»Wissenschaft für das Leben«

Antikapitalistischer Kongress der Zapatistas in Chiapas wirft mehr Fragen auf, als dass es Antworten gibt

  • Luz Kerkeling, San Cristóbal de las Casas
  • Lesedauer: 5 Min.

Freundlich, aber bestimmt, werden wir bei unserer Ankunft früh morgens im Nebel des chiapanekischen Hochlands am Einlass des Kongresses der zapatistischen Befreiungsarmee EZLN zur Registrierung gebeten. Wir betreten das 20 Hektar umfassende autonome Territorium des interdisziplinären Indigenen Bildungszentrums Cideci am Rande der zweitgrößten Stadt des südmexikanischen Bundesstaates Chiapas. »Alles ist vorbereitet, die Essens- und Infostände, die unterschiedlichen Veranstaltungsräume, die Live-Übertragung der Beiträge via Internet und über die freien Radios«, so Francisca, eine freiwillige Helferin.

Das Treffen firmiert unter dem Titel »ConCiencias por la Humanidad«, ein Wortspiel, welches in etwa »Wissenschaft mit Bewusstsein für die Menschheit« bedeutet. Über 80 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus elf Ländern gaben sich Anfang Januar ein Stelldichein. Der Schwerpunkt lag auf den Naturwissenschaften, darunter Agrarökologie, Astrophysik, Biologie, Informatik, Mathematik, Medizin, Physik, Robotik und anderes, aber auch sozial-, politik- und wirtschaftswissenschaftliche Themen sind vertreten. Bei vielen vorherigen Kongressen der Zapatistas standen die Geisteswissenschaften im Fokus.

Das Treffen sei auf ausdrücklichen Wunsch der zapatistischen Basis organisiert worden, dort gebe es einen großen Wissensdurst nach tiefgründiger Bildung, es handele sich nicht um eine Idee der Führungsgremien, so EZLN-Sprecher Subcomandante Moisés in seiner Eröffnungsrede. Die Stoßrichtung ist klar: »Die Wissenschaft, die wir als Zapatistas möchten, ist eine Wissenschaft für das Leben, nicht für den Kapitalismus«.

Ein besonderes Charakteristikum des Kongresses ist, dass ausschließlich 100 zapatistische Schülerinnen und 100 zapatistische Schüler unterschiedlichen Alters Fragen an die Vortragenden stellen dürfen. Die Aufgabe dieser 200 Delegierten ist, ihre Eindrücke in ihren Heimatgemeinden weiterzugeben. Es fällt auf, dass die Zapatistas, die stets in den ersten Reihen sitzen, am meisten in ihre Blöcke notieren.

»Ich würde mich am liebsten klonen und überall dabei sein«, sagt Pedro, ein zapatistischer Kaffeegenossenschafter, der für einen Kaffee- und Essensstand eingeteilt ist, grinsend: »Meine Compas meinen, eine Menge Vorträge seien echt interessant, besonders die, die mit dem Leben in unseren Dörfern zu tun haben, also zu ökologischem Anbau, Klima, Gentechnik und Gesundheit etc..«

Weit über 1000 Interessierte aus Mexiko und aller Welt nehmen darüber hinaus am Treffen teil, tauschen sich aus und diskutieren. Wie so oft bei Aktivitäten dieser Art sind die Pausengespräche beim Kaffee oder frisch gepresstem Saft oftmals Quelle neuer Infos und neuer Kontakte. Juana, freie Medienaktivistin aus Mexiko-Stadt, zeigt sich beeindruckt: »Wow, von so vielen Themen habe ich noch nichts gehört, es ist spannend da reinzuschnuppern. Ich finde es sehr gut, dass wir auch hier sein können, dass so viele unterschiedliche Leute zusammenkommen. Und außerdem tut es gut zu merken, nicht die Einzige zu sein, die mit der ganzen Scheiße auf diesem Planeten nicht einverstanden ist.«

Das Auditorium, das Raum für rund 1000 Personen bietet, ist in der gesamten Kongresswoche fast immer bis auf den letzten Stuhl besetzt. Für alle, die dort keinen Platz finden, gibt es im großen Speisesaal eine Videoübertragung. Die Audioübertragungen sind auf dem gesamten Gelände zu hören. Zusätzlich zu den Veranstaltungen im Auditorium gibt es Workshop-Phasen in weiteren Räumlichkeiten.

Neben der Wissensvermittlung prangern viele der Vortragenden die fehlende Ethik der Wissenschaft an. Sie stehe meist im Dienste der politisch-ökonomischen Eliten und nicht im Dienste des Allgemeinwohls, wie die Mathematikerin Pilar Martínez hervorhebt: »Viele Wissenschaftler sind fest überzeugt, die Wissenschaft werde in einem neutralen Umfeld praktiziert. Doch Konzerne wie Bayer und Monsanto verbreiten genetisch modifiziertes Saatgut, das von Leuten wie uns entwickelt wird, um die ursprünglichen Sämereien zu verdrängen. Unser Wissen wird auch zur Produktion von Waffen verwendet. Viele Wissenschaftler kümmern sich mehr um ihre Publikationen als um die Studierenden.« Martínez selbst wandelt auf anderen wissenschaftlichen Pfaden: »Die Zapatistas haben uns mehrfach gesagt, dass die kapitalistische Hydra alles zerstören wird. Wir haben hier dazu wissenschaftliche Erkenntnisse beigetragen. Die Zapatistas brauchen eine kritische Wissenschaft, um die Arche zu konstruieren, die uns retten kann.«

Die Bilanz des Treffens fällt ambivalent aus. Marie, Angehörige einer französischen EZLN-Solidaritätsgruppe, meint: »Es ist total gut, dass das Treffen stattfindet, es werden neue Türen geöffnet, zu Leuten aus der Naturwissenschaft, die bisher praktisch nichts mit radikalem Widerstand zu tun hatten. Aber ich finde den Kongress überfrachtet, es sind zu viele Themen. Aber es soll ja weitere solcher Events geben, da wird bestimmt nachgebessert.«

Beim feierlichen Kongressabschluss im Auditorium fasst eine Schülerin die Eindrücke der teilnehmenden Zapatistas zusammen: »Viele Worte, die wir in diesen Tagen gehört haben und durch die wir gelernt haben, haben mehr Fragen aufgeworfen als Erkenntnisse gebracht. Eure Worte haben große Zweifel und Beunruhigung erzeugt. Eure Worte sind sehr groß, aber wir empfinden sie als sehr hart. Nicht, weil sie beleidigen, sondern weil es uns nicht immer gelingt, sie zu verstehen. Die Gemeinden werden sagen, dass sie in einigen Fällen abgehoben sind.« Die patriarchale Praxis in der Mainstream-Wissenschaft kritisiert sie knallhart: »In der sogenannten wissenschaftlichen Community werden die Beiträge und Forschungen der Frauen nicht anerkannt. Hier regiert der Machismo.«

Die Sprecherin betont gleichzeitig, dass vieles in diversen Fachbereichen gelernt werden konnte und auch konkrete Vorschläge zur Verbesserung des Status quo gemacht wurden.

Das Treffen endete versöhnlich, allen Vortragenden wird herzlich gedankt. Subcomandante Moisés unterstrich, dass ein langer gemeinsamer Weg begonnen habe und es weitere Treffen geben wird, um wirklich unabhängige, kapitalismus- und herrschaftskritische Wissenschaften zu fördern und breit zugänglich zu machen - zum Beispiel durch den Aufbau autonomer Hochschulen. Ende 2017 wird der nächste Wissenschaftskongress stattfinden.

Alle Kongressbeiträge (spanisch): www.radiozapatista.org

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