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Bevölkerungsprognose schwierig

Enquetekommission informiert sich über die Geheimnisse der Einwohnerentwicklung

  • Wilfried Neiße
  • Lesedauer: 3 Min.

Bei der Sitzung der Enquetekommission »ländlicher Raum« am Freitag warf der Landtagsabgeordnete Henryk Wichmann (CDU) dem Statistikamt Berlin-Brandenburg vor, seine Veröffentlichungen zugunsten der rot-roten Landesregierung zu manipulieren. Das Amt wies die Anschuldigung zurück. Man arbeite sachlich und keineswegs im Auftrag von Interessengruppen, betonte Abteilungsleiter Rudolf Froese. Aussagen über die Bevölkerungsentwicklung werden in den Zeiten besonders nachgefragt, in denen sie am unsichersten sind. Immer, wenn es neue Tendenzen und Abweichungen vom Gewohnten gibt, entstehe das Bedürfnis nach möglichst zuverlässigen Aussagen, sagte Froese. Befriedigt werden könne es aber nur bedingt.

Wetterprognosen sind schwierig und zutreffende Vorhersagen für mehr als drei Tage so eine Sache. Die Prognosen der mittelfristigen Finanzplanung im Land Brandenburg haben seit der Wende in der Regel nicht gestimmt. Bei Prognosen zu Einwohnerentwicklungen ist das etwas anders, sagte Fachmann Froese. Hier gebe es zwar auch spontane und besondere Ereignisse, doch änderte sich die langfristige Entwicklung in den meisten Fällen nicht.

Die Erwartungen bei den Sterbezahlen stimmten in den vergangenen Jahren mit den tatsächlich eingetretenen Sterbefällen in etwa überein. Deutliche Abweichungen gab es bei den Geburten: im Jahr 2014 wurden in Brandenburg etwa 1000 Kinder mehr geboren als erwartet. Mit den vielen Flüchtlingen konnte die Statistik beim letzten Zensus 2013 nicht rechnen. Die Zuwanderungszahlen lagen 2015 doppelt so hoch, wie erwartet.

Statistikamtsmitarbeiter Jürgen Paffhausen sagte, was in den Jahren 2020 bis 2030 wirklich geschehen wird - »da ist niemand bereit, Aussagen zu treffen«. Nur 40 Prozent der dem Land Brandenburg zugewiesenen Flüchtlinge sind hier geblieben. Wie verhalten sich die übrigen? Bleiben sie? Gehen Sie zurück in ihre Heimat? Wechseln auch sie in andere Länder? Paffhausen erklärte: »Es gibt keine Kugel, die mir sagt, was in 20 Jahren passieren wird.«

Die Abgeordneten waren damit nicht zufrieden. Iris Schülzke (Freie Wähler) sprach von einer »Endzeitstimmung« in sich entleerenden Gemeinden. Sie zeigte sich verärgert darüber, dass die Statistik ihre neuen Erkenntnisse so spät veröffentlicht. Anke Schwarzenberg (LINKE) reklamierte das Interesse der Politik, möglichst zutreffende Prognosen zu erhalten. Henryk Wichmann (CDU) nannte falsche Voraussagen gefährlich, denn daraus abgeleitete Kitaplanungen seien einfach falsch.

An der Grundtendenz ändern offenbar auch aktuelle Phänomene wenig bis nichts. Insgesamt gehen die Einwohnerzahlen in Brandenburg zurück. 1990 gab es mehr als 2,6 Millionen Einwohner, jetzt sind es noch 2,4 Millionen. Der Bevölkerungsrückgang vor allem wegen der nach der Wende abgestürzten Geburtenrate kann durch Flüchtlinge punktuell aufgehalten, aber nicht beendet werden. Eine Bedeutung hat diese Tatsache in der Debatte um die Kreisgebietsreform. Die Opposition verweist auf aktuell ermittelte höhere Geburtenraten und schließt daraus, dass die Grundlagen für die Reform erschüttert seien. SPD und LINKE dagegen beharren, dass die Gesamtannahme nicht verändert werde, wenn in den Landkreisen jetzt einige Dutzend Kinder mehr geboren werden als ursprünglich angenommen. Die Statistikspezialisten teilten mit, dass ihre Mühlen auch in hektischen Zeiten nicht schneller mahlen. Die Werte von 2016 können frühestens im Herbst 2018 aufbereitet zur Verfügung stehen.

Während bis 2009 mehr Menschen Brandenburg verlassen haben, in der Regel auf der Suche nach einem Arbeitsplatz, zogen seit 2010 mehr Menschen zu als weg. Allerdings konzentriert sich der Zustrom auf zehn Prozent der Fläche. Die übrigen Regionen veröden weiter.

Wenn neuerdings weniger Jugendliche wegziehen als früher, so auch deshalb, weil durch den Geburtenrückgang überhaupt nur noch wenige junge Menschen da sind.

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