»Gundam, hochfahren!«

In Yokohama gibt es einen berühmten Comicroboter in Lebensgröße: 18 Meter hoch

  • Von Felix Lill
  • Lesedauer: 4 Min.

In Japan wurde am vergangenen Montag in Yokohma eine riesige Figur eingeweiht. »Gundam, hochfahren!«, hallt ein Befehl durch den sonnenklaren Himmel. Einen Moment später gibt es retrofuturistische Klänge eines Gigantenroboters, der seine Programme startet - oder wie man sich solche Geräusche eben vorstellt. Dann rauscht es, als würden sich Düsen bereitmachen für die nächsten Schritte. Und dann wird getuschelt und gejubelt. Die Journalisten in Yokohama, Japans zweitgrößter Stadt im Süden der Hauptstadt Tokio, schienen hochzufrieden, als sie am Montag diese Echtwerdung eines fiktiven Superstars bezeugten. Applaus toste, später hagelte es Medienberichte im ganzen Land.

Die humanoide Roboterfigur, die da enthüllt worden war, ist 18 Meter hoch und entstammt dem Sciencefiction-Universum »Gundam«, einer der legendärsten Animesagas aus dem im Zeichentrick weltweit höchst einflussreichen Japan. Vor gut 40 Jahren wurde die Geschichte zum ersten Mal im japanischen Fernsehen ausgestrahlt, bald darauf verbreitete sie sich auch in Europa und Amerika. In Japan kommen bis heute neue Staffeln und Spinoffs auf den Markt.

Mit ihren 18 Metern ist die Figur in Yokohama gewissermaßen lebensgroß, beziehungsweise hat sie die Maße von Gundam im Trickfilm. In der Serie geht es um die Verbindungen von Mensch und Roboter - dergestalt, dass die Menschen erst durch Roboter weiterentwickelt werden können.

Aber was heißt »lebensgroß«? Wie soll für einen Roboter aus einer Zeichentrickserie, der ja streng genommen nie gelebt hat, so ein Maßstab gelten? In Japan betrachtet man diese Frage etwas differenzierter. Nur weil etwas aus der fiktiven Welt kommt, ist es keineswegs leblos. Im Gegenteil. Immer wieder werden im ostasiatischen Land die Welt der fantastischen Ideen mit jener der Fakten zusammengeführt. Im Fall der neuen Gundam-Figur, die in einem Freizeitpark steht, kann man gegen eine Gebühr von rund 13 Euro in den Kopf des Giganten klettern, wo man aus dem Cockpit einige Bewegungen der Figur per Knopfdruck oder Schalthebel steuern kann. Wie in der echten Geschichte, wo die Roboter ja auch von Menschen kontrolliert werden.

Der neue Riese in Yokohama dürfte zu einem Magnet des Inlands- und Auslandstourismus werden. Das weiß man von früheren Beispielen. Vor einem Shoppingcenter in Tokio steht schon seit Jahren eine überbordende Figur aus dem Gundam-Imperium, in die man zwar nicht reinklettern kann, die aber schon mit ihren regelmäßigen, minimalen Bewegungen der Extremitäten jeden Tag Besucher begeistert. In einem Freizeitpark in der Präfektur Hyogo, im Zentrum Japans, gibt es seit kurzem eine »lebensgroße« Figur von Godzilla - die liegt auf dem Boden und ist 55 Meter groß. Die restlichen 65 Meter, die zur originalgetreuen Größe von Godzilla fehlen, sollen unter der Erde begraben sein. Man stellt nämlich eine Szene aus dem Film nach, in der das passiert. Hier können Besucher dann ein Ticket in den Körper von Godzilla kaufen und durch die Innereien des berühmten Monsters spazieren.

Nicht nur in Form von Riesenfiguren hebt man in Japan die Fiktion in die Realität. Seit Jahren zeigen auch Museen immer mal wieder Expositionen über beliebte Sendungen wie »Gundam«, wo Besucher das Ganze dann betrachten wie eine fotojournalistische Ausstellung. In Tokio gibt es auch ein Gundam-Cafe, wo Besucher das Essen und Trinken verzehren, das auch in den Sendungen vorkommt. Das bekannteste Beispiel aber ist wahrscheinlich die aus Japan stammende Cosplay-Kultur, die längst weltweit beliebt ist. Da verkleidet man sich als ein Protagonist aus Anime oder Manga und stellt sich damit dann vor, für kurze Zeit in dessen Haut zu schlüpfen. Viele Cosplayer bewundern die Protagonisten ihrer Lieblingsserien so sehr, dass sie ihre allerliebsten Figuren vor Respekt nie nachzustellen wagen würden, weil es ihnen anmaßend erschiene. So werden sie lieber zu ihrer zweitliebsten Rolle - und sind damit dann ihrem Idol aus der Geschichte etwas näher.

Das ist mit deutschen Verwandlungsversuchen zur Faschingszeit nicht zu vergleichen. Es geht tiefer. Es wäre auch zu einfach, das Ganze nur als weltfremde Träumerei abzutun. Eher ist das Gegenteil wahr: das Träumen im Rahmen des Realen bietet Freiheit. Das gilt besonders in Japan, wo die sozialen Rollen für bestimmte Situationen recht klar definiert sind. Ein Dienstleister hat mit einem bestimmtem Vokabular zu seiner Kundin zu sprechen, ein Mädchen erlernt bestimmte Redewendungen, die Jungs eher nicht verwenden. Chefs sprechen anders als ihre Mitarbeiter. In diesem engen Korsett ist eine Flucht ins Fiktive ein Weg in die Freiheit, erstmal ohne Grenzen.

Dafür können auch 18 Meter hohe Statuen nötig sein, die sich bewegen können. Auch wenn sie damit die allermeisten Denkmäler für die wichtigsten Politiker, Wissenschaftler und Schriftsteller deutlich überragen. Aber es geht ja um eine Art Lebensgröße.

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