Ex-Junkie im Aufklärungsrausch

Netzwerkinitiative gegen Drogenmissbrauch arbeitet seit sechs Jahren aktiv im Wedding

Polizisten und Ex-Junkies klären Jugendliche über die Gefahren von Drogenmissbrauch auf. 2015 wird das Projekt umstrukturiert.

»Meine eigene Geschichte ist die beste Abschreckung«, sagt Klaus Großer. Und die hat er in den vergangenen Jahren im Weddinger Brunnenviertel oft erzählt: in Schulen, Jugendclubs, Vereinsräumen. Dazu setzt er sich mit den jungen Leuten an einen großen Tisch, denn er will auf Augenhöhe mit ihnen ins Gespräch kommen.

Der große, tätowierte Mann erzählt, wie die Sucht über fast zwei Jahrzehnte sein Leben bestimmte. Mit 15 fing er an, Gras zu rauchen, probierte später LSD und Amphetamine und nahm schließlich Kokain. »Ich fühlte mich plötzlich wohl und gebraucht und bin immer tiefer in diesen Sumpf geraten.« Er schildert offen drastische Erlebnisse im Gefängnis, spricht von seinen Problemen, von seinen Wegen und Umwegen als Junkie. In seiner Stimme klingt dann plötzlich Stolz mit an, als er sagt: »Ich bin seit elf Jahren abstinent.«

Er schafft es, dass pubertierende Jugendliche zuhören, sich interessieren und einbringen. Aber warum hat der ehemalige Abhängige eigentlich die Seiten gewechselt? »Weil ich den Jugendlichen klar machen möchte: Nehmt keine Drogen, denn dadurch macht ihr euch die Zukunft kaputt«, sagt der 46-Jährige.

Und das Interesse an dem Projekt »Wir lassen uns nicht betäuben« ist groß. Es war die Berliner Polizei selbst, die im Juli 2008 eine Netzwerkinitiative startete. Dazu schloss sich der Polizeiabschnitt 36 mit anderen Partnern zusammen. Wenn der Ex-Junkie seither mit einem Beamten in lockerer Gesprächsrunde sitzt, teilen sie sich die Aufgaben. Klaus Großers Beschreibungen ergänzt der Polizist um die rechtlichen Konsequenzen, die bei Drogenkonsum drohen.

Als erste Reaktion erlebt Großer zumindest ein Nachdenken bei den Jugendlichen. Natürlich drucksen sie bei solch einem Thema zunächst auch herum. Doch im Verlauf der Veranstaltungen berichten Schüler sogar von ihren eigenen Drogenerlebnissen.

Und ihre Neugier ist groß, sie stellen viele Fragen - eben auch unbequeme. Doch Großer antwortet schonungslos. »Es ist schon interessant, solche Dinge mal von jemandem zu hören, der das wirklich erlebte«, sagt Gino, der beim Weddinger Verein »Schule und Beruf« gerade seinen Abschluss macht.

Diese Einrichtung in der Wriezener Straße besucht Klaus Großer regelmäßig. Im Durchschnitt führt er pro Woche zwei Diskussionsrunden. Das Interesse an dem komplett ehrenamtlich geführten Aufklärungsprojekt ist riesig. Großer hat Glück, dass sein Arbeitgeber - eine gemeinnützige GmbH, die Wohnprojekte für ehemalige Drogenabhängige betreibt - sein Engagement toleriert.

Sowohl die Polizisten als auch die Ex-Junkies sind davon überzeugt, dass das Projekt Wirkung zeigt: »Vermehrt fragen Schüler unsere Kollegen nach Hilfseinrichtungen und Beratungsstellen, die wir ihnen vermitteln«, sagt Polizeisprecher Carsten Müller. Die Schüler würden zunehmend offen über das Thema Drogen reden, was sie eben im Elternhaus nicht tun wollen oder können. »Im Bereich Wedding/Gesundbrunnen werden zurzeit vier Schulen sowie zwei Jugendeinrichtungen aktiv und regelmäßig besucht«, sagt Müller.

Im kommenden Jahr planen die Initiatoren eine Umstrukturierung. So sollen zusätzlich von der Polizei begleitende Workshops angeboten werden, in denen sich Schüler und Jugendliche gruppenweise mit dem Thema Drogen auseinandersetzen. Die Ergebnisse tragen sie dann der jeweiligen Klasse vor und diskutieren. (www.wir-lassen-uns-nicht-betäuben.de)

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