Licht, Farbe, Struktur

Nicht nur schön, sondern spektakulär: Hiddensee auf den Fotos von Uta-Katharina Gau

  • Thomas Bruhn
  • Lesedauer: 3 Min.

In Zeiten, in denen es um das Reisen nicht gut bestellt ist, weiß man nicht nicht so recht, was zu tun sei. Ein Zufall kommt zu Hilfe. Der Postbote bringt ein Päckchen, darin ein Buch und eine Karte: »Sehr geehrter Herr, würden Sie die Freundlichkeit besitzen und Beiliegendes für unser Blatt besprechen?« Erst mal sehn: Ich pelle das Einschlagpapier ab: ein Fotoband über Hiddensee.

Hiddensee? Sehnsuchts- und Urlaubsort seit ewig und drei Tagen. Kenn ich in- und auswendig. Hoch und runter, hin und her, kreuz und quer, per pedes, hoch zu Rad, umsegelt und rundherum gepaddelt. Treues gewaschenes Seelchen: Wenn ich nicht hinfahren kann, kommt Hiddensee zu mir.

Auf dem Umschlag, als Einladung und Entree, der Blick zum Dornbusch, der Hügellandschaft auf der Nordinsel: Totale mit gleißender Sonne. Ein Ausrufungszeichen zuvörderst. Das muss schon sein. Sofort fällt mir Hanns Cibulka ein: »An den Sommertagen liegt der Dornbusch mit seinen kräftigen Konturen wie eine blaue schwebende Hügelkette am Horizont.« Er vergaß hinzuzusetzen: schwebend zwischen dem Blau des Himmels und dem Blau der See.

Ich blättere: Die Fähre auf dem Weg über den gefrorenen Bodden nach Schaprode. Es ist die »Vitte«, ein Schiff, das Eis brechen kann. Bei solchem Wetter die einzig mögliche Verbindung zum Festland, von dem die Insel sonst abgeschnitten bliebe. Letzte Seite: Feuerwerk zu Silvester. Aha, der Band führt den Betrachter durchs Jahr.

Zurück: Keck linst das Schild auf dem Steuerhaus vom Kutter »Willi« im Hafen von Koster über Fischkisten. Fünfzehnte Seite: Umgedrehte Handwagen im Hafen. Das gibt es nur auf dieser Insel. Nun besteht keinerlei Zweifel mehr: Wir sind auf dem söten Länneken. Mit den Wagen bringen Einheimische und Urlauber das Gepäck zum Quartier. Autos gibt’s auf der Insel nicht. Angeber, die den Autoschlüssel auf den Tresen legen, damit auch ja alle die Automarke blitzen sehen, findet man hier nicht. Hier gibt man anders an.

Die Fotografin Uta-Katharina Gau hat sich eine schwierige Aufgabe gestellt: eine unendlich oft beschriebene, gemalte, betanzte und abgelichtete Schönheit in einen kleinen Kasten zu bannen und so zwischen Buchdeckel zu ordnen, dass wir neugierig, in Erwartung einer Überraschung, die nächste Seite aufschlagen. Das ist ihr gelungen. Vieles findet sich, was ich noch nie so sah. Die Aufnahmen verraten den sicheren und eigenwilligen Blick der Künstlerin für den - im wahrsten Sinne des Wortes - einmaligen und unwiederbringlichen Augenblick. Denn nichts anderes ist Fotografie: der gefangene Augen-Blick.

Es hätte ein schöner Band mit nur schönen Bildern werden können. Aber nichts ist auf die Dauer so langweilig wie nur bildschön. Und darum gibt es Aufnahmen voller Spektakel, mit gewaltig dräuenden Wolken, brechenden und zerstiebenden Wellen, Farben, die Unheimliches ahnen lassen, und Strukturen, die die Seele wieder beruhigen. Meine liebsten Bilder sind die von stiller Dramatik. Die Perlen des Bandes, wie die Gartenpforte im Hochland oder die Ansicht des Pfarrgartens in Kloster, auf denen die ewigen Antagonisten Licht und Schatten miteinander eingefangen sind. Zwischen Licht und Schatten liegt eine tiefere Einsicht in den Gang der Welt, eine Spannung, die mich atemlos verweilen lässt.

Ich schlage das Buch zu. Noch einmal Cibulka: »Der Grundton von Hiddensee ist monochrom, ein tiefes meergrünes Blau.«

Die Bücher in meinem Regal sind nach den Namen der Autoren sortiert. Es gibt ein paar Sonderfächer, zum Beispiel eines für Fotobände aus dem Lehmstedt-Verlag und eines für Hiddensee-Lektüre. Ich werde mich entscheiden müssen, wohin ich diesen Band sortiere.

Anruf in der Redaktion: »Ich versuch’s, ich schreib was. Demnächst.«

Uta-Katharina Gau: Hiddensee - Insel im Licht. Lehmstedt, 144 S., geb., 20 €.

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