandau zeigen lassen, wie er Kinkel befreite, doch leider müsse er Rücksicht auf den König nehmen. Bei dieser Begegnung sagte Bismarck, in zwei Jahren werde es zum Krieg gegen Frankreich kommen, Preußen sei vorbereitet: »Wir werden siegen«. Das Resultat werde die Einigung Deutschlands sein. Respektvoll schrieb Schurz in den Erinnerungen: »Keine Prophezeiung ist je scharfsinniger gemacht und vollständiger erfüllt worden.«
Später avancierte Schurz, der sich mehr und mehr liberalen Auffassungen zuwandte, zum amerikanischen Innenminister. Doch seine literarischen Neigungen h...

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