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Statistiker erkennen keine Übersterblichkeit

Landesamt fehlt für Einordnung der Corona-Todesfälle in Berlin und Brandenburg noch die Basis

  • Von Wilfried Neiße, Potsdam
  • Lesedauer: 3 Min.

In Berlin sind im Zusammenhang mit dem Coronavirus mit Stand vom Montag 821 Todesfälle zu verzeichnen und in Brandenburg 581 Fälle. Eine sogenannte Übersterblichkeit ist derzeit aber nicht sicher nachweisbar. Bei dieser Feststellung berief sich am Montag das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg auf das ihm vorliegende Zahlenmaterial aus der Zeit bis zur 46. Kalenderwoche (9. bis 15. November).

Auch auf mehrfache Nachfrage blieb Dr. Holger Leerhoff bei seiner Darstellung: »Sie können die vorliegenden Werte als Übersterblichkeit interpretieren, nach derzeitigem Kenntnisstand würde ich diese Einschätzung nicht treffen.« Keineswegs aber schloss er aus, dass künftig statistisches Material vorliegen könnte, das zu einer anderen Beurteilung berechtige. In Berlin seien derzeit zehn Prozent der Toten mit Corona in Verbindung zu bringen, in Brandenburg seien es fünf Prozent. Dieser Wert sei aber »keine sichere Aussagebasis«.

»Vielleicht zeichnet sich in den kommenden Wochen etwas ab, das in einer andere Richtung geht«, sagte Leerhoff. Derzeit sei es aber so, dass ein Mensch, der nach einem Busunfall sterbe und das Coronavirus in sich trage, zu den Coronatoten gezählt werde. In Brandenburg lasse sich eine sichere statistische Aussage auch deshalb nicht treffen, weil die durchschnittliche Sterbezahl mit etwa 100 pro Tag zu gering sei und Schwankungen das Bild jederzeit verzerren könnten. Hinzu komme, dass derzeit noch nicht in allen Fällen klar sei, ob Corona die Ursache für den Tod gewesen sei oder nur eine Begleiterscheinung.

Dies seien die Ergebnisse des »Corona-Dossiers«, sagte Statistikamtsleiter Jörg Fidorra. Er sei sich bewusst gewesen, dass seine Behörde bei ihrer Jahrespressekonferenz mit halbwegs aktuellen Aussagen zur Corona-Pandemie aufwarten musste, weil das eigentliche Berichtsjahr - also 2019 - von diesem Virus noch nicht berührt gewesen sei.

Fidorra gab am Montag das Ende einer Ära bekannt: Zum letzten Mal werde das Statistische Jahrbuch Berlin-Brandenburg in gedruckter Form vorgelegt; von nun an sei es ausschließlich digital verfügbar. Mitarbeiterin Steffi Kuß präsentierte bei dem Termin den neu gestalteten Internetauftritt des Statistikamtes. »Wenn ich eine Frage habe, gehe auch ich ins Internet und schlage kein Buch mehr auf«, erklärte Fidorra.

Bei der Pressekonferenz im Potsdamer Landtag wurde einmal mehr deutlich, dass die benachbarten Bundesländer Berlin und Brandenburg zwar statistisch gemeinsam erfasst werden, aber im Grunde zwei verschiedene Welten sind. Im Durchschnitt ist der Einwohner Brandenburgs fünf Jahre älter als der Berliner. 43 Prozent der Brandenburger sind inzwischen älter als 65 Jahre. Die Mark ist zu einem Land der Senioren geworden. Hier starben im Jahr 2019 etwa 12 000 Menschen mehr, als geboren wurden. So groß war das Geburtendefizit zuletzt 1995. Eine messbare Verjüngung erfährt Brandenburg lediglich durch Berliner Familien, die sich entschließen, ins Umland der Hauptstadt zu ziehen. Der Wanderungsgewinn für den Berliner Speckgürtel betrug 2019 immerhin fast 23 000 Menschen. Vom Wendeknick, also vom Einbrechen der Geburtenzahlen in Ostdeutschland nach 1990, haben sich Berlin und Brandenburg bislang nicht erholt.

841 Briten beantragten im Jahr 2019 in Berlin einen deutschen Pass und 179 taten das in Brandenburg - Stichwort: Brexit.

In Berlin wurden im vergangenen Jahr 110 006 Pkw neu zugelassen, das sind knapp zehn Prozent mehr als 2018. Zwölf Prozent der Neuzulassungen verfügten statt eines herkömmlichen Verbrennungsmotors über einen alternativen Antrieb. In Brandenburg sank die Zahl der Neuzulassungen um 2,1 Prozent auf 84 000 Fahrzeuge, davon 8,3 Prozent mit einem alternativen Antrieb.

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