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Vom Insassen zum Azubi

Berufsberatung in der Jugendstrafanstalt in Plötzensee wird nach Pilotphase fortgesetzt

  • Lesedauer: 3 Min.
Wer beim Jobcenter anfängt, rechnet wohl mit vielem. Sabine Kaempffer allerdings arbeitet im Gefängnis. Sie ist Berlins einzige Berufsberaterin für jugendliche Straftäter.

Wenn Berufsberaterin Sabine Kaempffer ihr Büro aufschließen will, muss sie einen wuchtigen Eisenschlüssel aus ihrer Tasche ziehen. Vorher ist sie über den Hof der Jugendstrafanstalt (JSA) in Plötzensee gelaufen, vorbei am Haus für den Kurzstrafenbereich unter 18 Monate, hat der Pförtnerin am Eingang des Beratungszentrums der JSA einen guten Morgen gewünscht und zahlreiche Türen aufgeschlossen, bis sie schließlich an ihrem Schreibtisch sitzt.

Kaempffer ist Teil eines Beratungszentrums in der JSA, in dem neben ihr noch eine Schuldnerberaterin, eine Psychotherapeutin, Mitarbeiter der Suchtberatung und Betreuer der Gruppentrainings und Übergangsbegleitung tätig sind: Das Modellprojekt Beratungszentrum ging vor zwei Jahren an den Start. Am gestrigen Dienstag unterschrieben Justizsenator Thomas Heilmann (CDU) und die Leiterin der Regionaldirektion Berlin-Brandenburg der Arbeitsagentur, Jutta Cordt, eine Kooperationsvereinbarung, die dem Pilotprojekt nun eine verbindliche Basis, samt Evaluation, geben soll und den sperrigen Titel »Vereinbarung zum Integrationsmanagement für Gefangene« trägt. »Eine Ausbildung ist nachgewiesener Maßen ein Garant dafür, dass seltener Rückfälligkeit besteht«, sagt Cordt.

Kaempffers Aufgaben reichen von der klassischen Orientierungsberatung, über Berufsvorbereitung bis hin zur Ausbildungsvermittlung. Für das kommende Ausbildungsjahr hat Kaempffer zwölf Inhaftierte in eine externe Lehrstelle vermittelt. Dazu zählen auch die Mädchen und Frauen im offenen Vollzug in der Haftanstalt für Frauen in Reinickendorf, die sie ebenfalls extern betreut, denn die JSA ist eine reine Männeranstalt. Die Jugendlichen beginnen ab September eine Ausbildung zum Gebäudereiniger, Kaufmann oder -frau im Einzelhandel, Maler oder Lackierer. Kaempffer hat sich mittlerweile ein kleines Netzwerk an Unternehmen aufgebaut, die sie immer anrufen kann, wenn mal einer »tipptopp« ist. Sie meint die, die nach der Haft eine Wohnung gefunden haben und sich auf Freunde oder Familie verlassen können. Zwischen 60 und 70 Prozent der Inhaftierten haben keinen Schulabschluss, schätzt Kaempffer. Genaue Zahlen werden aus Datenschutzgründen nicht erhoben. Vor der Ausbildung steht für die meisten also das Nachholen eines Schulabschlusses. Gerade sind 20 Jugendliche in der JSA dabei, ihren erweiterten Hauptschulabschluss zu machen. »Es gibt einen Fall, da hat jemand das letzte Mal in der dritten Klasse die Schule besucht«, sagt Anstaltsleiter Thorsten Luxa. Insgesamt arbeiten acht Pädagogen an der JSA, die in den anstaltseigenen Räumen unterrichten.

Die meisten der 317 Insassen sitzen wegen Raub, Diebstahl oder Körperverletzung ein. Die Haftstrafen reichen von unter drei Monaten bis zu zehn Jahren. Die meisten haben laut Statistik der Senatsverwaltung für Justiz jedoch eine Haftstrafe zwischen zwei bis fünf Jahren bekommen. »Entgegen dem öffentlichen Eindruck sinken sowohl die Haftzeiten als auch die Zahl der Intensivtäter«, sagt Senator Heilmann. Der Rückgang ist zwar nicht besonders beeindruckend, aber laut Kriminalitätsstatistik ist die Zahl der Intensivtäter, also derer, die mehr als zehn Straftaten »von einigem Gewicht« verübt haben, um 20 Fälle gesunken. Während im Jahr 2013 noch 343 Jugendliche zwischen 14 und 21 Jahre als Intensivtäter festgestellt wurden, waren es 2014 nur noch 323.

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