Freud samt Sofa für zu Hause

Das Jüdische Museum in Kreuzberg feierte seinen fünften Geburtstag

Freudig überrascht steckten gestern Besucher des Jüdischen Museums ihre Geldbörsen ein, als ihnen gesagt wurde, dass der Eintritt an diesem Mittwoch frei sei. Den Bau von Daniel Libeskind in der Kreuzberger Lindenstraße gibt es seit fünf Jahren, und das wurde den ganzen Tag mit einer bunten Geburtstagsparty gefeiert. Im erholsamen Sommergarten stimmte sich das Robert Michler Ensemble ein, entspannt plaudernd lagerten Schülergruppen unter Bäumen und stärkten sich mit koscherem »New York Deli Hot Dog« (aus Geflügelfleisch), leckeren Crêpes, Granatapfellimonade und Shawarma vom Drehspieß. Wer meinte, einen altbekannten Döner vor sich zu haben, lag gar nicht so falsch. »Shawarma ist die arabische Antwort auf den türkischen Döner und besteht aus Hühnerfleisch«, wurde dem Gast erklärt. »Shawarma« bedeute drehend, ebenso wie »Döner«. Noch unangetastet stand um 12 Uhr mittags die fünfstöckige weiß-rote Geburtstagstorte da. Das süße Stück wurde später offiziell von Programmdirektorin Cilly Kugelmann angeschnitten. Zum fünften Geburtstag des Museums hatten die Gäste auch die einmalige Gelegenheit einen Blick hinter die Kulissen zu werfen. »Was verbirgt sich hinter dem Gemälde?« erzählte Restauratorin Barbara Decker. Kinder konnten »Mit Siebenmeilenstiefeln durchs Museum« laufen und etwas über »Halacha und Hefezopf - Was kommt in den Schabbattopf?« erfahren. Außerdem werden sie in den Herbstferien eingeladen, bei einer Führung zu Sprache und Schrift etwas über »Massel und Schlamassel« zu lernen. »Joffi heißt super« ist ein Hebräisch-Schnupperkurs überschrieben. 10- bis 14-Jährige können die »Geheimschrift« entdecken. Zur Erinnerung an den Geburtstag griff dann mancher im Museumsshop zu. Da wartete Einstein als Fingerpuppe und Sigmund Freud konnte samt rotem Sofa mit nach Hause genommen werden. Mitnahmewürdig auch die Postkarte mit einem Satz von Hannah Arendt: Keiner hat das Recht zu gehorchen. Zum Zeitzeugengespräch wurde am späten Nachmittag eingeladen. Werner Max Finkelstein sprach über seine Zeit im Exil. Finkelstein wurde 1925 im ostpreußischen Gumbinnen geboren, kam mit zehn Jahren nach Berlin und musste Deutschland 1939 mit einem Kindertransport verlassen. Als 16-jähriger machte er sich allein auf die Reise, um zu seiner in Bolivien lebenden Mutter zu gelangen. 1948 kam er nach Argentinien, wurde Journalist. Nach sechs Jahrzehnten der Emigration kehrte Finkelstein nach Berlin zurück. Den Nachlass von Elisabeth Wust und Felice Schragenheim alias »Aimée und Jaguar« stellte Archivleiterin Aubrey Pomerance vor. Darunter auch der von Elisabeth und Felice selbst geschriebene »Ehevertrag«. Fast 3,5 Millionen Besucher haben das Jüdische Museum seit der Eröffnung im September 2001 besichtigt. Jüdisches Museum, Kreuzberg, Lindenstr. 9, täglich geöffnet von 10 - 20 Uhr, montags bis 22 Uhr

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