Stadtplanung von oben und unten

Ein Sammelband über die venezolanische Hauptstadt Caracas nimmt das Informelle in den Fokus

  • Tobias Lambert
  • Lesedauer: 3 Min.
Seit dem Amtsantritt des 2013 verstorbenen Präsidenten Hugo Chávez im Jahr 1999 findet in den ärmeren Stadtvierteln von Caracas ein tief greifender Wandel statt. Ein neuer Sammelband beleuchtet ihn.

Die meisten Leute, die Caracas besuchen, bleiben nicht lange. Unter TouristInnen hat die venezolanische Hauptstadt keinen guten Ruf, sie gilt als grau, schmutzig und unsicher. Doch den BesucherInnen wird zumindest die räumliche Segregation zwischen reichem Osten und ärmerem Westen und das Nebeneinander von formaler und informeller Stadt auffallen. Unten im Tal erstrecken sich in Form von Wolkenkratzern und Stadtautobahnen in Beton gegossene Modernisierungsversprechen aus den 1970er Jahren, die den Lebensstil der motorisierten Elite repräsentieren sollten. Doch schon auf dem Weg vom Flughafen nicht zu übersehen sind die Barrios. Die Armenviertel an den Hängen, die von ihren BewohnerInnen in Eigenregie erbaut wurden, verweisen auf eine andere Geschichte. Hier war die Mehrheit der Bevölkerung nie in die formale Stadtplanung einbezogen und öffentliche Dienstleistungen wurden nur bis zum Rand der Hügel erbracht.

Der Venezuela-Experte Dario Azzellini und die StadtforscherInnen Stephan Lanz und Kathrin Wildner näheren sich der »bolivarianischen Metropole« in dem Sammelband »Caracas, sozialisierende Stadt« auf vielfältige Art und Weise an. Wie in der renommierten metroZones-Reihe üblich liegt der Ausgangspunkt in der »informellen Stadt« und ihren selbstorganisierten Urbanisierungsprozessen. Das Spannende an Caracas, das den meisten Kurz-BesucherInnen freilich verschlossen bleibt, ist der städtische Transformationsprozess, der seit dem Amtsantritt des 2013 verstorbenen Präsidenten Hugo Chávez 1999 in den Barrios stattfindet. Der soziale Protagonismus der zuvor marginalisierten Bevölkerung wird von der Regierung nicht etwa bekämpft oder vereinnahmt, sondern politisch unterstützt.

Im Rahmen einer studentischen Exkursion der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) entstanden, versammelt das Buch AutorInnen aus Venezuela und Deutschland, die aus unterschiedlichen Zusammenhängen wie Wissenschaft, Politik oder Kunst stammen. Sie analysieren basisdemokratische Strukturen und den Umgang mit städtischen Problemen wie schlechter Müllentsorgung. Mehrere Beiträge widmen sich den vielfältigen politischen Kämpfen in Caracas, wie der urbanen Landreform, der Rolle von Frauen und HausbesetzerInnen, aber auch der städtischen Gewalt. Auch kulturelle Praktiken wie Street Art, Hip Hop und alternative Medienproduktion werden behandelt. Der Sammelband bietet eine Reihe von Zugängen zu Caracas, wie sie bisher in deutscher Sprache kaum vorhanden waren. Dabei geht es den HerausgeberInnen nicht darum, den bolivarianischen Prozess insgesamt politisch zu bewerten. Dass Akteure aus den Barrios nun in die Stadtplanung mit einbezogen werden, bedeute auch nicht, »dass sich die städtische Realität der bolivarianischen Revolution kritiklos bejubeln ließe«, betonen sie in der Einleitung. In der Praxis des Transformationsprozesses existieren zahlreiche Konflikte und Widersprüche zwischen Politikansätzen von oben und unten, wie auch der Basisaktivist Santiago Arconada in einem Gesprächsauszug auf den Punkt bringt: In Caracas finde ein Prozess statt, »in dem ihr an einem Tag die Juwelen der Partizipation sehen könnt und gleichzeitig auch ihre Grenzen, also das Verhindern von Teilhabe«.

Azzellini, Dario; Lanz, Stephan; Wildner, Kathrin [Hg.]: Caracas, sozialisierende Stadt. Die »bolivarianische« Metropole zwischen Selbstorganisierung und Steuerung, metroZones 12, b_books, Berlin 2013, 390 Seiten, 22 Euro.

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