Der unerklärte Krieg vor dem Weltenbrand

Wie Deutschland 1939 die Tschechoslowakei amputierte und annektierte

  • Karl-Heinz Gräfe
  • Lesedauer: 3 Min.

Als am 15. März 1939 deutsche Soldaten in Prag einmarschierten, wurden sie mit fassungslosen und schmerzerfüllten Gesichtern sowie mit zornig geballten Fäusten empfangen. Am darauffolgenden Tag verkündete Hitler per Erlass: »Die von den deutschen Truppen besetzten Landesteile der ehemaligen Tschechoslowakischen Republik gehören von jetzt ab zum Gebiet des Großdeutschen Reiches und treten als Protektorat Böhmen und Mähren unter dessen Schutz.« .

Nach Hitlers Plan (»Grün«) sollte der Angriff auf das Nachbarland schon am 1. Oktober 1938 beginnen. Doch die 1918 gegründete multiethnische Tschechoslowakei, einzige osteuropäische bürgerlich-parlamentarischen Demokratie, war nicht wie Österreich in einem Handstreich zu nehmen, da sie über starke Grenzbefestigungen und eine gut ausgebildete Armee verfügte und seit 1935 Bündnisverträge mit der UdSSR und Frankreich unterhielt.

Aggressiv mischte sich Berlin in die inneren Angelegenheiten des Nachbarn ein, finanzierte die Sudetendeutsche Partei, die mit 1,3 Millionen Mitgliedern zu einer einflussreichen politischen Kraft wurde, die schließlich gar von über 80 Prozent der deutschen Minderheit gewählt wurde und die zweitstärkste Fraktion in der Prager Nationalversammlung stellte. Zu dieser Fünften Kolonne unter Konrad Henlein gehörte seit Mitte September 1938 vor allem das Sudetendeutsche Freikorps mit über 30 000 Mann. Sie zerstörten militärische Befestigungsanlagen entlang der Grenze zu Deutschland, raubten Banken und Zollämter aus, besetzten örtliche Verwaltungen, verschleppten über 2000 tschechische Grenz- und Zollpolizisten und deutsche Hitler-Gegner; innerhalb von zwei Wochen ermordeten sie 110 Menschen. Allein im September flüchteten 3000 deutsche und tschechische Antifaschisten aus der Krisenregion. Zeitgleich organisierten die Henlein-Faschisten in Dutzenden Orten Massenkundgebungen, die Parole skandierend: »Adolf Hitler mach uns frei von der Tschechoslowakei!«.

Unter diesem massiven Druck demissionierte die von Milan Hodža geführte Prager Regierung am 23. September 1938. Nachfolger General Jan Syrový ließ mobilmachen, entsandte Militär- und Staatsschutzeinheiten in das Grenzgebiet. Daraufhin eröffneten die von Goebbels gleichgeschalteten deutschen Medien eine zügellose Hetze gegen den Nachbarstaat, bezichtigten ihn der »Terrorherrschaft«.

Die Regierenden von Großbritannien und Frankreich waren nun bereit, die Tschechoslowakei zu opfern. Chamberlain und Daladier einigten sich mit Hitler und Mussolini am 29. September 1938 in München über den Kopf der Prager Regierung hinweg und unter Bruch des Völkerrechts über den Anschluss der für die staatliche Sicherheit und ökonomischen Lebenskraft der Tschechoslowakei entscheidenden Grenzregion an Deutschland.

Nachdem Präsident Edvard Beneš am 5. Oktober 1938 zurücktrat und emigrierte, etablierte sich in Prag ein pro-faschistisches Regime, das weder willens noch fähig war, zu verhindern, dass sich am 14. März 1939 der slowakische Landesteil unter deutsche »Schutzherrschaft« stellte und zum ersten deutschen Satellitenstaat von Hitlers Gnaden wurde. Am selben Tag beorderte Hitler den neuen tschechischen Präsidenten Dr. Emil Hácha nach Berlin, empfing ihn aber erst weit nach Mitternacht in der Reichskanzlei und zwang ihn, schriftlich zu erklären, dass er das »Schicksal des tschechischen Volkes und Landes vertrauensvoll in die Hände des Führers des Deutschen Reiches« lege.

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