Journalistische Selbstkritik

Blogwoche

Von dem 1995 verstorbenen Journalisten Hans-Joachim Friedrichs stammt der bedenkenswerte Satz, dass man einen guten Journalisten daran erkenne, dass er sich nicht gemein mache mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache; dass er überall dabei ist, aber nirgendwo dazugehört. Das war in erster Linie als Aufforderung formuliert, Distanz zu halten - sowohl zur politischen Macht wie auch zu deren Kritikern.

Manchmal ist zu viel Distanz zu den politischen Entscheidungsträgern aber auch von Nachteil. Und damit kommen wir zur Schweiz. Anfang Februar votierte eine knappe Mehrheit der Schweizer dafür, die Grenzen für Einwanderer undurchlässiger zu machen. Innenpolitisch habe die »harte Rechte« im Land triumphiert, schreibt der Schweizer Journalist Constantin Seibt in seinem Blog »Deadline« auf blog.tagesanzeiger.ch (»Pitbulls der Demokratie). Die Schweiz sei durch das Abstimmungsergebnis «auf Jahre hinaus gelähmt», und Seibt merkt selbstkritisch an: «Ich fürchte, ich habe als Journalist meinen Beitrag zu diesem Resultat geleistet. Deshalb, weil ich im Zweifel immer eines getan habe: Zweifel zu säen an der Kompetenz der Leute in den Teppichetagen. Das ist zwar keine schlechte Faustregel. Erstens ist die Kritik der Macht seit jeher der Job der Presse. Zweitens wird tatsächlich viel Unfug geredet und gebaut. (...) Und trotzdem, fürchte ich, ist die zuverlässige Lieferung von Kritik eine Haltung, die nicht mehr wirklich zeitgemäß ist. (...) Zweifel säen ist heute ein Geschäft, das nur wenig Mut und Ideen braucht. Thesen, die 2001 noch linksaußen waren - etwa, dass hohe Managersaläre falsche Entscheidungen hervorbringen, dass das Bankgeheimnis ein Auslaufmodell ist, dass das, was für die Wirtschaft gut ist, nicht unbedingt für dich gut sein muss -, sind längst Allgemeinplätze der breiten Mitte. Nur dass diese Mitte dadurch nicht nach links gerutscht ist. Sondern nach rechts. Es waren die bürgerlichen Banken-, Konzern-, Globalisierungsskeptiker (40 Prozent der Wirtschaftspartei FDP), die der Masseneinwanderungsinitiative zur Mehrheit verhalfen. Sie haben nicht Banken, Konzerne oder Manager reguliert. Sondern die Grenzen für Ausländer geschlossen.»

Statt mit den politischen Eliten machen sich viele Journalisten lieber mit einer anderen Macht gemein: der Sportart Fußball. Diesen Schluss legt die Kritik von Ulrich Horn nahe.

Längst übertreffe der Fußball «die Bindungskraft der Kirchen, Parteien und Gewerkschaften», schreibt der ehemalige Korrespondent der «Westdeutschen Allgemeinen Zeitung» auf post-von-horn.de (Der König, der selbst über Merkel herrscht«). »Großen Einfluss übt er über das Fernsehen aus. Die öffentlich-rechtlichen Sender haben sich ihm ausgeliefert. (...) Sie opfern ihm journalistische Distanz und fachliche Kompetenz. (...) Oft treten die Interviewer so auf, als seien sie beim DFB und bei den Vereinen angestellt.«

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