Der Schatten eines Schattens

Ivan Panteleev inszenierte am Münchener Residenz Theater »Philoktet« von Heiner Müller

  • Gunnar Decker
  • Lesedauer: ca. 6.0 Min.

Müller schrieb mit diesem Dreipersonenstück ein Modell der Weltgeschichte in Kammerspielformat. Im Zentrum von Panteleevs Deutung stehen die Lügen der Macht – Worte, die aus Wunden strömen, ebenso gewaltsam wie schön.

Auftritt Odysseus im froschgrünen Anzug. Ein immergrüner Hoffnungsträger? Oder ein grünschimmeliger Vertreter jeder sich gegen die Anarchie als Anfechtung abpanzernden Ordnung? Müller lässt es Philoktet mit bitterer Verwunderung fragen: »Ein Lebendes auf meinem toten Strand?« Wir müssen, wie es scheint, erst einmal die Szenerie erklären.

Der Kriegsheld Philoktet, im Besitz des den Sieg garantierenden Bogens des Herakles, ist von einer Schlange gebissen worden. Die Wunde eitert und stinkt schließlich so, dass Odysseus dieses defekte Teil der Kriegsmaschine aussortiert, sprich den »nicht mehr dienlichen« Philoktet auf einer verlassenen Insel aussetzt und einem langsamen Tod überlässt. Das war zehn Jahre zuvor. Nun aber steht Odysseus vor Troja und erhält Kunde (von oben, von den allwissenden Göttern), dass er Troja nie erobern werde, ohne Philoktet und seinen Bogen. Es bleibt ihm nichts anderes übrig als loszufahren, begleitet von N...


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