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Der Nächste, bitte!

Jedes Jahr wird für 1000 sächsische Firmen ein Chef gesucht - Jobs stehen auf dem Spiel

  • Von Hendrik Lasch, Schkeuditz
  • Lesedauer: 3 Min.
Weil alte Inhaber in den Ruhestand gehen, muss jährlich für rund 1000 sächsische Firmen ein neuer Chef gefunden werden. Für Sachsens Wirtschaft sei das eine Überlebensfrage, sagt Minister Dulig.

Die Tradition wird in Form einer aus Metallrohr gebogenen Zahl an der Werkstattwand zur Schau gestellt: 180 Jahre - so alt ist die Sattlerei Kübler im sächsischen Schkeuditz, ein Unternehmen, in dem einst Sättel und später Innenverkleidungen für »Trabant« und »Wartburg« fa-briziert wurden. Heute sorgt man hier dafür, dass Fahrgäste in Leipziger Straßenbahnen und der Berliner U-Bahn bequem sitzen. Die Herstellung von Sitzpolstern für den Nahverkehr, sagt Markus Kübler, sei eines der Standbeine des Unternehmens.

Kübler ist Chef des Familienbetriebes - in sechster Generation. Dabei hatte er anderes geplant: Der studierte Betriebswirt arbeitete in Frankfurt am Main als Produktmanager und hatte keinen Gedanken daran verschwendet, den elterlichen Betrieb zu übernehmen. Dann wollte der Vater in Rente gehen, suchte mit Hilfe der Handwerkskammer einen Nachfolger - und fand keinen. Am Ende wurde die Frage in der Familie geklärt: »Innerhalb eines Jahres«, sagt Kübler, »waren wir uns einig.«

So reibungslos klappen längst nicht alle Betriebsübergänge in Sachsen, wo jährlich rund 1000 vor allem mittelständische Firmen neue Chefs suchen. Das sei »eine Dimension, die für den Freistaat zur Standortfrage wird«, sagt Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD). In Ingenieurbüros und Maschinenbaubetrieben, Möbelfabriken und Fleischereien kommen Gründer und Inhaber mittlerweile in ein Alter, in dem sie in den Ruhestand gehen wollen. Gelingt die Übergabe nicht, stehen auch Jobs auf dem Spiel. Neue Chefs zu finden, nennt Dulig daher eine »Überlebensfrage«.

Zwar kann einem Unternehmer die schwierige Entscheidung, wem er sein Lebenswerk überträgt, nicht abgenommen werden. Das Land will aber Mut machen, indem es gute Beispiele propagiert - in Form eines Wettbewerbs, der sich »Sächsischer Meilenstein« nennt und seit 2011 läuft. Bei der nun gestarteten fünften Auflage werden erstmals nicht nur gelungene Übergaben ausgezeichnet, sondern auch die erfolgreiche Weiterentwicklung von Firmen durch Nachfolger.

Markus Kübler käme für einen solchen Preis in Frage - wenn er den »Meilenstein« nicht schon 2013 erhalten hätte. Unter seiner Regie ist aus dem einstigen Dreimannbetrieb eine Firma mit neun Angestellten geworden, die auch wieder ausbildet. Den Grundstein dafür legte noch der Senior: Er besorgte Aufträge zur Reparatur von Faltenbälgen, die bei Straßenbahnen für Gelenkigkeit sorgen. Inzwischen wurden 140 solcher Bälge hergestellt - »ein Wachstumsfeld«, sagt Kübler. Weil die alte, nur 200 Quadratmeter große Werkstatt dafür zu klein wurde, soll die Sattlerei bis Ende 2016 in einen dreimal so großen Neubau umziehen.

Für die Expansion braucht Firmenchef Kübler bald Geld, das er für die Übernahme der Firma selbst nicht benötigte: »Ich bekam die Sattlerei geschenkt«, sagt er. Oft geht es bei der Suche nach Nachfolgern indes nicht nur um Vertrauen, sondern auch um eine gerechte Wertermittlung für das Unternehmen und darum, die Übernahme ordentlich finanziert zu bekommen.

»Es geht nicht ohne Eigenkapital«, sagt Markus Michalow von der Bürgschaftsbank Sachsen, die indes Unterstützung geben kann. Seit 2011 wurden für Unternehmensnachfolgen 200 Bürgschaften ausgereicht, von denen nur vier platzten. Michalow macht potenziellen Nachfolgern deshalb Mut: »Das Risiko«, sagt er, »ist deutlich niedriger als bei einer Neugründung.«

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