Als MTV den Ton angab

Freitags Wochentipp: In der Dokumentation »Die Hit-Maschine« lässt Arte die 90er Jahre aufleben

Im Jahr 1998 war das Leben am Bildschirm noch geordnet. Auf MTV und Viva sangen Boygroups von Girls und Girlgroups von Boys. Linda de Mol arrangierte heteroherrliche »Traumhochzeiten« und Homosexuelle gab es in exakt vier Aggregatszuständen: Tunte, Tunte, Tunte oder gar nicht. So gesehen, war die US-Serie »Will & Grace« nicht nur ein Format mit schwuler Hauptfigur, es war ein TV-Beben. Dieser Will hatte zwar so seine Probleme mit dem Coming-out, zeigte sich allerdings 194 Folgen lang als leicht überspannter, ansonsten recht gewöhnlicher Mitbewohner seiner Ex Grace.

Was es uns da sagen könnte, dass NBC vorige Woche die Fortsetzung in gleicher Besetzung angekündigt hat? Außer der puren Freude: nix! Elf Jahre nach der letzten Staffel sind Homosexuelle überall präsent, aber selten tuntig, also ganz schön normal. Was weniger normal ist? Alles andere. Mittlerweile gibt es ja halbkybernetische Fernsehgeschöpfe wie Helene Fischer, der die »NDR Talk Show« am Freitag so tief ins Zentrum ihres Verbrennungsmotors kroch, dass der sein neues Album mit gleich fünf Songs vermarkten durfte und zwischendurch im Kreise lobhudelnder Hofschranzen saß.

Mittlerweile gibt es aber auch vollkybernetische Webstars wie Bibi, deren Youtube-Kanal Abertausende Mädchen zu Sexobjekten schminkt. Selbst ein drastisch missratenes Musikvideo steigert ihren Umsatz da nur noch weiter, vom fabelhaften Ulk des »Postillion«, der »IS« habe sich zu dem Clip bekannt, ganz zu schweigen. Ach ja - was es mittlerweile auch gibt: Milliardäre, die Sport kaufen wie kleine Mädchen Bibis PR-Produkte. Einer davon ist der US-Investor Leonard Blavatnik. Er hat gerade die Übertragungsrechte an der Champions League ersteigert, weshalb Spitzenfußball ab 2018 nur auf der PR-Plattform Dazn (und Sky) zu sehen ist. Das Free-TV geht leer aus.

Das erinnert an 2009. Damals wanderte ein Kanal ins kostenpflichtige Kabelangebot ab, der die Popkultur geprägt hatte wie zuvor nur Vinyl und danach das Internet: MTV. Ohne konkreten Anlass erinnert Arte Freitag um 21.50 Uhr an Aufstieg und Fall des Musiksenders. Vom allerersten Clip am 1. August 1981 (»Video Killed The Radio Star«) bis zur hinterletzten Reality-Show (»my super sweet 16«) von heute schwelgt die französische Doku im Vergangenen und beklagt im Kreise diverser Zeitzeugen, was daraus geworden ist.

Dabei widerstehen die Regisseure Laurent Thessier und Tierry Teston der wohlfeilen Versuchung, bloß tolle Videos und Teaser aus den ersten drei (sehr erfolgreichen) Jahrzehnten abzuspielen. Das tun sie auch. Vor allem aber wird »Die Hit-Maschine« als das skizziert, was sie war: ein Geschäftsmodell, das, anfangs von bilderstürmendem Feuer entfacht, zusehends den Mechanismen der Marktwirtschaft gehorchen musste. Als reines Rendite-Instrument jedoch versank sie spätestens 2009 in der Bedeutungslosigkeit. Das macht die 55 Minuten zwar ungeheuer trist, aber eben auch nostalgisch schön. Besonders für die Jugendlichen von damals.

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