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Verbrannte Erde, verwundetes Land

Nur wenige Aserbaidschaner können schnell in die im Bergkarabach-Krieg mit Armenien eroberten Gebiete zurückkehren

  • Von André Widmer, Fizuli/Suqovushan
  • Lesedauer: 6 Min.

Der Krieg um Bergkarabach ist durch Aserbaidschan im Süden der Front gewonnen worden. Beispielsweise hier an der Straße zwischen Alkhanli und Fizuli nahe der Grenze zum Iran, wo die aserbaidschanische Armee die armenischen Besatzer insbesondere mit Drohnenangriffen in die Flucht geschlagen hat. Noch jetzt im Dezember sind zahlreiche Spuren der intensiven Kampfhandlungen in der Gegend zu sehen: ausgebrannte Panzer, verlassene Stellungen und Erdwälle, zurückgelassene Uniformen, halb volle Munitionslager. In einem Wagenpark stehen abgebrannte Fahrzeuge - und auf einer der Ladeflächen liegen drei verkohlte Leichen, mutmaßlich armenische Soldaten. Etwas weiter Richtung Fizuli ist eine grüne Wiese übersät mit schwarzen Granattrichtern. Die noch relativ frischen Spuren auf und neben dieser Straße lassen vermuten, wie stark die Kämpfe hier gewesen sein müssen. Wer hier aus einem Fahrzeug aussteigt, muss Vorsicht walten lassen. In der Gegend liegt viel unbenutzte Munition. Die Stadt Fizuli selber ist nach der 27-jährigen Besetzung fast vollständig zerstört, die Natur wuchert. Allerdings errichteten die Armenier am Stadtrand eine Truppenbasis, die sie nun aber im Zuge der neuen Kampfhandlungen verlassen haben.

Der zweite Krieg um Bergkarabach endete am 9. November dieses Jahres nach 44 Tagen heftiger Kämpfe und der Rückeroberung der Gebiete Fizuli, Zangilan, Jabrail, Gubadli, der Stadt Shusha und weiterer Ortschaften. Die aserbaidschanische Armee erkämpfte insbesondere im südlichen Teil der 27 Jahre lang von den Armeniern besetzt gehaltenen Regionen Aserbaidschans große Geländegewinne und mit den im Norden zurückeroberten Gebieten war man im Begriff, die Armenier in Stepanakert einzukesseln. Um den Konflikt besser verstehen zu können, muss man wissen, dass es Aserbaidschan längst nicht nur um Bergkarabach ging. Die von den Armeniern ebenfalls besetzten sieben Bezirke rund um Bergkarabach waren mit über 90 Prozent ethnischen Aserbaidschanern besiedelt, von dort stammte der Großteil der Hunderttausenden Geflüchteten aus dem ersten Krieg.

Der von Russland vermittelte Waffenstillstand verhinderte nun die Einkesselung der Armenier in Stepanakert, beinhaltete aber auch die gestaffelte Rückgabe der Rayons (Bezirke) Agdam, Kelbajar und Lachin im November und Dezember an Aserbaidschan. Der fragile Waffenstillstand wird derzeit von rund 2000 russischen Soldaten einer Friedensmission überwacht. Während des Krieges starben nach offiziellen Angaben insgesamt auf beiden Seiten mehr als 5000 Soldaten. Zudem wurden mehr als 100 Zivilisten getötet. Der erste Krieg zwischen 1988 und 1994, bei dem die Armenier rund 15 Prozent des völkerrechtlich anerkannten Territoriums von Aserbaidschan besetzten, forderte rund 30 000 Todesopfer. Damals flüchteten rund 800 000 Aserbaidschaner oder sie wurden vertrieben. Auch etwa 250 000 Armenier verließen ihre frühere Heimat, zum Beispiel Baku. Es entstand eine faktisch ethnische Trennung, die bis heute anhält und womöglich mit dem neuen Waffengang 2020 noch stärker zementiert worden ist.

Neben Region und Stadt Fizuli präsentieren sich ganze Landstriche verwüstet nach der Besetzung durch die armenischen Truppen. Die Stadt Agdam, von wo sich die Armenier auf den 20. November hin zurückzogen, versinnbildlicht diese Situation. Agdam, das zwischen den armenischen Siedlungsgebieten in Bergkarabach und den Schützengräben der Waffenstillstandslinie von 1994 bis 2020 lag, diente den Armeniern in erster Linie als eine Art Selbstbedienungsladen. Das hatte schon 2010 mit Robert Avetisyan ein Vertreter der sogenannten und selbst ernannten Republik Bergkarabach gegenüber der Schweizer »Wochenzeitung« bestätigt: »Das Einsammeln von Metall und Baumaterialien lässt sich durch den Wiederaufbau der armenischen Siedlungen in unserer Republik begründen, die schließlich von den Aserbaidschanern zerstört wurden.« Einige Moscheen wurden als Viehställe missbraucht.

Neben Agdam sehen viele andere Gebiete so trostlos und zerstört aus: Fizuli, Jabrail, Zengilan, Gubadli. Punktuell nutzten die Besatzer das Land für Agrarwirtschaft. Bewohnbar werden diese Rayons aber lange Zeit nicht sein. Anama, die staatliche Minenräumungsorganisation Aserbaidschans, geht von etlichen Jahren Arbeit aus. Andere Gebiete wie Kelbajar, das zwischen Bergkarabach und Armenien liegt, jedoch vor dem ersten Krieg im letzten Jahrhundert ebenfalls zu über 90 Prozent von Aserbaidschanern bewohnt war, wurde von den Armeniern aktiv besiedelt. Als sie den Bezirk gemäß Waffenstillstandsabkommen Ende November an Aserbaidschan zurückgaben, zündeten etliche Zivilisten die Häuser an, in denen sie zuvor ein Vierteljahrhundert gewohnt hatten.

Im Gegensatz zu Hunderttausenden seiner aserbaidschanischen Landsleute hat Xaliq Hümbetov Glück. In seinem Heimatdorf Suqovushan, das auf Armenisch Madagiz heißt, im Nordosten des ehemals besetzten Gebietes, aus dem er 1993 flüchten musste, haben die Armenier eine Armeebasis installiert. Hier gab es auch ziviles Leben bis zum zweiten Krieg in diesem Jahr. Trotz der Kämpfe im Herbst blieben viele Häuser von größeren Schäden verschont. Jetzt sind die Armenier weg, aber die Gebäude stehen noch. Die zu Aserbaidschan gehörende, an einem Stausee liegende Ortschaft hatte vor dem ersten Krieg eine armenische Bevölkerungsmehrheit. »Wir lebten hier im Respekt zu anderen. Wir waren nie gegen die Armenier«, sagt Hümbetov. Im Nachbarhaus lebten damals Armenier. An deren Namen kann er sich allerdings nicht mehr erinnern. »Diese Fenster hat mein Vater gemacht«, sagt Xaliq Hümbetov, bei seinem Haus in Suqovushan stehend. Der groß gewachsene, schlanke Familienvater sieht glücklich aus. Er ist jetzt bereits zum zweiten Mal seit der Rückeroberung durch die aserbaidschanische Armee in seinem Heimatdorf und vor seinem Haus, das noch in gutem Zustand ist. Derzeit haben es sich einige Soldaten hier bequem gemacht. Der Bau wurde in seiner erzwungenen Abwesenheit von Armeniern bewohnt und sogar etwas ausgebaut. »Ich verbrachte meine Kindheit hier«, sagt Hümbetov, der als 14-Jähriger geflüchtet war. Seine Familie war offenbar relativ wohlhabend. Das zweistöckige Haus befindet sich in einer guten Lage am Stausee. Kein Wunder, dass hier jemand einzog. Hümbetovs Vater besaß vor dem ersten Krieg 200 Schafe, 30 Pferde und 50 Kühe, erzählt der Sohn. »Mein Vater war ein hart arbeitender Mann.« Heute leben seine Eltern nicht mehr. Xaliq Hümbetov hingegen verbrachte die letzten Jahre mit seiner Familie in einer großen Flüchtlingssiedlung am Rande der Stadt Terter, nicht weit von Suqovushan. Er blieb der Familientradition treu und betreibt Landwirtschaft, baut Zuckerrüben und Baumwolle an. Im diesjährigen zweiten Krieg um Bergkarabach geriet die Flüchtlingssiedlung in Terter aber unter Beschuss durch die armenische Artillerie. Während die Familien aus Terter evakuiert wurden, blieb Hümbetov mit einigen Männern in der Flüchtlingssiedlung, harrte im Schutzraum aus, während draußen die Geschosse detonierten.

Jetzt ist der Krieg zum Glück vorbei. Und Xaliq Hümbetov ist guter Dinge, dass er schon bald dauerhaft in sein Haus in Suqovushan zurückkehren darf. Derzeit ist es nur mit Spezialbewilligung möglich, das Dorf für eine dauerhafte Rückkehr noch nicht freigegeben. »Wir wollen mit der Familie zurückkehren. Unsere Kinder sind mit der Sehnsucht nach diesem Land aufgewachsen. Wir haben von diesem Land erzählt, wussten, wir erzählen den Kindern etwas wie ein Märchen. Wir haben von unserem Mutterland wie von einem Märchen erzählt. Heute sehen sie, dass Märchen wahr werden können. Wir werden hierher zurückkehren und meine Kinder werden hier aufwachsen. Weil das unser Land ist.«

Dass die Regierung Aserbaidschans nicht lange warten will mit dem Anschluss der einst armenisch besetzen Gebiete und dem Rest Aserbaidschans, wird an diesem trüben Dezembertag zwischen Terter und Hümbetovs Heimatdorf Suqovushan klar: Es wird geteert, die etwa zehn Kilometer lange Straßenverbindung, einst durch die Waffenstillstandslinie unterbrochen, wieder hergestellt. Und Ortschaften, die 27 Jahre voneinander getrennt waren, werden wieder miteinander verbunden.

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