Das Dilemma mit der Brücke

Bad Freienwalde bangt um seinen Kurstadt-Status - vor allem die Ortsdurchfahrt ist der Behörde ein Dorn im Auge

Bad Freienwalde ist Brandenburgs ältestes Heilbad, selbst gekrönte Häupter ließen hier einst ihre Leiden lindern. Doch nun hat eine Landesbehörde den Status der Stadt als Heilbad in Frage gestellt.

Wer mit dem Auto aus Berlin kommend auf der Bundesstraße 158 nach Bad Freienwalde hineinfährt, gerät ins Staunen: Die alte Hohenfriedberg-Kaserne rechts hinter dem Ortseingang ist heute ein schickes Wohnquartier. Und der Anblick der Skischanzen des Wintersportvereins Bad Freienwalde 1923 e.V. am Straßenrand überrascht stets aufs Neue. Wer auf dem kürzesten Weg in die historische Altstadt will, fährt kurz vor dem renovierten Schloss rechts von der B 158 ab - und zieht, wenn er hinüber zur Königsstraße abbiegt, unwillkürlich den Kopf ein. Muss man doch unter der Bundesstraße hindurch, die an dieser Stelle über eine Brücke praktisch auf Augenhöhe die Innenstadt mit ihren Stuckfassaden durchquert. Lichte Höhe: 2,30 Meter.

Die Gesundbrunnenstraße, die sich unter der maroden Betonkonstruktion hindurchzwängt, verbindet die Altstadt auf der einen Seite der Brücke mit dem Ortsteil Gesundbrunnen auf der anderen Seite. Dort lässt sich bis heute der Charme des mondänen Heilbades der Gründerzeit mit seinen Pensionen, der Promenade, dem herrlichen Kurpark, dem einstigen Moorbad und dem Kurmittelhaus wiederentdecken. Die Brücke wirkt da wie eine Barriere zwischen beiden Stadtteilen. Sie ist eine Zumutung.

Zu diesem Urteil ist auch der Landesfachbeirat für Kur- und Erholungsorte gekommen, als er anlässlich einer »Visitation« im Juli vergangenen Jahres in der Stadt die Einhaltung der Kriterien, die der Vergabe des Heilbad-Titels zugrunde liegen, überprüft hat. Er hat eine ganze Reihe von Defiziten aufgelistet - vom eingeschränkten Kurangebot über fehlende Hotelkapazitäten und den Nachholebedarf in der Gastronomie bis hin zu Problemen beim Lärmschutz und beim Kurort-Marketing. Im Oktober 2013 hat der Beirat seine Kritik in einem an den Bürgermeister gerichteten Brief zusammengefasst. An erster Stelle monierte er die 1973 erbaute Stadtbrücke der B 158, die dem Kurortcharakter des Moorheilbades zuwiderlaufe.

Den Vorwurf des Landesfachbeirates, man habe »in Bad Freienwalde in den letzten Jahren die Profilierung als Heilbad nicht konsequent vorangetrieben«, will Bürgermeister Ralf Lehmann (parteilos) so nicht auf der Stadt sitzen lassen. Der drahtige 51-Jährige hat in den vergangen Monaten viel angeschoben. Die Stadtverwaltung habe auf die Kritik reagieren müssen, Vorschläge erarbeitet und Beschlüsse gefasst, sagt er. Der Beirat hatte eine Frist gesetzt. Bis zum 31. März 2014 sollte die Stadt Bad Freienwalde ihre Bereitschaft bekunden, die zentralen Defizite »konstruktiv anzugehen«. Andernfalls werde man, so hatte das Gremium signalisiert, gegenüber den zuständigen Ministerien ein negatives Votum zum Heilbad-Status abgeben.

Der Bürgermeister betrachtet das Schreiben des Beirats grundsätzlich als »sehr hilfreich«. Vermutlich teilt er die meisten Kritikpunkte. Doch bei einigen zentralen Themen hat Lehmann die Stadtverordneten nicht auf seiner Seite. Er selbst ließe die vermaledeite Betonbrücke am liebsten früher als später verschwinden. Mehr als zehn Jahre hält das Tauziehen um das Spannbeton-Monstrum bereits an. Schon 2003 war ein erster Anlauf am Widerstand der Stadtverordneten gescheitert. Damals beschloss man, mit dem Abriss der Brück solange zu warten, bis eine längst geplante Ortsumgehung für die B 158 gebaut sein würde. Dabei ist es geblieben.

Im letzten Sommer und nochmals im Februar haben die Stadtverordneten jedoch erneut alle Vorschläge durchfallen lassen, die Brücke zurückzubauen und durch eine Ampel- oder Kreisverkehrslösung zu ersetzen. Dabei hatte die Stadt gleichzeitig beim Bund auf die vordringliche Realisierung der Westumgehung der B 158 beim Bund dringen wollen. Zu groß waren die Bedenken, die Angst vor ausufernden Kosten, vor Dauerbaustellen im Stadtgebiet oder der Ärger, dass die knappen Mittel für Prestigeprojekte verschwendet werden könnten. Möglich, dass auch nur manche alte Rechnung aufgemacht wurde, um dem politischen Kontrahenten eins auszuwischen. Denn am 25. Mai finden im Land Kommunalwahlen statt. Lehmann ist seit 1994 ohne Unterbrechung Stadtoberhaupt. Doch seine Amtszeit endet erst 2017. Der Bürgermeister weiß, dass am Wahltag die Karten im politischen Spiel neu gemischt werden.

Dass inzwischen Tausende Unterschriften in der Stadt für den Erhalt der Brücke gesammelt wurden, muss Lehmann ärgern. Manchen Abriss-Gegner freut es offenbar, dass der Autoverkehr auf der B 158 in Richtung Grenzübergang Hohenwutzen dank der Stadtbrücke zuverlässig am Stadtkern vorbeigelotst wird. Die Kaufkraft der Schnäppchenjäger und Touristen - an Spitzentagen rollen 13 000 Fahrzeuge durch die Stadt - wird hier nicht als Chance gesehen.

Am 13. Februar hat die Stadtverordnetenversammlung beschlossen, dem Rückbau der Brücke und der Veränderung der Ortsdurchfahrt erst dann zuzustimmen, wenn konkrete Zusagen zur Umverlegung der B 158 vorlägen. Damit steht Lehmann vor einem Dilemma. Zwar habe der Bundesverkehrsminister bestätigt, dass die Ortsumfahrung von Bad Freienwalde die höchste Dringlichkeit im Bedarfsplan für die Fernverkehrsstraßen habe. »Noch ist aber nicht einmal das Planfeststellungsverfahren eingeleitet«, sagt der Bürgermeister. So werde es noch Jahre dauern, bis die Ortsumgehung tatsächlich gebaut werden kann. »Bis dahin aber wird die Brücke der Verkehrsbelastung nicht standhalten.« Längst steht die Frage Abriss oder Sanierung auf der Tagesordnung. »Wir haben daher eine sogenannte Sanierung im Bestand vereinbart. Der notwendige Teilersatzneubau kostet rund 2,5 Millionen Euro, wobei der Stadt in diesem Fall keine Kosten entstehen.« Danach sei die Brücke aber wie neu, mit einer Standzeit von 50 Jahren könne man sie dann nicht mehr einfach abreißen. »Das bedeutet: die Brücke wird bleiben«, so Lehmann. »Ich kann nur hoffen, dass dieser Punkt nicht zum Totschlagargument wird.« Ende Februar schickte er seine Bilanz an den Fachbeirat.

Ein Verlust des staatlichen Heilbad-Titels wäre für Bad Freienwalde in erster Linie ein Imageschaden. Die wirtschaftlichen Auswirkungen einer Herabstufung ließen sich nur schwer beziffern, sagt Ralf Lehmann. Die Kurbeiträge seien mit bis zu 45 000 Euro pro Jahr eher überschaubar. Bad Freienwalde kämpft wie alle Kommunen in Ostbrandenburg mit einem Bevölkerungsrückgang. Rund 7000 Einwohner habe die Kernstadt noch, einschließlich der Ortsteile reichlich 12 000. Zur Wende lebten im Weichbild der Stadt mehr als 16 000 Menschen. Es gibt zu wenige gute Arbeitsplätze. In den 1990ern machten das Meliorationskombinat und das Dränrohrwerk dicht, in der Land- und Forstwirtschaft fielen 70 bis 80 Prozent der Arbeitsplätze weg. Es wäre dumm, das Potenzial aus Klinik- und Kurbetrieb, Tourismus, Kultur und Geschichte nicht zu nutzen.

Das sieht Jens Lüdecke, der Geschäftsführer der Bad Freienwalde Tourismus GmbH, genauso. »Potenzial haben wir ganz viel«, sagt Lüdecke und hat dabei mehr im Auge als den Kurbetrieb. Er könnte sich mehr Erlebnis-Ebenen vorstellen, will das Thema Kneipp-Behandlungen aufgreifen. Bad Freienwalde ist Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Städte mit historischem Stadtkern, und die Innenstadt kann sich trotz noch mancher Brache heute wieder sehen lassen. Die vielfältigen Kultur- und Freizeitangebote sind, wenn man die nähere Umgebung und das Oderbruch mit einbezieht, überwältigend. Wander- und Fernradwege kreuzen die Stadt, selbst Wassersportler werden hier fündig. Als Vorständler im Wintersportverein macht sich Lüdecke für Deutschlands »nördlichstes Wintersportgebiet« stark, zu internationalen Skisprung-Wettkämpfen kommen Hunderte Gäste.

»Wir können in der Stadt und den Ortsteilen an die 930 Betten im nichtgewerblichen Bereich anbieten. Aber wir brauchen in der Stadt eine größere Hotelkapazität«, betont er. Das einzige größere Hotel, der »Eduardshof« mit 112 Betten, ist nach jahrelanger Insolvenz praktisch am Ende. Man wollte aus dem Haus ein Pflegehotel machen, doch der Plan scheiterte an den Stadtverordneten. Die Suche nach einem Investor geht weiter. Auch Jens Lüdecke hofft auf einen Neuanfang nach dem 25. Mai.

Fünf Tage zuvor gibt der Landesfachbeirat sein Votum ab. Dann entscheidet das Umweltministerium, ob die Stadt noch eine Chance erhält.

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