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Heute #AfDfrei?

Journalisten diskutieren, ob die Rechtspartei zu viel Aufmerksamkeit in den Medien bekommt

  • Von Robert D. Meyer
  • Lesedauer: 3 Min.

Sonntagabend bei »Anne Will« in der ARD: Alexander Gauland sitzt im Studio. Einen Tag später bei »Das Duell« auf n-tv? Wieder wird dem Rechtspolitiker ein Podium geboten. Inzwischen dürfte der noch vor kurzem von der AfD oft erhobene Vorwurf, die »Pinocchio-Presse« (Frauke Petry) ignoriere die Partei, von der medialen Realität als Lügenmärchen entlarvt worden sein. Mittlerweile gibt sogar eine Gegenbewegung, die vehement warnt, den Rechtspopulisten werde von den Medien zu viel Aufmerksamkeit geschenkt. Rein statistisch haben die Kritiker recht: Wie eine Analyse der »Bild« ergab, stieg die Zahl der AfD-Auftritte in den öffentlich-rechtlichen Talkshows um ein Drittel. So waren Vertreter der Rechtspartei in den ersten viereinhalb Monaten dieses Jahres bereits fast genauso häufig bei »Anne Will« und Co. dabei, wie im Gesamtjahr 2015. Unzweifelhaft hat diese Zunahme auch mit den Wahlerfolgen bei den Landtagswahlen im Frühjahr zu tun. AfD-Vertretern wie Gauland und Petry proftieren vom schnelllebigen Konzept des deutschen Polit-Talks: Steile und provokante Thesen gehören zum Geschäftsmodell der Partei.

Beim Deutschen Journalisten-Verband (DJV) beobachtet man die Entwicklung mit Sorge. »Längst nicht jede Äußerung eines AfD-Politikers hat den Gehalt einer Seite-eins-Meldung. Weniger ist manchmal mehr«, so DJV-Chef Frank Überall im »Tagesspiegel«. Das Berliner Boulevardblatt »B.Z.« setzte die Forderung in seiner Montagsausgabe mit ironischem Augenzwinkern um: »Sorry, Herr Gauland! Wir haben heute leider keinen Bericht für Sie«, hieß es in einer Meldung auf der Titelseite, nachdem die »Frankfurter Allgemeine Zeitung« berichtete, der AfD-Vize habe Angela Merkel als »Kanzler-Diktatorin« bezeichnet.

Inzwischen gibt es auf Twitter unter dem Hashtag #AfDfrei zahlreiche Stimmen, die den Medien ein paar Tage Pause von der Rechtspartei empfehlen. Deren Erfolgsmodell basiert auf der alten medienpsychologischen Erkenntnis, wonach schlechte Nachrichten gute Nachrichten sind. Übersetzt auf die AfD heißt das: Irgendetwas wird bei der adressierten Zielgruppe schon hängen bleiben.

Stefan Niggemeier erklärt im Interview mit »Radio eins«, Ursache für die umfassende über jede noch so unwichtige AfD-Provokation sei einerseits die Öffentlichkeit selbst. Die These des Medienjournalisten: Würden die Äußerungen der Rechtspartei keine Reichweite (Einschaltquote, Klickzahlen) bringen, würde es auch deutlich weniger Berichterstattung geben. »Das erste Problem ist das Publikum«, diagnostiziert Niggemeier. Andererseits entwickelten Journalisten bei einem Thema auch häufig einen »Jagdreflex«, räumte er ein. Ähnliches hätte es Frühjahr 2012 gegeben, als der damalige Bundespräsident Christian Wulff aufgrund von Vorwürfen der angeblichen Vorteilsnahme im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses stand. Damals hätten viele Medienvertretern das Gefühl gehabt, Wulff durch immer neue Berichte gemeinsam zum Rücktritt drängen zu können. Ähnliches geschehe jetzt bei der AfD: Viele hofften jetzt, »diesen einen entlarvenden Moment zu finden, der die AfD zur Strecke bringt.«

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