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Trump am Ende seiner Trümpfe?

Neu- und Nichtwähler rücken in den letzten vier Wochen vor der Präsidentschaftswahl verstärkt ins Blickfeld

  • Von Reiner Oschmann
  • Lesedauer: 3 Min.

Vier Wochen vorm Wahltag stellen sich vor allem zwei Fragen: Kann sich Donald Trump von der Blessur erholen, die er sich durch die Veröffentlichung eines Videos mit sexistischen Ausfällen zuzog? Und: Wem gelingt es in der Endrunde, über die eigene Basis hinaus mehr Anklang in Gruppen zu finden, die von ihm bzw. Hillary Clinton bisher nichts wissen wollten oder noch nicht entschieden haben, ob sie überhaupt wählen? Für Trump ist die Antwort besonders wichtig. Die aktuellen Umfragen sehen ihn wieder im Hintertreffen, sowohl national als auch in den meisten mal demokratisch, mal republikanisch stimmenden Swing States – und damit in der Pflicht, nicht allein bei seiner Stammklientel zu punkten. Die verzieh ihm bisher alle Entgleisungen, ja sah in ihnen Belege seiner grandiosen Außenseiterrolle.

In diesem Widerspruch spiegelt sich das Ausmaß des Elitenverdrusses – er trifft Clinton und perlt von einem Trump ab, der sogar damit prahlte, in New York auf Passanten schießen zu können, ohne einen einzigen Wähler zu verlieren. Auch der Verdacht, durch Ausnutzung des Milliardäre wie ihn begünstigenden Steuersystems fast 20 Jahre keine Einkommenssteuer gezahlt zu haben, wuchs sich nicht sofort zum Flurschaden aus. Kritiker warfen ihm danach zwar erneut vor, kein Systemgegner, sondern -profiteur zu sein. Aber Fans wie Chris Christie, Gouverneur von New Jersey, erkannten darin nur einen neuen Beleg, »was für ein Genie Donald Trump ist«.

Doch die Zufriedenheit der Bekehrten wird am 8. November nicht reichen. »Im Präsidentenwahlkampf, der von großen Terminen lebt, läuft Trump die Zeit weg«, schrieb das Portal »Politico«. Es gebe nicht mehr viele Chancen für ihn, seit die Umfragen in Clintons Richtung liefen. Und sich täglich weitere Zeitungen, liberale wie konservative, gegen Trump erklären. Das war schon vor dem Bekanntwerden des Sex-Videos der Fall.

»Die Fenster der Gelegenheiten werden weniger, nachdem in umkämpften Staaten wie Iowa und Wisconsin inzwischen Frühwähler abstimmen und dies in anderen wie North Carolina und Florida ansteht«, so »Politico«. Das Clinton-Lager hat dort stark zugelegt und schickt mit Michelle Obama und Bernie Sanders im Wahlvolk beliebte Unterstützer Hillarys vor. Man erwartet, dass in diesen Swing States »diesmal 40 Prozent der Wähler Frühwähler sein werden«.

Zwei weitere Faktoren spielen in den letzten Wochen eine Schlüsselrolle: Erstens mögliche Neuwähler, die sich noch nicht angemeldet haben, um abstimmen zu können. Und zweitens Nichtwähler, die sich zwar registrieren ließen und berechtigt wären, aber am Wahltag womöglich trotzdem daheim bleiben. In der Woche vor der zweiten Fernsehdebatte war fast jeder Dritte aller Berechtigten (65 Millionen) noch nicht registriert. Wer abstimmen will, muss dies aber getan haben.

Zum Vergleich: 2012 beim Duell Barack Obamas gegen Herausforderer Mitt Romney waren von den registrierten Wählern am Ende 24 Millionen doch zu Hause geblieben. Besonders niedrig war damals die Wahlbeteiligung unter weißen Männern mit geringer Bildung. Das ist genau die Gruppe, in der Trump heute vorn liegt. Kann er sie bewegen, diesmal die Couch zu verlassen?

Fragen über Fragen also. Dabei sind jähe Wendungen, von denen es schon bisher so viele gab, noch gar nicht berücksichtigt. Erleben wir weitere Enthüllungen? Gibt es einen neuen Terroranschlag, der Trumps Kraftmeierei begünstigt? Kommt es vorm Wahltag, rein zufällig, zu Angriffen von nicht zu ermittelnder dritter Seite auf Clinton? Die Waage neigt sich auf ihre Seite, und Trump taumelt. Am Boden ist er noch nicht.

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