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Städtebauliches Verbrechen Nummer 69

An der Warschauer Brücke in Friedrichshain hat das nächste Shoppingcenter eröffnet

  • Von Nicolas Šustr
  • Lesedauer: 3 Min.

»Damit hat das städtebauliche Verbrechen Nummer 69 eröffnet«, kommentiert LINKE-Stadtentwicklungsexpertin Katalin Gennburg die Betriebsaufnahme der East Side Mall, des 69. Shopping-Centers der Hauptstadt an diesem Mittwoch. Auf rund 30 000 Quadratmetern an der Warschauer Brücke ballen sich nun rund 100 Läden, Imbisse, Restaurants, Supermärkte und ein Fitnessclub. Außerdem beherbergt der Einkaufsklotz 760 Parkplätze.

»Ich will nicht sagen, Mediaspree hat gewonnen gegen die Initiative«, erklärt Jan Heidelmann vom Immobilieninvestoren FREO bei der Pressekonferenz am Vortag der Eröffnung. Doch eigentlich scheint das seine Sichtweise zu sein im Hinblick auf den von seinem Unternehmen verantworteten Bau. »Ich glaube nicht, dass wir noch ein weiterer Fremdkörper sind«, sagt Heidelmann noch. Soll wohl sagen, dass angesichts der gesamten Bebauung auf dem Gelände des ehemaligen Ostgüterbahnhofs dieser Klotz den Braten auch nicht mehr fett macht.

Schon vor zwölf Jahren öffnete die große Mehrzweckhalle ihre Tore. Es folgten die Mercedes-Benz-Vertriebszentrale, Hotels, Wohn- und Bürohäuser. Vor gut zwei Wochen folgte noch der Mercedes-Platz, ein Vergnügungsviertel aus der Retorte mit weiteren Hotels, Restaurants, einem Multiplexkino, einer Bowlingbahn sowie einer zusätzlichen Konzerthalle. Im Bau oder geplant sind noch weitere Wohn- und Bürohochhäuser der teuren Klasse. Schließlich hat sich der Wert des Geländes seit Übernahme durch die US-amerikanische Anschutz Entertainment Group Anfang des Jahrtausends bis heute etwa versiebzigfacht - auf 7000 Euro pro Quadratmeter.

»Man kann an dieser Stelle der Initiative Mediaspree versenken nur danken, dass sie damals mit großer Weitsicht gezeigt hat, wohin der Hase am Spreeufer läuft«, sagt Gennburg. Ein Trauerspiel sei der erfolgte Ausverkauf der Stadt. »Jetzt muss es darum gehen, derartige Bauvorhaben künftig systematisch zu verhindern«, so die Abgeordnete. Ganz konkret nennt sie die Planungen um den umstrittenen Bebauungsplan Ostkreuz an der Rummelsburger Bucht sowie den Checkpoint Charlie. »Wir müssen schließlich zeigen, dass unter Rot-Rot-Grün ein Paradigmenwechsel stattgefunden hat«, ist Gennburg überzeugt.

Nach der großen Mobilisierung gegen die weitere Zerstörung der Hinterlandmauer der East Side Gallery im Jahr 2013 flaute der Protest gegen die städtebauliche Entwicklung des Areals allerdings ab. »Wir hatten keine Proteste, keine Farbbeutel, keinen Vandalismus gehabt«, berichtet Heidelmann. »Uns ist allerdings abgeraten worden, einen Fuß aufs RAW-Gelände zu setzen.« Konkret hatte der Manager, der selber Skater war, überlegt, die dortige Skatehalle zu sponsern. Man werde nun versuchen, in Kontakt mit Vereinen und Initiativen zu kommen. Große Sorgen macht er sich nicht um das Center. »Vielleicht kommt der Schwarze Block zur Eröffnung und räumt die Regale leer«, scherzt er.

Ganz von selbst läuft es angesichts des expandierenden Onlinehandels für Einkaufszentren jedoch nicht mehr. Leerstand ist immer öfter zu sehen. Und auch die East Side Mall konnte bisher nur rund 90 Prozent der Flächen vermieten. Besonders schlecht soll es laut rbb-Informationen im vor sechs Wochen eröffneten Schultheiss-Quartier in Moabit laufen.

»Ich fordere eine Abrissprämie für Shoppingcenter«, sagt Gennburg. »Denn wir brauchen die Flächen für eine kluge Stadtentwicklung.« Kleinteiliger Einzelhandel in den Erdgeschossen, dazu noch soziale Infrastruktur wie Kindergärten, Turnhallen oder Stadtteilzentren und darüber Wohnungen, so könnte man die Flächen ihren Vorstellungen nach viel sinnvoller nutzen. »Wir können uns Einkaufszentren einfach nicht mehr leisten«, ist sie überzeugt.

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