Wasserfest fällt aus

Myanmar fürchtet das Coronavirus

Nur 39 Corona-Infizierte weisen die jüngsten offiziellen Zahlen aus Myanmar aus. Gleich zehn davon kamen allerdings in den letzten 24 Stunden dazu. Immerhin von 62 Infektionen spricht in seinen Übersichten das renommierte Onlineportal Worldometer, das mit der Johns Hopkins Universität in den USA kooperiert. Vier Tote gibt es bisher. Noch am 16. März, als das benachbarte China bereits über 80 000 Fälle zählte und immer mehr Länder Lockdown-Maßnahmen verhängten, gab es in Myanmar keinen bestätigten Fall einer Corona-Infektion. Das jedenfalls behauptete bei einer Fernsehansprache Aung San Suu Kyi, die faktische Regierungschefin des südostasiatischen Staates.

Wie verlässlich diese öffentlich kursierenden Zahlen sind, lässt sich schwer sagen - Testmöglichkeiten im Land mit 54 Millionen Einwohnern sind überschaubar. So waren erst 214 Personen getestet, als es am 23. März mit Heimkehrern aus den USA und Großbritannien die ersten beiden bestätigten Positiv-Fälle gab. Zwar hatte die Regierung als Vorkehrungsmaßnahme schon im Februar die 2100 Kilometer lange Grenze mit dem großen Nachbarn China geschlossen. Seither kommen auch chinesische Waren nur noch mit großen Schwierigkeiten ins Land - wichtige Lieferketten in der lokalen Wirtschaft sind unterbrochen, damit Tausende Jobs gefährdet.

Die wochenlangen Beteuerungen, das Land sei noch virusfrei, hätten der Bevölkerung ein falsches Gefühl der Sicherheit vermittelt, kritisierten Experten schon Ende März. Immerhin versucht die Regierung, die Einhaltung von Schutzmaßnahmen konsequent zu überwachen. Wer Quarantänecenter vorzeitig verlässt, wird ebenso bestraft wie ein Busgesellschaft, die eine behördliche Anordnung unterlief, dass Busse nur noch zur Hälfte besetzt werden dürften. Ein Bräutigam wurde zu sechs Monaten Haft und einer Geldstrafe von circa 270 Euro verurteilt, weil er verbotenerweise mit der Hochzeit eine Massenveranstaltung abhielt, berichtete das Nachrichtenportal The Irrawaddy.

Selbst die verschiedenen Rebellengruppen helfen derzeit in den von ihnen kontrollierten Gebieten, Schutzmaßnahmen einzuhalten. Sie stoppen zurückkehrende Arbeitsmigranten an der Grenze zu Thailand oder geben in Dörfern Hygienetipps - dort gibt es teilweise nicht einmal Seife. Ärzte und andere Experten verwiesen bereits vor den ersten offiziellen Fällen auf das äußerst rudimentäre Gesundheitssystem, das gerade bei mehr Fällen in klinischer Behandlung ganz schnell überfordert sei. Internationale NGOs und Firmen haben den Großteil ihres Personals im Land heimgeholt, derzeit gibt es bis vorerst Monatsende ein Landeverbot für aus dem Ausland kommende Flüge. Offiziell abgesagt sind auch die Feierlichkeiten zum diese Woche laufenden Neujahrs-Wasserfest Thingyan. Ob das Verbot eingehalten wird, muss sich erst noch zeigen.

Am gefährdetsten im Land sind allerdings die Zehntausenden von Binnenflüchtlingen, die von den Kämpfen zwischen Armee und Rebellengruppen aus ihren Heimatorten vertrieben wurden. In den Lagern teilen sich teils 40 Personen eine Toilette, bis zu 600 eine Wasserstelle - massive Risiken für eine Verbreitung des Virus. Noch gravierender ist es über der westlichen Grenze. Dort, in der Region Cox’s Bazaar des benachbarten Bangladesch, hausen sogar 1,1 Millionen Rohingya-Flüchtlinge unter prekärsten Bedingungen. Allein 740 000 Angehörige der muslimischen Minderheit kamen bei der jüngsten Fluchtwelle aus Myanmar aufgrund der brutalen Militäroffensive im Teilstaat Rakhine im August 2017. Hilfsorganisationen befürchten eine Katastrophe, wenn das Virus die Lager erreicht. Bangladeschs Regierung hatte den ganzen Distrikt ab 9. April unter Quarantäne gestellt. Auch Hilfspersonal ist der Bewegungsspielraum nun eingeengt.

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