Unwürdiges Gedenken am NS-Zwangsarbeiteramt

Aktivisten und ehemalige Zwangsarbeiter fordern angemessene Gedenkmöglichkeiten

»Ich bin selbst im Jahr 1941 von der ›Zentralen Dienststelle für Juden‹ zur Zwangsarbeit bei der IG Farben vermittelt worden«, sagt Inge Deutschkron, eine 1922 in Finsterwalde geborene deutsch-israelische Journalistin. »Damit bin ich eine von vielen tausend Berliner Jüdinnen und Juden, für die dieser Ort Ausgangspunkt unsäglichen Leidens geworden ist«, schrieb Deutschkron in einem Brief vom vergangenen Donnerstag. Er ist an Monika Herrmann adressiert, die Grüne Bezirksbürgermeisterin für Friedrichshain-Kreuzberg, sowie an Klaus Lederer, Kultursenator der LINKEN. An beide appeliert sie, sich dafür einzusetzen, »dass dieses Gebäude eine Nutzung erfährt, die seiner historischen Bedeutung gerecht wird«.

Die »Zentrale Dienststelle für Juden« residierte in dem eher unscheinbaren eingeschossigen Bau in der Kreuzberger Fontanepromenade 15. Zwischen 1938 und 1945 wurden hier rund 26 000 Juden zur Zwangsarbeit an 260 Berliner Betriebe vermittelt – meist zur Schwerstarbeit in den sogenannten Judenkolonnen. Dies geschah in Abstimmung mit der Gestapo, die dann auch Deportationen aufschob, damit kriegswichtige Betriebe weiter produzieren konnten. Stundenlang mussten die Menschen vor und in den viel zu kleinen Räumen des Gebäudes ausharren. Auf der idyllischen Promenade wurden zudem zwei Bänke gelb gestrichen – nur dort durften sich Juden hinsetzen, alle anderen Sitzgelegenheiten waren tabu. »Schikanepromenade« nannten die Zwangsarbeiter die Straße deshalb.

1950 kaufte eine Mormonengemeinde das Haus und nutzte es bis 2010, dann stand es leer. Seit 2013 informiert ein Gedenkstele an die Geschichte. 2015 stand das Haus zum Verkauf, Ende August 2016 erteilte der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg den neuen Eigentümern die Genehmigung, hier Wohn- und Büroräume einzurichten.

»Am 30. 10. 2016 mussten wir zu unserer größten Empörung feststellen, dass in dem flachen Altbaugebäude Fontanepromenade 15 mit privaten Baumaßnahmen begonnen wurde«, hieß es daraufhin in einem offenen Brief vom 14. November. Verfasst hatte ihn die Stadtteilinitiative »Wem gehört Kreuzberg?«. »Wir halten es für einen absoluten Skandal, dass ein solcher Geschichtsort der Immobilienspekulation geopfert wird«, steht dort weiter. Stattdessen solle das Gebäude als Gedenkort an jüdische Zwangsarbeit und den Holocaust genutzt werden. Die Initiative forderte den Bezirk auf, die Baugenehmigung sofort zurückzunehmen und die Baumaßnahmen zu stoppen: »Dieser Ort muss durch Kauf in öffentliche Hand oder gemeinnützige Hand kommen, damit er einen würdigen und geschichtsbewussten Umgang erfährt.«

Reaktionen von Bezirks- oder Landespolitikern sind bisher ausgeblieben. Im November 2015 verwies bereits die Gedenktafelkommission Friedrichshain-Kreuzberg auf ihre Empfehlung, »hier keine weitere museale Gedenkstätte anzustreben, sondern es bei der vorhandenen Gedenkstele zu belassen«, so steht es im entsprechenden Protokoll.

»Nach dem ehemaligen Reichskriegsgericht am Lietzensee und dem Arbeits- und Bewahrungshaus in Rummelsburg wäre damit ein dritter Ort durch Privatisierung dem Gedenken entzogen«, sagt Lothar Eberhardt, der seit langem ehrenamtlich dafür arbeitet, dass Orte des Nationalsozialismus gebührend erinnert werden. Er ist Mitglied der Naturfreunde und gründete mit anderen die Gedenktafelinitiative »Gedenkort Fontanepromenade 15«.

Die Initiative hat auch den neuen Hauseigentümern und Bundespolitikern geschrieben – auch hier blieben Reaktionen aus. Allerdings ist rund um die Feiertage auch etwas Geduld gefragt.
»Eine Gedenkstele ist einfach ein bisschen wenig«, sagt auch Markus Tervooren, Geschäftsführer der Berliner Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA). Der Ort sei eine »Schnittstelle zwischen Verwertung und Vernichtung« gewesen.
Entmutigen lassen sich die Aktivisten von der bisher verhaltenen Resonanz allerdings nicht. Zum Internationalen Holocaust-Gedenktag am 27. Januar planen sie eine Veranstaltung. Bis dahin ist die Politik auch aus den Winterferien zurück.

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