Peripherien

Annotiert

  • Von ⋌Rainer Holze
  • Lesedauer: 2 Min.

Die Zeitschrift mit dem sperrigen Titel »Arbeit - Bewegung - Geschichte« widmet sich lobenswerterweise diesmal »den Rändern der Revolution«, der Marginalisierung und Emanzipation im europäischen Revolutionszyklus ab 1917. »Es waren politisch, sozial und kulturell marginalisierte Gruppen, die ab 1917 vehement mit ihren Bedürfnissen und Forderungen die Bühne betraten«, begründen Axel Weipert und Fabian Bennewitz in ihrem Eingangsstatement.

Der Triumph der Russischen Revolution vor 100 Jahren inspirierte auch Revolutionäre und Aktivisten, die zum Marxismus zunächst auf Distanz standen, konstatiert Arturo Zoffmann-Rodrigez, der sich mit der anarchosyndikalistischen Confederacion Nacional del Trabajo (CNT, Konföderation der Arbeit) befasst. Innerhalb dieser bildete sich eine bolschewistische Fraktion heraus, die Kommunisten-Syndikalisten, die bemüht waren, ihre Prinzipien wie die Autonomie der Gewerkschaften mit bolschewistischen Positionen zu vereinen. Marcel Bois beschäftigt sich mit der Berliner Künstlervereinigung »Arbeiterrat für Kunst« sowie der Land besetzenden Wiener Siedlungsbewegung. Die Kontakte der beiden Gruppen zu den russischen Avantgardisten hätten sich als sehr fruchtbar erwiesen. Peter Haumer sieht in der zu Beginn der österreichischen Revolution 1918/19 gegründeten Föderation Revolutionärer Sozialisten »Internationale«, welche die Idee der Räteorganisation verfocht, eine Vorläuferorganisation der Kommunistischen Partei Deutsch-Österreichs. Ruedi Epple wiederum untersucht, welche Rolle die Geschlechterfrage bei der Gründung des »Gartenhofs« - einer Kombination von Settlement und Bildungseinrichtung im Züricher Arbeiterquartier Aussersihl - 1922 spielte. Er widmet sich vor allem dem Theologieprofessor und Pfarrer Leonhard Ragaz, einem wichtigen Vordenker der christlich-sozialen Bewegung im globalen Revolutionszyklus.

Wie wichtig die Rolle der Landarbeiter während der irischen Revolutionsperiode 1916 bis 1923 war, zeigt Terence M. Dunne sehr anschaulich auf. Besondere Aufmerksamkeit verdienen auch die von Christoph Jünke vorgetragenen differenzierten Thesen über das Verhältnis der Bolschewiki zur Demokratie. Der Historiker, der in diesem Jahr die Anthologie »Marxistische Stalinismus-Kritik im 20. Jahrhundert« (VSA-Verlag, Neuer ISP, 616 S., geb., 24,80 €) herausgab, setzt sich mit der weit verbreiteten Sichtweise auseinander, dass der Sieg der Sowjetmacht in Russland bereits den Keim ihrer Unterordnung unter die Parteidiktatur beinhaltet habe und die Forderung des Roten Oktobers »Alle Macht den Räten« von Anfang an eine Illusion gewesen sei.

Rainer Holze

Arbeit - Bewegung - Geschichte. Zeitschrift für historische Studien. 195 S., br.,14 €. Bestellung: Metropol Verlag, Ansbacher Str. 70, 10177 Berlin bzw. veitl@metropol-verlag.de

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