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Unsere arrogante Art paranoid zu leben

  • Von Roberto De Lapuente
  • Lesedauer: 3 Min.

In seinem kurzen Aufsatz über John Quincy Adams, den sechsten Präsidenten der Vereinigten Staaten, beschreibt der Historiker Hermann Wellenreuther, wie die internationale Diplomatie mit dem noch jungen Staat in Übersee umging. Er spricht von der »Herablassung, mit der europäische adelige Diplomaten den Repräsentanten der amerikanischen Republik begegneten«. Aus diesem Grund habe sich der noch junge Adams, als er Außenminister seines Landes war, stets als »nach außen kontrolliert, kühl, scharfzüngig bis verletzend« gegenüber europäischen Diplomaten aufgeführt. Wir kennen das, denn dieses weltmännische Auftreten hat die Zeiten überdauert.

Der Adelsdünkel der alten Welt war es, der die politischen Eliten der noch jungen Republik in Rage versetzte. Die restaurativen Kräfte wollten ein Staatsgebilde, dass ganz ohne die Führung von Blaublütern auskommen wollte, nicht anerkennen. Dieser Haltung kam das republikanische Sendungsbewusstsein mit Arroganz bei, die sich bis in die Selbstgefälligkeit steigern konnte. Der amerikanische Hang zum Isolationismus, der später in der Monroe-Doktrin erste Gestalt annahm, dann in der Zwischenkriegszeit exzessiv betrieben wurde und jetzt, im Kielwasser des NSA-Skandals neuerlich zur Option zu werden droht, hat dort seine Wurzeln.

So betrachtet ist in der Anfangsbeziehung der USA zum Rest der Welt nicht nur die Isolation, sondern auch die Paranoia angelegt. Wer sich aus erfahrener Ablehnung zurückzieht, der grummelt Dinge vor sich her, die sich leicht in Verfolgungswahn und Hysterie verwandeln lassen. Diese typische Überreaktion, die der amerikanischen Außen- und der von außen bestimmten Innenpolitik seit so vielen Jahren eigen ist, ist ein logische Konsequenz der anfangs geschmähten Republik. Kommunistenjagd und Kalter Krieg, Terrorbekämpfung und Überwachung sind sozusagen nicht weniger als verhaltensatavistische Relikte aus der Zeit der Gründerväter. Ihr Antrieb war und ist es, dass »die anderen« nicht »our way of life« gefährden.

Der zivilisatorische Rückfall in jene Epoche ist heute allgegenwärtig. Schlechte Angewohnheiten kriegt man ja nur schwer los. Aber im Grunde wäre die Zeit reif dazu, diese paranoide Arroganz, mit der die Vereinigten Staaten die Welt ausspionieren und verwalten, endgültig auf die Müllhalde der Geschichte zu kippen. Doch eher das Gegenteil ist der Fall.

Im Zuge der #Neuland-Geschichte sprach die Kanzlerin davon, dass »unsere Art zu leben in Gefahr« sei. Ein Satz, der aus dem Repertoire dieser amerikanischen Ur-Hysterie stammt und der jetzt auch immer wieder die deutsche Außenpolitik bestimmt. Sinngemäß hat der Bundespräsident kürzlich dasselbe gesagt, als er für mehr Auslandseinsätze der Bundeswehr warb. Steinmeier und von der Leyen sind sich einig, dass »unsere Art zu leben« auch dort verteidigt werden muss, wo »deren Art zu leben« uns stört. Gegen die Vorratsdatenspeicherung sind diese Herrschaften genau aus diesem Grunde nicht. Man muss doch überwachen, damit uns keiner an unsere Lebensart pinkelt. Man muss militärisch hochrüsten, um »Verantwortung übernehmen« zu können.

Doch hinter all diesen edelmotivierten Sprüchen, die man jetzt aus diesem »weltzugewandten« Deutschland hört, steht ein ordentlicher Schuss (Anti-Terror-)Paranoia und (westliche) Hochnäsigkeit. Die Intelligenzija hat in den Sechzigern viel über den amerikanischen Kulturimperialismus geschimpft. Über Coca Cola, Hollywood, Jeans oder Show-Kitsch. All das galt als Teufelszeug. Die letzte Welle dieses Kulturimperialismus besteht nun ganz offenbar aus der Aneignung spezifisch amerikanisch-atavistischer Grundhaltungen. Die ersten Wellen waren da weitaus sympathischer und haben Deutschland durchaus bereichert. Jetzt aber sollen wir als Paranoiker Cola schlürfen und mit atlantischer Arroganz den Paschtunen Jeans verordnen. Aus dem Relikt der Founding Fathers ist kein Auslaufmodell geworden, sondern ein globales Konzept.

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