Hilfe gegen den Mainstream

Seit 30 Jahren gibt es in Berlin das KuB, eine Anlaufstelle für Flüchtlinge. Staatliche Unterstützung erhält sie nicht

Lampedusa, Flüchtlingsmärsche, Protestcamps in Berlin - das steht im Rampenlicht. Im Stillen arbeiten dagegen die 150 Freiwilligen der Kontakt- und Beratungsstelle für Flüchtlinge und MigrantInnen.

Der Deutschkurs beginnt mit Gequengel. Aber nicht von den Schülerinnen. Bemerkbar machen sich die Kinder zweier der vier Frauen, die an diesem Vormittag zum Fortgeschrittenenkurs in ein Familienzentrum in Berlin-Kreuzberg gekommen sind. Gerade werden die Hausaufgaben aufgeschlagen, da ist ein Kind durch die Tür zu hören. Eine Betreuerin bringt es herein und es beginnt, neben seiner Mutter auf einem Blatt Papier herumzukritzeln. Eine Minute später jammert eines der beiden Babys, die in Kinderwagen im Unterrichtsraum liegen. Die Mutter trägt es nach draußen und kommt ohne das Kind zurück. Nun können sich alle in Ruhe den Possessivpronomen und Höflichkeitsformen widmen.

Die beiden Deutschkurse, die hier freitags parallel stattfinden, werden von einem Verein organisiert, der Menschen hilft, die vom Staat nicht viel zu erwarten haben. Zu den vielen Hilfsangeboten der Kontakt- und Beratungsstelle für Flüchtlinge und MigrantInnen, kurz KuB, gehört auch ein Dutzend Sprachkurse unterschiedlichen Niveaus. Diese beiden sind für Frauen mit kleinen Kindern ausgelegt.

Auf dem Flur geht, zum Teil zwischen einem Spalier von Kinderwagen, Carla Adriaans mit einem Kleinkind auf dem Arm wippend auf und ab. Sie ist heute eine der beiden Betreuerinnen während der drei Stunden, die die Kurse dauern. Wie die Lehrkräfte arbeitet sie ohne Bezahlung - und ohne spezielle Qualifikation. »Wir sind alle keine ausgebildeten Erzieherinnen«, sagt sie. »Manchmal sind hier nur kleine Kinder und alle weinen.« Insgesamt aber laufe es gut. Die Mütter sind ja auch nicht weit. Gerade kommt eine aus dem Anfängerinnenkurs ins Spielzimmer zu ihrem schreienden Kind, das sofort verstummt.

Den Anfängerinnenkurs leitet Katharina Müller* heute alleine, da ihre Partnerin nicht da ist. Die 26-Jährige war schon im Oktober 2011 beim ersten KuB-Kurs für Mütter dabei. Vorher hatte sie Deutschkurse im Flüchtlingsheim Motardstraße im Stadtteil Spandau gegeben. Formale Qualifikationen dafür hat sie nicht - Müller studiert zur Zeit einen Ethnologie-Master. »Es ist aber auch keine normale Deutschkurs-Atmosphäre«, erklärt sie. »Wir müssen auf die Leute und ihre Schicksale eingehen. Manche Teilnehmerinnen können gar nicht schreiben. Leute, die Deutsch als Fremdsprache studiert haben, könnten vielleicht auch keinen besseren Unterricht hinkriegen.« Immerhin gebe es KuB-interne Weiterbildungen. An den beiden aktuellen Kursen, die erst kürzlich begonnen haben, nähmen wohl über ein Dutzend Frauen teil. »Letztes Semester hatten wir auch mittwochs einen Termin«, erzählt die Freizeit-Lehrerin, »aber die Leute, die das gemacht haben, bekommen das zeitlich nicht mehr hin. Jetzt haben wir viele neue Interessierte. Wir hoffen, dass sie einen neuen Mittwochstermin einrichten, denn nur einmal die Woche Sprachkurs, das ist zu wenig.« Das bestätigen auch die Schülerinnen, sagt Müller.

30 Jahre Ehrenamt

Dass diese Sprachkurse mit Kinderbetreuung eine Lücke füllen, glaubt nicht nur Katharina Müller. Johanna Karpenstein ist der gleichen Meinung. Die 31-Jährige sitzt ein paar Straßen weiter in der Beratungsstelle, wo sie seit 2005 mitarbeitet. An vier Tagen der Woche ist sie hier - und das, obwohl sie nur »eine halbe halbe Stelle« hat, wie sie sagt. Immerhin also eine Viertelstelle - ansonsten bekommt hier fast niemand Geld. »Anfang der 1990er war die KuB ein bisschen besser finanziert. Ansonsten ist das eine Geschichte von 30 Jahren Ehrenamt«, weiß Karpenstein, die Sozialwissenschaften und Jura studiert hat. Diesen Mittwoch und Samstag gibt es zwei Feiern zum 30. Jahrestag der Vereinsgründung. Karpenstein ist im Festkomitee, das die Feierlichkeiten vorbereitet und eine Broschüre zur Geschichte der KuB erarbeitet hat.

Die Initiative entstand damals in einem besetzten Haus, bei Leuten, die gerade ihr Studium beendeten, erzählt die Aktivistin. »Die mieteten zuerst privat eine Wohnung an, um Flüchtlinge zu beraten. Zu der Zeit gab es viele Flüchtlinge aus Bangladesch.« Die KuB wurde später ein Verein und Mitglied im Paritätischen Wohlfahrtsverband.

Der zahlt heute die laufenden Kosten des Büros. »Er macht das, weil wir in seiner Fachgruppe Migration die einzige Stelle sind, die sich konsequent an den Interessen der AdressatInnen orientiert, die im Zweifel bleiberechtliche Beratung macht und nicht Weiterwanderung empfiehlt«, sagt Stephen Sulimma, der neben Karpenstein sitzt. Der 35-Jährige hat »eine ganze halbe Stelle« und ist vor allem koordinierend und in einer Projektleitung tätig. Er benennt das Grundprinzip der KuB: Sie macht ihre Angebote unabhängig von Aufenthaltstiteln und finanziellen Möglichkeiten der Hilfesuchenden. Wegen dieser Arbeitsweise hat die Einrichtung »allergrößte Schwierigkeiten hat, sich zu finanzieren. So etwas wird von staatlichen Stellen nicht gefördert«, sagt Sulimma. Johanna Karpenstein ergänzt: »Was wir hier an Hilfestellung machen, befindet sich nicht innerhalb des politischen Mainstreams. Wir bieten zum Beispiel denjenigen Asylbewerbern Deutschkurse, bei denen das politisch nicht gewollt ist oder die kein Geld haben. Bei Leuten mit Duldung ist das häufig auch so.« Das zu Grunde liegende Problem: »Es ist innerhalb des politischen Mainstreams nicht vorgesehen, Flüchtlinge zu integrieren. Wenn du Angebote schaffst, die den Leuten hier ein Ankommen ermöglichen, bist du nicht auf dieser Linie.«

Zum Büro gehören zwei Beratungszimmer und eine Mischung aus Sekretariat und Küche, wo sich drei Computerarbeitsplätze befinden. In dem Gang, der sie verbindet, steht ein Dutzend Stühle, auf denen gerade einige Menschen auf Beratung warten. Infomaterial liegt aus, unpolitisches wie politisches. Die KuB-Broschüre gibt es in sieben Sprachen. An den Wänden hängen Fotos von gemeinsamen Aktionen. Einige Kartons mit Altkleidern und ein frei zugänglicher Computer mit Internetzugang haben auch noch Platz gefunden.

Gegen die Integrationsideologie

Für Projekte muss sich die KuB an Stiftungen wenden. »Wir sind ziemlich wählerisch«, hält Stephen Sulimma fest. Bei bestimmten Firmenstiftungen bewerbe sich die KuB nicht. Und Rückkehrberatungen, die die EU pro erfolgter Ausreise fördere, werde es hier nicht geben. Programme, »die einer bestimmten Integrationsideologie folgen«, ebenfalls nicht. »Wir könnten hier vermutlich Integrationskurse anbieten und sie uns bezahlen lassen - aber das lehnen wir ab«, erklärt der studierte Sozialarbeiter. »Interessanterweise sind diese Integrationskurse verpflichtend für Leute aus ehemaligen Kolonien. Wenn du aus etwa Schweden hierher kommst, musst du nicht an so einem Kurs teilnehmen. Den anderen wird unterstellt, dass sie ohne Hilfe nicht in der Lage sind, sich einem Lebensstil anzupassen, von dem unterstellt wird, dass es ihn einheitlich gibt.«

Bei dieser Haltung überrascht es nicht, dass die aktuellen Flüchtlingsproteste bei der KuB auf großes Verständnis stoßen. Das Camp auf dem Oranienplatz ist nur 100 Meter entfernt. Doch besondere Hilfsangebote für die Beteiligten könne die KuB nicht leisten, sagen die beiden Kubbies. Auch in der politischen Arbeit könne man nicht unbedingt helfen, fügt Karpenstein hinzu. »Wir haben immer wieder Kampagnenarbeit gemacht, aber wir machen das nicht dauernd. Denn meistens fällt bei solchen Aktivitäten die Einzelfallberatung hinten runter. Das haben wir hier schon oft erlebt.« Dennoch verfolgten alle Kubbies »sehr gespannt« diese Bewegung, die ihr Arbeitsfeld in die Öffentlichkeit trägt.

Beim Berliner Senat scheint das allerdings nichts bewirkt zu haben. Von ihm bekommt die KuB immer noch kein Geld. »Wir haben beim aktuellen Förderprogramm der Integrationsbeauftragten wieder einen Antrag gestellt, sind aber nicht angenommen worden«, berichtet Johanna Karpenstein. »Die Integrationsbeauftragte Monika Lüke sagt von sich, dass sie auf die Flüchtlingsarbeit einen Schwerpunkt legen wolle. Leider sind wir trotzdem nicht mit reingekommen. Uns wurde nur kurz mitgeteilt, der Antrag habe keine innovativen Elemente. Wir haben ihn jetzt noch einmal eingereicht, mit einer Unterschriftenliste von Unterstützergruppen und dem Verweis darauf, wie sehr wir die Förderkriterien erfüllen. Ich weiß nicht, ob das Aussicht auf Erfolg hat. Wahrscheinlich ist es eher die Geste: Wir wollen das nicht auf uns sitzen lassen, nachdem wir uns 30 Jahre abgebuckelt haben. Und sie verlassen sich darauf, dass wir die Arbeit auch weiterhin ehrenamtlich bewältigen.«

* Name geändert

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