Dies Requiem darf nicht enden

Gennadi Roshdestwenski dirigierte in Dresden die Ecksinfonien von Schostakowitsch

Das Programm ist ein Bogenschlag. Die Bilder ähneln sich und divergieren zugleich. Vorzüglich die Weise, wie die Sächsische Staatskapelle unter Gennadi Roshdestwenski dies zu verdeutlichen wusste. Die Veranstalter der Schostakowitsch-Tage in Gohrisch hatten den berühmten Dirigenten geladen zu einem Sonderkonzert, der Eröffnung des Festivals. Die Semperoper war bis zum vierten Rang hinauf brechend voll. Gespielt wurden die 1. und die 15. Sinfonie. 1 zu 15, das ist kein Hinaufgang, das ist ein Abstieg im sozialen Sinn.

Die 1. Sinfonie schrieb Schostakowitsch, als er 19 war und Student. Das Stück, seine Diplomarbeit, hat traditionell vier Sätze, schöpft aus dem Fundus des russischen Symphonismus und ist doch höchst gewitzt und experimentell geformt. Mit der Klassik und gegen sie. Ein junger, stürmischer Geist, affiziert von den Revolutionsidealen, führte die Feder. Die Uraufführung dirigierte 1926 Nikolai Malko mit den Leningrader Philharmonikern, der junge Tonschöpfer war höchst zufrieden mit ihr. Weitere sowjetische Aufführungen folgten. Das Stück wurde mit einem Schlag berühmt. Bruno Walter dirigierte es 1927 in Berlin, Sergej Kussewizki ein Jahr darauf in Philadelphia. 1931 nahm sich sogar Arturo Toscanini, Bewahrer von Tradition, seiner an. Alban Berg hatte diese 1. Sinfonie in jenen Jahren gehört und drückte dem Komponisten brieflich seine Anerkennung aus, wiewohl die Schönbergianer solche Musik längst hinter sich hatten. Aber das hohe Handwerk wurde bemerkt, die Kühnheit, aus Tradition, Tonlagen der Zirkusmusik, der Estrade und Gebärden der Filmbegleitung eine neue sinfonische Sprache zu entwickeln.

Der Bogenschlag von 1925 zu 1971 verhält sich wie der der Revolution zur Stagnation. Das wurde überdeutlich unter Gennadi Roshdestwenski. Der hat auch mal mit den jeweils 4. Sinfonien von Tschaikowski und Prokofjew historische Distanzen veranschaulicht, bei einem Konzert vor Jahren in Berlin mit dem Konzerthausorchester. Auch das interessant, zumindest musikalisch.

Im Dresdner Konzert indes ging es um andere, politische Beträge. Die 1. Sinfonie ist noch komponiert aus dem Geist der Revolution. Die 15. ist hingegen ein Werk der Trauer. Die Aufführung dauerte unter dem 87-jährigen Roshdestwenski bald eine Stunde. Länger als seine Plattenaufnahme derselben. Dies nicht etwa altersbedingt. Die metrische Ausdehnung steht für Dauer von Elend, Leid und Opfer. Schostakowitsch, obwohl in der Sowjetunion trotz aller Anfeindungen und Drohungen die meiste Zeit über hochgeehrt, ist derlei ausgesetzt gewesen. Das schlimm Erlebte hat er nie vergessen.

In der 15. klingen aber auch das Alter und damit verbunden die Krankheiten des Komponisten mit. Das Chronometer schlägt so regelmäßig, wie der Holzblock und das Xylophon unregelmäßig schlagen. Schmerzerfüllt sind die vielen Soli der Sinfonie. Im Cello-Solopart weinen sich solche Befindlichkeiten in den Tönen der chromatischen Skala aus. Die Gruppe der Fagotte wirkt schroff, ungehalten, fremd. Traurigkeit befällt einen, wenn die Solovioline mit dem Solokontrabass konzertiert, beide in weitem Abstand zueinander. Abläufe im Marcato der Streicher zerbröseln wie die betagte Haut oder, soziologisch gesprochen, wie die alternde, von Symptomen des Verfalls betroffene Gesellschaft.

Am Schluss fallen Bläserchoräle so kurzeitig wie periodisch in die Leerstellen der Sinfonie, sie verzerren sogleich und bringen es nicht mal auf acht Takte. Sinfonische Triumphgebärden finden keine Entfaltungschancen. Sie münden entstellt in Adagio-Teile. Der Schluss der viersätzigen Sinfonie schließt in angsteinflößender Fahlheit. Dies Requiem darf nicht enden. Das ist gemeint und musikalisch wie gedanklich eindringlich verwirklicht worden.

Der am 4. Mai 1931 in Moskau geborenen Roshdestwenski ist beileibe kein reproduzierender Seelenmasseur, sondern einer, der genau sein will, der Stimmen hervorhebt, statt sie zu verschleiern, der den Gehalt des betreffenden Werkes freilegen will. Er studierte bei keinem Geringeren als Lew Oborin Klavier und bei seinem Vater Orchesterleitung. Mit zwanzig debütierte er am Bolschoi mit einem Tschaikowski-Werk. Die Wiederaufführung der vergessenen Oper »Die Nase« von Schostakowitsch in den 70er Jahren geht auf sein Konto. Die gesamte Sinfonik, Orchester- und Konzertmusik des Russen hat er für das Label »Melodia« eingespielt. Heute kursieren die Aufnahmen weltweit.

Roshdestwenski kannte alle bedeutenden russischen Neutöner, voran Denissow, Schnittke, Gubaidulina, Terterjan, Schtschedrin, und führte sie auf. Er, ein Dissident, in Sowjetzeiten? Ein Film über ihn stellt diese Frage. Doch ein Dissident, der alles daransetzte, dass die russisch-sowjetische Kultur nicht erstarre, sondern fortschreite, und gute Bedingungen dafür vorfand, ist keiner.

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