Dankbarkeit ist erlaubt

Best of Menschheit, Folge 13: Flaschenpost

  • Von Tim Wolff
  • Lesedauer: 3 Min.

Der Mensch, der alte Sauhund, hat in seinen paar Tausend Jahren Zivilisation einiges getan und geschaffen, um mächtige individuelle Spuren zu hinterlassen. Mit dem höheren Bewusstsein, das vor allem ein Bewusstsein der Sterblichkeit ist, kam die Arroganz und Dreistigkeit, der Nachwelt etwas mitgeben zu wollen, die Ergüsse des Ichs zu einer Instanz für die Nachgeborenen zu machen. Jede Vermutung, jeder Glaube, jede Erkenntnis hat die Chance, zur Welterklärung oder -erschaffung zu werden, wenn die Niederschrift gelingt und die Vermutungen, der Glaube und die Erkenntnisse anderer die Zeit nicht überdauern. Das alte Rom etwa ist vor allem das Rom Ciceros. Und Geschichte vor allem das Missverständnis, Männer wüssten, was sie tun oder getan haben.

Wenn wir jetzt also dahingerafft werden von Viren, dem Artensterben oder dem Klimawandel (beziehungsweise von allem zusammen, als verschiedenen Ausprägungen des spätkapitalistischen Sturzes in das, was Marx »Barbarei« nannte), dann haben wir, die wir Kolumnen schreiben, in Druckwerken veröffentlichen und was sonst noch so bleiben könnte, wenn die Server ausgefallen sein werden, dem ein oder anderen versprengten postapokalyptischen Menschenhäuflein Wahrheiten zu übermitteln. Es ist Zeit für Flaschenpost - und es macht die nun aus Homeofficeköpfen sprudelnden Feuilletons und Meinungen der üblichen »Kommentarwichsmaschinen« (Max Goldt, der es aber hinterher nicht mehr gesagt haben wollte) viel erträglicher, wenn man sich vorstellt, eine Mad-Max-Gesellschaft bezöge ihr Wissen über die Vergangenheit ausschließlich aus diesen.

Ach, was wäre es ein Trost dafür, bald sterben zu müssen, wenn man sicher sein könnte, dass irgendwann einmal irgendwo posthistorische Historiker nur das über Deutschland vor Corona wüssten, was Malte Lehming vom »Tagesspiegel« von sich gegeben hat: »Deutschland in der Coronakrise: Warum wir Schröder und Merkel dankbar sein müssen«. Diese Überschrift allein lässt so viel herrlich Verstiegenes und Dämliches erahnen, dass man mit dem Artikel die Donnerkuppel tapezieren will.

»Die deutsche Wirtschaft ist solide, die Arbeitslosigkeit gering, bis vor kurzem sprudelten die Steuereinnahmen, der Haushalt kam ohne Neuverschuldung aus. Das hat zwei wesentliche Ursachen: zum einen die Agenda-2010-Reformen der Schröder-Regierung, zum anderen der strikte Sparkurs der Merkel-Regierungen.« Ja, genau so war es, wird ein muskelbepackter Unmensch ausrufen, bevor er für drei Tropfen Wasser Leute erschlägt. »Die Wettbewerbsfähigkeit des Landes schien zunehmend gefährdet zu sein durch relativ teure Produkte und stark belastete Sozialsysteme. In dieser Lage riskierte Schröder alles.« Oh, was werden die Augen schmutziger Kinder groß werden, wenn sie gespannt den Lehming-Geschichten des zahnlosen Spinners an der brennenden Öltonne zuhören. »Die gesellschaftlichen Folgen - Montags-Demonstrationen, Abspaltung von Oskar Lafontaine - kosteten Schröder das Amt. Aber die wirtschaftliche Entwicklung gab ihm recht.« Die Abspaltung Oskar Lafontaines als gesellschaftliche Folge, kein Wüstenunmensch wird ahnen, welch Schwachsinn das war.

Sie werden dem Lehming, dem großen Malte huldigen, dem Erdenker der Sätze: »›Spare in der Zeit, dann hast Du in der Not.‹ Wie wahr dieses Sprichwort ist, wird in der Coronakrise offenkundig. Deutschland ist durch Schröders Reform- und Merkels Sparpolitik in der Lage, groß zu denken und groß zu handeln. Darauf stolz zu sein, verbietet sich in der Krise. Aber Erleichterung und Dankbarkeit sind erlaubt.« Erleichterung ist in diesen Tagen ein selteneres Gut als Toilettenpapier. Seien wir also der Flasche Malte Lehming dankbar, dass er diese Post in eine ungewisse Zukunft geworfen hat.

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