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Bei Liebigs auf dem Sofa

Ray Cooneys turbulente Komödie »Funny Money« im Schlosspark-Theater

  • Von Volkmar Draeger
  • Lesedauer: 3 Min.

Er ist so etwas wie der Koh-i-Noor unter den Luxusdiamanten: der 1932 in London geborene Komödienautor Ray Cooney. Statt »Berg des Lichts« darf er sich »Berg des Spaßes« nennen, denn seine weithin gern inszenierten Stücke bersten fast vor kruden Einfällen, unerwarteten Wendungen und zwingender Un-Logik. Mit »Und alles auf Krankenschein« hatte er am Schlosspark-Theater bereits einen Dauerbrenner gelandet. Der neue »Cooney« könnte das noch übertreffen.

Wesentlich trägt dazu Maria Harpners und Anatol Preisslers Übertragung ins Deutsche bei. Sie verlagert »Funny Money« von London nach Berlin, direkt in die Gegend um Dieter Hallervordens Steglitzer Bühne. Das schafft Lokalkolorit und zusätzliches Amüsement. Regisseur Preissler zieht alle Register, um den Klamauk zu steigern und lässt vergessen, dass die Story stets im Siebziger-Jahre-Wohnzimmer der Liebigs spielt. Dort verkündet das Radio, dass bei der Bundeswehr langes Haar zulässig wird. Ebenfalls vermeldet werden erste Schwulendemos in Schöneberg. Man erinnert sich, auch an Songs der Gruppe Sweet.

In Johannas Aufregung bei der Geburtstagsvorbereitung für den Gatten platzt dieser verspätet herein - und offenbar ganz verdreht. In der U-Bahn hat er versehentlich den Aktenkoffer vertauscht und ist nun im Besitz des unerwarteten Inhalts: 735 000 DM, fein gebündelt in gebrauchten 50-Mark-Scheinen. Das kann nicht gut gehen. In Heinrichs telefonische Buchung einer Barcelona-Reise ohne Wiederkehr platzt die Polizei: Man habe ihn vorhin mehrfach die Herrentoilette der Stammkneipe benutzen sehen, wohl aus unzüchtigen Gründen. Das fordere eine Strafe. Kann Polizist Schlenzig zunächst noch mit Ausreden und Lügen hingetröstet, dann finanziell abgefunden werden, gerät die Lage außer Kontrolle, als zu den Gästen Bettina und Victor ein weiterer Polizist stößt, diesmal ein Kriminalkommissar, der sehr unerfreuliche Botschaft bringt.

Der Besitzer des vertauschten Koffers wurde erschossen und mit steinbeschwertem Körper im Teltowkanal gefunden; den Koffer habe er umklammert, und darin fanden sich - Liebigs Dokumente nebst Butterbrot. Ihr Gatte sei tot, versucht der Beamte der aufgelösten Johanna beizubiegen, und müsse nun im Leichenhaus identifiziert werden. Das lässt den angeblich toten Heinrich zu krimireifer Hochform auflaufen. Im Minutentakt erfindet er neue Verwandte und Verwandtschaftsverhältnisse der Anwesenden und vermeintlich Anwesenden, wird selbst zum Bruder Fritz des Gemeuchelten. Dabei verstrickt er sich und die Anderen in ein Gespinst von Beziehungen und Bezüglichkeiten, macht seine freiwilligen und unfreiwilligen Gäste inklusive des zunehmend gereizt wartenden Taxifahrers zu Mitwissern und Mittätern.

Preissler setzt das so pointiert und mit atemberaubendem Tempo in Szene, dass man gut aufpassen muss, um den sekundenschnellen Personenverwechslungen folgen zu können. Denn obwohl Heinrich den Aktenkoffer voller Geld im Fundbüro abgeben müsste, wünscht man ihm herzlich, er möge ihn behalten dürfen. Seine schlagkräftige Argumentation: So viel Geld kann nur ein Ganove erbeutet haben.

Was ihm erst später aufgeht: Es gibt einen Mörder, der das Geld wollte, nun Heinrichs Adresse kennt und ihn wohl heimsuchen wird. Das bestärkt den bislang eher rechtschaffenen Bürodiener in Fluchtgedanken, die seine Frau partout nicht teilt und sich vor Schreck zuschnapst. Wie sich alles weiter verwickelt und am Ende der Traum vom Leben in Barcelona doch noch in greifbare Nähe rückt, ist sein Eintrittsgeld wert. Zumal hier Komödianten der Sondergüte am Werk sind: Jens Wawrczeck als fuzzeliger Heinrich und Maria Hartmann als aufgelöste Johanna, Anne Rathsfelds sexy mondäne Bettina und Martin Armknechts schnöseliger Victor, Santiago Ziesmer als motzend pfiffiger Taxifahrer, Harals Effenbergs bestechlicher Polizist und Tilman Kuhns dauerverwirrter Kriminaler bieten Höchstleistungen an Textgeschwindigkeit, Körpereinsatz und Rollenwechsel.

Nächste Vorstellungen: 13. bis 16. Juli, Schlosspark-Theater, Schloßstr. 48, Steglitz

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