Wandlitzer Willkommenskultur

Wie es gelang, die Ablehnung eines Asylheims in tätige Nächstenliebe zu verwandeln

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 4 Min.
In seinem Buch »Refugees Welcome« gibt der Christ und Sozialist Mathis Oberhof nützliche Tipps und macht Flüchtlingsinitiativen Mut.

Wie kann die anfängliche Ablehnung eines Asylheims im Ort durch engagierte Bürger und eine klug agierende Verwaltung ins Gegenteil verkehrt werden? Darüber hat Mathis Oberhof ein Buch geschrieben. Der komplette Titel lautet: »Refugees Welcome! Die Geschichte einer gelungenen Integration. So können Sie Flüchtlingen helfen. Ein Mutmachbuch.«

Mathis Oberhof war in den Jahren 2012 und 2013 ehrenamtlicher Koordinator des Rundes Tisches Wandlitz. Der Verlag Goldmann stellt ihn als Initiator der Willkommenskultur in dem Ort im Landkreis Barnim vor. Der Fall machte als positives Beispiel überregional Schlagzeilen, bevor die Flüchtlingszahlen und damit die Schwierigkeiten so stark zugenommen haben. Jetzt könnte die Lektüre neuen Willkommensinitiativen bei ihrer Arbeit helfen, denn mit seinem Coautoren, dem freien Journalisten Carsten Tergast, gibt Oberhof viele konkrete Tipps. An diesem Montag wird das Buch um 19.30 Uhr in der Kulturbühne »Goldener Löwe«, Breitscheidstraße 20 in Wandlitz präsentiert - im Beisein des Ministerpräsidenten Dietmar Woidke (SPD), der das Vorwort beisteuerte.

Im »Goldenen Löwen« hatte am 5. November 2012 alles begonnen. 400 Einwohner hatten sich dort versammelt. Es war die größte Bürgerzusammenkunft im Ort seit der Wende. 300 Unterschriften gegen die Einrichtung eines Asylheims in einer alten Schule in der Bernauer Chaussee waren gesammelt - und nun ging es im Saal hoch her. Mutig meldete sich Mathis Oberhof dennoch zu Wort, ließ sich nicht irritieren von giftigen Zwischenrufen in seinem Rücken. Wie er später erfuhr, so schreibt er, haben dort die NPD-Funktionärin Aileen Rokohl und ihre Kumpane gestanden. Oberhof, aus Westberlin zugezogen und zeitweilig Mitglied der Linkspartei, mahnte zu Menschlichkeit und Toleranz. Die aufgeheizte Stimmung kippte. Leute klatschten und dankten ihm. Es war die eigentliche Geburtsstunde der Willkommenskultur.

Der Anfang war glücklich gemacht, aber es war dennoch ein langer und schwieriger Weg. Es galt beispielsweise, NPD-Provokationen am Bahnhof und vor dem Asylheim abzuwehren. Erwachsene und Schulkinder sangen fröhlich gegen die faschistische Hetze an oder tanzten Polonaise. Oberhof blockierte dem Lkw der NPD kurzzeitig die Zufahrt zum Heim, indem er sein Wohnmobil quer über die Straße parkte. Zu einer Geldstrafe von 1000 Euro wurde er dafür verurteilt - allerdings zu zahlen an die Organisation »Pro Asyl«, was ihm sympathisch war.

Oberhof empfiehlt Willkommensinitiativen, sich in die Justiz und in die Behörden hineinzuversetzen, die Gesetze befolgen müssen - auch falls dies sauer aufstößt wenn zum Beispiel Abschiebungen verfügt werden. Oberhof rät, Kontakte zur Presse zu pflegen. In Wandlitz hat das sehr geholfen, als ein tschetschenischer Vater mit seinen vier Kindern nach Polen verfrachtet wurde, währen die Mutter in Bernau im Krankenhaus lag. Eine Petition und Presseberichte haben das scheinbar Unmögliche erreicht. Vater und Kinder durften zurückkehren in die Bundesrepublik.

Oberhof schildert schreckliche Flüchtlingsschicksale und verhehlt nicht, wenn er weinen musste. Gleichzeitig rührt er seine Leser zu Tränen, aber auch zu Freudentränen. Er verspricht, dass die Flüchtlingshilfe Glücksmomente für die Ehrenamtlichen bereithält und betont, das Engagement solle auch Spaß machen. Jeder sollte nur so viel tun, dass er sich nicht irgendwann überfordert fühlt. Auch sollten sich Willkommenskreise seiner Ansicht nach nicht mit Vereinsgründung, Sprecherwahl und Grundsatzpapieren aufhalten, sondern einfach drauflosarbeiten und jeden Helfer eigenverantwortlich sein Ding machen lassen.

So hatte es in Wandlitz bei einigen Mitstreitern Bauschmerzen gegeben, als eine Lehrerin nach einiger Zeit aufschrieb, wer bei ihren Deutschkursen zu spät kam - und diejenigen Flüchtlinge, denen das drei Mal passierte, durften gar nicht mehr kommen. Doch die Dame erwarb sich hohes Ansehen bei ihren »Black Boys«, den schwarzafrikanischen Asylbewerbern. Diese sahen die Frau, die mit ihnen auch Haumannskost kochte und verzehrte, als ihre »Mama« an. Oberhof erzählt auch, wie eine Frau bei ihm anrief und sich erkundigte, wie sie Kinderkleidung und ein Stofftier für die »Fidschis« und »Neger« spenden könne. Der Koordinator musste erst einmal schlucken wegen der politisch nicht korrekten Begriffe, unterließ es aber, die Frau zu belehren und einen Streit mit ihr anzufangen. Denn er erkannte, dass die nur bescheiden gebildete und selbst sehr arme Mutter von Herzen die Dinge geben wollte, die ihren eigenen Kindern nicht mehr passten. Die Moral dieser Geschichte: Erst einmal zuhören. Bei seinen Recherchen für das Buch fand Oberhof durch Zuhören heraus, dass viele nur deswegen gegen das Asylheim unterschrieben hatten, weil sie eine menschenwürdigere Unterbringung in Wohnungen bevorzugt hätten. Sie waren durchaus bereit, Flüchtlinge in ihrer Nachbarschaft aufzunehmen.

Für Oberhof selbst kam der Moment, wo er sich 2013 in die zweite Reihe zurückzog, um sich wieder mehr anderen Beschäftigungen widmen zu können. In seinen Interviews für das Buch blitzt auch auf, eine Mitstreiterin habe gestört, wie dominant er gewesen sei. Selbstkritisch blendet Oberhof dies genauso wenig aus wie andere Probleme. Er konzentriert sich aber auf das Positive und sieht darin ein Erfolgsgeheimnis der Wandlitzer Willkommenskultur: In erster Linie für etwas zu sein und nicht gegen etwas. Seite 11

Mathis Oberhof: »Refugees Welcome«, Goldmann, 336 Seiten, 8,99 Euro

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