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Der Trieb der sanften weißen Männer

Isabel Figueiredo entblättert Mythen der portugiesischen Kolonialherrschaft

  • Lesedauer: 9 Min.

Manuel hat sein Herz in Afrika gelassen. Ich kenne auch Leute, die dort zwei Pkws gelassen haben oder einen Geländewagen, einen Lieferwagen, einen Bus, zwei Häuser, drei machambas und dazu ein schon in Meticais konvertiertes Konto bei der »Banco Nacional Ultramarino«. Wer hat nicht schon einmal seine diversen Herzen irgendwo zurückgelassen?

Die Weißen gingen zu den Negerinnen. Die Negerinnen waren alle gleich, und die Männer unterschieden eine Madalena Xinguile nicht von einer Emília Cachamba, außer vielleicht durch die Farbe ihrer capulana, des Wickelrocks, oder die Form ihrer Brüste ; die weißen Männer aber stiegen tief ins Schilf, ob sie dort nun etwas zu tun hatten oder nicht, zu den Fotzen der Negerinnen. Die Männer waren Abenteurer, echte Kerle. Die Negerinnen hatten weite Fotzen, sagten die Frauen der Weißen sonntags nachmittags im vertrauten Gespräch unterm großen Cashewbaum, den Bauch vollgestopft mit gegrillten Garnelen, während die Ehemänner zu ihren Touren aufbrachen und ihre Frauen zurückließen, damit die ihrer Zunge freien Lauf lassen konnten, denn die Frauen brauchten das, sie mußten voreinander ordentlich lästern. Die Negerinnen hatten weite Fotzen, die weißen Frauen aber sagten »da unten« oder »die Scham« oder »das Geschlecht«. Die Negerinnen hatten weite Fotzen, und das erklärte, weshalb sie ihre Kinder auf diese besondere Weise bekamen, mit dem Gesicht nach unten, ganz der Erde zugewandt, wo auch immer, wie die Tiere. Die Fotze war weit. Die der weißen Frauen nicht, die war eng, weil die weißen Frauen kein leicht zu erlegendes Wild waren, denn zu der geheiligten Fotze der weißen Frauen war nur der des Ehemanns vorgedrungen, und auch das nur selten und unter Mühen ; sie waren sehr eng , folglich sehr ehrbar, und das sollten die anderen ruhig wissen. Sie beschränkten sich auf die Erfüllung ihrer ehelichen Pflicht, stets unter Opfern, weswegen der Koitus schmerzhaft und zu vermeiden war, und eben deshalb gingen die Weißen zu der Fotze der Negerinnen. Die Negerinnen waren nicht ehrbar, die Negerinnen hatten weite Fotzen, und sie stöhnten laut, denn diese Schlampen mochten das. Sie waren eben nichts wert. Die weißen Frauen waren ehrbare Frauen. Was für eine Bedrohung stellte eine Schwarze schon für sie dar ? Welchen Unterschied gab es denn zwischen einer Schwarzen und einem Karnickel? Welcher Weiße nahm die Kinder einer Schwarzen schon als seine eigenen an? Wie wollte so eine aus dem Schilf dahergelaufene barfüßige Schwarze mit ihren hängenden Brüsten, die gerade mal sagen konnte, ja, Chef, klar, Chef, Geld, Chef, die keinen Personalausweis und keinen Paß hatte, wie also wollte die beweisen, daß der Brotgeber der Vater ihres Kindes war ? Welche Negerin legte es schon darauf an, versohlt zu werden ? Wie viele Mulatten kannten denn ihren Vater?

Die weißen Männer also gingen ins Schilf und spendierten der Schwarzen, die ihnen gerade gefiel, ein Bier, etwas Tabak oder ein paar Meter Stoff für ihren Wickelrock. Wohl oder übel. Danach knöpften sie ihren Hosenschlitz wieder zu und verschwanden in den ehrbaren Häusern ihrer Familie. Wie sollte jemand also wissen, woher sie kamen und wie sie hießen ? Die Weißen hielten ihre Frauen irgendwo im Zentrum der Stadt oder in der Hauptstadt. Und dorthin verschwanden auch sie. Die sexuellen Streifzüge im Schilf verdüsterten ihre Zukunft nicht, denn eine Schwarze klagte keine Vaterschaft ein. Niemand würde ihr glauben.

Ein Weißer aber konnte, sofern er es wollte, eine Schwarze heiraten. Diese würde die soziale Leiter emporsteigen und irgendwann akzeptiert sein, unter Vorbehalt zwar, doch akzeptiert, denn sie war die Frau von Simões, und aus Respekt vor Simões … Das war häufig der Fall bei den Wirten der cantinas draußen und den machambeiros, den Besitzern von Feldern, weit außerhalb der Stadt, Männern, die abseits der ordentlichen Kolonialgesellschaft lebten und früher oder später selbst zu Kaffern wurden. Ging eine Weiße hingegen ein Verhältnis mit einem Schwarzen ein, so bedeutete dies ihre gesellschaftliche Ächtung. Ein schwarzer Mann nämlich, mochte er noch so kultiviert sein, wäre nie kultiviert genug.

Mein Vater geriet regelmäßig außer sich, wenn er, nach der Nelkenrevolution schon, in Portugal eine Weiße mit einem Schwarzen sah. Er starrte die Paare an, als wären sie der Leibhaftige. Ich sagte ihm, hör auf zu glotzen, was geht das dich an? Er gab mir zur Antwort, daß ich eben nichts wüßte, daß ein Neger eine Weiße nie so gut behandeln würde, wie sie es verdiente. Es war ein anderes Volk. Eine andere Kultur. Hunde. Ah, das verstünde ich nicht. Ah, das begriffe ich nicht. Ah, ich wäre eben Kommunistin. Wie hatte aus mir nur eine Kommunistin werden können ?

Ficken. Mein Vater fickte gern. Ich selbst habe es nie gesehen, doch man sah es. Jemand, der meinen Vater genau beobachtet hätte, seine Augen, die zur selben Zeit lächelten wie der Mund, die virile Sinnlichkeit seiner Hände, Arme, Füße, Beine … Jemand, der mit angehört hätte, wie schlagfertig und sarkastisch mein Vater antworten konnte, und dem der allgegenwärtige und zweifelhafte Humor dieses Riesen aufgefallen wäre, der hätte auch bemerkt, daß dieser Mann gerne fickte. Ich wußte es nicht und wußte es irgendwie doch. Wenn mein Vater mich in die Luft hob, als wäre ich ein Ding, oder mich huckepack trug, fühlte ich mich dieser vollkommenen Kraft gegenüber schwach, von ihr beherrscht, ja besessen. Bis zu meinem siebten Lebensjahr habe ich nie etwas von diesem Ficken bemerkt, oder vielmehr nichts davon bewußt wahrgenommen. Ich hatte keine Ahnung , wie es zur Fortpflanzung kam. Selbst als ich schon viel älter war, dachte ich, die Kinder würden geboren, weil Frauen und Männer eben heirateten und Gott die Frauen in diesem Augenblick mit einem Baby »versah«. Ich sagte nicht »schwanger«, denn ich kannte das Wort nicht, und als ich es doch erstmals benutzte, bekam ich eine Ohrfeige von meiner Mutter, damit ich lernte, keine unanständigen Wörter zu gebrauchen. Die Sexualität meines Vaters war etwas, das mir erst dämmerte, als ich älter als sieben Jahre war. Zu einer bestimmten Zeit nachts hörte ich, wie meine Eltern die Tür zu ihrem Schlafzimmer schlossen und meine Mutter zu weinen schien. Es kam eine Nacht, in der ich aufstand, an ihre Türe klopfte und ängstlich bat: »Mach das nicht mit der Mama!« Ich wußte nicht, was sie taten und weshalb meine Mutter dabei so sehr litt, doch ich wollte es nicht zulassen, schon gar nicht, wenn es von den Händen meines Vaters ausging, und ich begriff nur, daß es, was immer es war, jedenfalls nicht gesund sein konnte, wenn es hinter verschlossenen Türen geschah.

Später tauchte ein dickes Buch unter dem Bett meiner Eltern auf. Es stammte von einem gewissen Dr. Fritz Kahn, und im Titel gab es das Wort »Geschlecht«. Als ich es aufschlug, sah ich, daß es Bilder von nackten Frauen und Männern enthielt, mit Schambehaarung und gut sichtbaren Geschlechtsorganen. Es hatte unglaublich anstößige Illustrationen, die ich hier nicht weiter schildern will. Ich las das Buch im Bett meiner Eltern, quer darauf liegend, das Kinn aufgestützt am Rand der Matratze, und ließ die Arme nach unten baumeln, um auf dem Boden umblättern zu können. Wenn ich die Schritte meiner Mutter hörte, ließ ich den verbotenen Band unter dem Bett verschwinden und tat so, als läse ich gerade ein ganz anderes, harmloses Buch. Ich hatte alles durchdacht, und doch muß es ihnen aufgefallen sein, denn von einem gewissen Zeitpunkt an lag besagter Fritz Kahn nicht mehr unter dem Bett meiner Eltern, und ich hatte einige Mühe, ihn, gut versteckt, im Kleiderschrank wiederzufinden. Das Buch aus dem Kleiderschrank zu holen und es anschließend erneut zu verstecken barg ein größeres Risiko. Trotz der Schwierigkeiten aber las ich es ganz - meine Mutter hatte im Garten viel zuviel zu tun - und gewann den Eindruck, daß Sex eine mühevolle Angelegenheit war, vielleicht sogar eine Sauerei, wenn es dabei auch interessante Möglichkeiten auszuloten gab.

Den größten Schock, der die bewußte Wahrnehmung der Sexualität meines Vaters für mich war, erlitt ich an dem Tag , da ich mit eigenen Augen einer damals Zehnjährigen sah, wie er scharf wurde auf ein vorbeigehendes junges Mädchen und ihr ein Kompliment hinterherrief. Es geschah an der Tankstelle am Ausgang von Lourenço Marques, gleich nach der Abzweigung, von wo man die Straße nach Matola nahm. Ich sehe ihn draußen vor dem Lieferwagen stehen und, den Arm aufs Fenster gestützt, darauf warten, daß der Schwarze kommen und Benzin einfüllen würde - und dazu diese Blamage. Wie schämte ich mich ! Mein Vater! Wie schämte ich mich! Meine Mutter behauptet, immer vollkommen im Bilde gewesen zu sein, wenn er etwas mit anderen hatte. Doch sie tat, als ob sie es nicht wüßte, und schwieg. Was hätte sie anderes tun sollen?!

Einmal, erzählte sie mir, sei die Polizei zu ihnen nach Hause gekommen und habe ihn gesucht, um ihn zu einem bestimmten Fall zu vernehmen, in dem er in einem Einfamilienhaus elektrische Leitungen verlegt und sich dabei mit der Besitzerin eingelassen hatte, einer verheirateten Frau. Ich stelle mir das Gesicht meiner Mutter und das des Polizisten vor. »Entschuldigen Sie, gnädige Frau, wir wollten Ihrem Mann ein paar Fragen stellen, es liegt eine Klage gegen ihn vor.« Und auch ihn sehe ich vor mir, lächelnd, verführerisch, eitel, wie er der Dame gegenüber, die allein zu Hause ist, anzügliche Bemerkungen macht. Sie konnte ihn durchaus ermuntert und er sich zu weiterem Vorgehen berechtigt gefühlt haben, man wird es nie wissen. Oder, schlimmer noch, er war ohne ihre Ermunterung vorgeprescht. Da ich meinen Vater kenne, erscheint mir dies jedoch weniger wahrscheinlich. Er mochte die Frauen, liebte die Zweideutigkeiten, wenn er sich mit ihnen unterhielt ; er genoß das Spiel der Verführung, und es wird wohl eher so begonnen haben. Jedenfalls will ich glauben, daß es sich so abgespielt hat. Diesmal aber war etwas schiefgegangen.

Isabela Figueiredo:
Roter Staub. Mosambik am Ende der Kolonialzeit
Aus dem Portugiesischen von Markus Sahr
Weidle Verlag, 172 S., kt., 23,00 €

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