Eine »verdeckte« Straßenoperation

Aus Spanischer Allee wurde über Nacht »Avenida Legion Condor«

Zum Jahrestag der Bombardierung Guernicas gab es in Zehlendorf eine Straßenumbenennung - leider nur als ernste Satire.

Hauptsächlich betrunkene Jugendliche, die auf dem Heimweg sind, bevölkern an diesem Freitagabend den S-Bahnhof Schlachtensee. Unverzichtbares Utensil ist dabei die Flasche Pfefferminzlikör. Direkt am Bahnsteigabgang stehen auch vier Personen, die sich ein kleines Bier teilen. Sie müssen schwindelfrei bleiben, schließlich haben sie noch etwas vor. Eine »verdeckte Operation zum Themenkomplex Auslandseinsätze/Militarisierung der dt. Außenpolitik/Wehrmachtspfarrer Gauck« nämlich, wie es in der geheimnisvollen E-Mail hieß, die unsere Redaktion vor einigen Tagen erreichte.

In einer Guerillaaktion wollen sie die Spanische Allee umbenennen. Den an und für sich harmlos klingenden Namen erhielt die Straße 1939 zu Ehren der berüchtigten Legion Condor. Dieser Freitag ist der Vorabend des 77. Jahrestages des verheerenden Bombardements der baskischen Stadt Guernica durch Görings Elitetruppe am 26. April 1937.

Im Auto haben die vier, alle Mitglieder des Ortsverbandes Treptow-Köpenick der satirischen Partei, ihr Arbeitsmaterial: zwei Leitern, Klebeband und rund 60 vorbereitete Papierüberwürfe für die Neubenennung der Straße im Rahmen des vom Ortsverband ausgerufenen »Tag des deutschen Auslandseinsatzes«.

Natürlich distanziert sich die Partei offiziell von dieser Aktion von wahlweise »irregeleiteten Politpraktikanten« oder »engagierten Bürgern«. Dennoch werden die insgesamt drei verschiedenen neuen Namen in einer Pressemitteilung begründet. Da ist einerseits die »Avenida Legion Condor«, da der alte Name wohl »zu wenig deutlich« war, »um die Helden eines der schönsten deutschen Auslandseinsätze angemessen zu würdigen«.

Weiterhin sei es den Bürgern »offenkundig wichtig« gewesen, anlässlich des Jahrestages auf ein sich in »allerbester Tradition befindliches anderes deutsches Auslandseinsatzgroßgrillereignis hinzuweisen.« Dem trug man mit dem »Oberst-Klein-Prospekt« Rechnung. »Nämlicher Oberst wurde selbstredend in der Zwischenzeit für sein humanitäres Wirken in Afghanistan zum Generalmajor befördert«, wie es anerkennend in der Pressemitteilung heißt.

Die Perle unter den neuen Straßenbezeichnungen ist wohl die »Gauck-seine-Frau-Straße«. Schließlich komme keine Nation, die sich dem Projekt europäische Einigung so sehr verpflichtet fühlt wie die unsere, ohne moralische und ideologische Orientierung aus. »Um an die Volksaufklärungsarbeit in Sachen Krieg, äh, Auslandseinsätze des obersten Wehrmachtspfarrers angemessen zu erinnern und zugleich der in Berlin üblichen Frauenquote bei der Vergabe neuer Straßennamen Rechnung zu tragen, ergab sich die Bezeichnung wie von selbst«, schreibt die Partei.

Die Aktion war in einer knappen Stunde erledigt. Während zunächst noch aus Furcht vor engagierten Mitmenschen Ecken vor belebten Restaurantterrassen ausgelassen wurden, zeigte sich schnell, dass selbst Polizeiwagen ungerührt weiterfahren, wenn nachts Leute mit Leitern durch die Straße laufen und an Straßenschildern hantieren. Da lockt die Bockwurst wohl mehr als eine langwierige Personenkontrolle. »Macht ihr schon Wahlkampf?«, fragte schließlich ganz am Ende ein gemütlich vor sich hinradelnder Rentner, dessen Informationsbedürfnis mit einem knappen »Ja« vollauf gedeckt war.

»Ich liebe solche kleinen Aktionen, wo man nur ein paar Leute und einige fotokopierte Blätter braucht«, sagt einer der Teilnehmer. Letztlich war es ein kleiner Abenteuerspaziergang in einer lauen Frühlingsnacht. Und vielleicht fällt bei dem einen oder anderen Zehlendorfer doch der Groschen.

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