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»Deshalb greifen sie dich an«

Beratungsstellen informieren junge Opfer rechter Gewalt jetzt zeitgemäß im Internet

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 3 Min.

»Begegnen kannst du ihnen überall - am Bahnhof, am Kiosk, in Schulen, in Jugendclubs, im Bus. Sie bezeichnen sich als national, patriotisch, rechts oder einfach nur als besser. Sie pöbeln, schubsen, schlagen. Sie beziehen sich dabei auf dein Aussehen, dein Verhalten oder deine politische Einstellung. Du passt nicht in ihr rechtes Weltbild, weil du eine andere Herkunft und Hautfarbe hast, weil du eher links denkst, weil du Skater, Punk oder etwas anderes bist, das für sie nicht ›deutsch‹ genug ist. Deshalb greifen sie dich an.«

Auf diese Sätze stößt, wer die Internetseite toolbox-gegen-rechts.de aufruft. Seit Freitag ist sie freigeschaltet. Es ist ein Projekt des Verbandes der Beratungsstellen Betroffener rechter, rassistischer und antisemitische Gewalt in Kooperation mit dem brandenburgischen Verein Opferperspektive. Die Seite sei erstellt worden, um »Jugendliche über ihre Rechte und mögliche Strategien nach einem Angriff zu informieren«, erklärte der Verband am Freitag. Mit der Toolbox werde auf einen »besorgniserregenden Trend« reagiert. Jugendliche werden zunehmend durch Rechte bedroht, beleidigt und körperlich attackiert. 2015 hatte es in Brandenburg 47 Übergriffe auf Menschen gegeben, die 18 Jahre alt oder jünger waren. 2016 stieg die Zahl dieser Übergriffe auf 110. Lag der Anteil der jungen Betroffenen rechter Gewalt vorher nur bei elf Prozent, so stieg er 2016 auf ein Drittel. »Wir gehen davon aus, dass dieser Trend anhalten wird«, bedauert Opferberater Hannes Püschel.

Schließlich sind es gerade junge Menschen, die sich gegen rechte Umtriebe engagieren und damit zu einem bevorzugten Ziel von Neonaziattacken werden.

Ein Informationsheftchen für junge Betroffene rechter Gewalt habe die Opferperspektive schon lange, berichtet Püschel. 2011 sei es bereits in vierter Auflage erschienen. »Doch die Mediennutzung von jungen Leuten hat sich verändert. Wenn man ihnen heute ein Heftchen in die Hand gibt, kommt man sich ein bisschen neandertalermäßig vor«, sagt Püschel. Daher habe man sich für eine Internetseite entschieden, die mobiltelefontauglich sei.

Was ist direkt nach einem Angriff wichtig? Was sind die Vor- und Nachteile einer Anzeige? Das sind zwei der Fragen, die beantwortet werden. Sobald als möglich ein Gedächtnisprotokoll des Vorfalls schreiben, wird geraten. Denn später, beispielsweise als Zeuge vor Gericht, könnten einige Details nicht mehr genau in Erinnerung sein. Ob der Täter bei der Polizei angezeigt und die Presse informiert wird, darüber entscheide das Opfer, heißt es. Das Gespräch sei vertraulich. Die Beratungsstellen sagen allerdings: »Wenn sich niemand wehrt, werden sie nur dreister!« Viele Neonazis vertrauen demnach darauf, nicht zur Rechenschaft gezogen zu werden. Werde die Gewalttat jedoch angezeigt, können sie bestraft werden. Selbst wenn sich der Täter nicht dingfest machen lasse, habe die Anzeige immer noch einen Sinn. Der Gewaltakt finde dann Eingang in die Statistiken.

Die andere Seite der Medaille: »Du zögerst vielleicht, weil du die Rache der Rechten fürchtest? Es ist richtig, dass die angezeigte Person in der Regel erfährt, wer den Tatvorwurf erhoben hat. Das ist unangenehm.« Eine Anzeige habe aber auch eine abschreckende Wirkung. Den meisten Beschuldigten sei klar, dass sich jeder Einschüchterungsversuch negativ auf das laufende Strafverfahren auswirken würde, da die Bedrohung von Zeugen von Polizei und Staatsanwaltschaft ernst genommen werde.

Erklärt wird auf der Internetseite auch, wie ein Gerichtsverfahren abläuft und wer dabei im Gerichtssaal sitzt, wo Prozesskostenhilfe und eine Entschädigung für die medizinische Behandlung beantragt werden kann, wie Schmerzensgeld zu erlangen ist.

Dargelegt werden außerdem das Für und Wider von Pressearbeit. Wenn Journalisten über rechte Gewalt berichten und ein Opfer porträtieren, so könnten Kommunalpolitiker nicht mehr den Eindruck erwecken, dass es in ihrer Gemeinde keinen Rechtsextremismus gebe. Allerdings werde das Opfer nach einem Zeitungsbericht oder einer Radiosendung für einige Zeit zu einer öffentlichen Person, und dies könne unangenehm sein. Die Internetseite enthält Links zu Beratungsprojekten wie Lobbi in Mecklenburg-Vorpommern oder Reach Out in Berlin.

toolbox-gegen-rechts.de

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